„Es geht um unser Leben“

USA Seit Urzeiten leben die Gwich’in von Karibu-Rentieren. Jetzt wollen Energiekonzerne deren Rückzugsgebiet zerstören
Die Gwich’in kämpfen nicht allein. Viele US-Demokraten stehen ihnen bei
Die Gwich’in kämpfen nicht allein. Viele US-Demokraten stehen ihnen bei

Foto: Helen H. Richardson/The Denver Post/Getty Images

Ihre Kinder und Enkel sehen sie nicht sehr oft. Eine Protestaktion mit verbündeten Indigenen in New Mexico, eine Demonstration vor der Aktionärshauptversammlung von BP in London, Gespräche mit Politikern des Repräsentantenhauses und Senats in Washington. Immer wenn sie nach Hause in die leeren Weiten des arktischen Alaskas zurückkehre, sei das die Ankunft in einem anderen Leben, sagt Bernadette Dementieff, 43, Executive Director des Gwich’in Steering Committee. „Das ist mein Zuhause.“

Es geht um die Kinder und Enkel, ihre Familie, die Kultur und Koexistenz mit den Karibus, einer Rentierart – um alles quasi. Dementieff musste nach der High School erleben, dass sich ihr Bruder das Leben nahm. Sie begann, Alkohol und Drogen zu konsumieren. Bei einer Reise nach Fort Yukon in Alaska – traditionell Gwichyaa Zhee genannt –, wo ihre Vorfahren seit Jahrtausenden lebten, fand sie einen anderen Weg und begann, ihr Leben dem Kampf um ihr Volk und die gefährdeten Karibus zu widmen.

Um die große Porcupine-Herde, eine der bedeutendsten weltweit, schwelt schon seit den 1980er Jahren politischer Streit und erfasst inzwischen die zweite und dritte Generation der indigenen Gwich’in Nation – gut 9.000 Menschen, die das Gebiet auf US- und kanadischer Seite bewohnen. Es gibt das Gwich’in Steering Committee, um deren Arbeit zu bündeln.

Jedes Jahr im Frühjahr zieht die Herde mit gut 218.000 Tieren in die von Menschen unberührte Küstenregion des Arctic National Wildlife Refuge (ANWR) an der Beaufortsee. Dort scheinen die klimatischen Bedingungen, die Topografie und Vegetation für die Karibus perfekt zu sein. Nach einer anderthalbtausend Kilometer langen Wanderung kommen dort innerhalb weniger Wochen 40.000 Karibukälber zur Welt. Die Ebene ist durch Küstenwind weitgehend von hartnäckigen Moskitoschwärmen frei, die offene Ebene bewahrt vor Verfolgertieren aus den Bergen. In dieser Region rasten ebenso gut 200 Arten von Zugvögeln auf ihrem Weg zu fünf Kontinenten, hier leben Moschusochsen, die im Bestand gefährdet sind, oder Polarbären, die das Schwinden des Eises aus der Beaufortsee vertreibt. Das Arctic Refuge mit einer einzigartigen Küstenregion gilt als „Perle“ der US-Naturschutzgebiete.

Eine heilige Stätte

Die Gwich’in nennen die Küstenebene „Iizhik Gwats’an Gwandaii Goodlit“, übersetzt „Heilige Stätte, wo alles Leben beginnt“. Sie ist ihnen so heilig, dass sie keinen Fuß hineinsetzen, es selbst in Zeiten des Hungers nie taten. Sie pflegen seit jeher eine tiefe kulturelle und spirituelle Verbindung zu den Tieren: „Früher waren wir eins“, erzählt Dementieff, „und als sich die Menschen und Karibus trennten, blieb von ihrem Herzen ein Stück in unserem Herzen und von uns ein Stück im Herzen der ‚vadzaih‘, der Karibus. Wir gaben uns das Versprechen, füreinander Verantwortung zu tragen. Was sie verletzt, das verletzt uns.“ Es gibt Erzählungen von Stammesältesten, die in Träumen Karibus begegneten und von ihnen während eines schlimmen Hungers den Weg zum Aufenthaltsort der Herde gewiesen bekamen.

Neujahr, Hochzeiten, Geburtstage – keine Feier ohne Karibu-Menü. Dann wird in der örtlichen Community Hall frisches rotes Fleisch von den Knochen getrennt, jeder, der helfen will und kann, ist dabei. Die Jüngeren lernen mit scharfen Messern umzugehen, die Ältesten erzählen Geschichten, fast immer solche, aus denen man etwas lernt – übers Land, über die Jagd, darüber, was nötig ist, damit die Gemeinschaft funktioniert. Auch wenn die meisten absolute Meister im Umgang mit Fleisch sind – Perfektionismus gibt es nicht. Vielmehr soll die Tradition aufrechterhalten bleiben, um Verantwortung für die Tiere, das Land und die Ernährung zu übernehmen – um am Leben teilzunehmen. „80 Prozent unseres Essens bekommen wir vom Land“, sagt Dementieff. „Von den Dingen im kleinen Community-Supermarkt kann man nicht leben – ein Liter Milch kann da bis zu 13 Dollar kosten, ein Pfund Kaffee 20 Dollar! Es ist der Wahnsinn.“

Im März 2018 kursierte ein Statement von Donald Trump, der mit der ihm eigenen Großspurigkeit verkündete: „Ich dachte nicht, dass es eine große Sache ist. Eines Tages rief ein Freund von mir an, der im Ölbusiness ist, und sagte: ‚Ist es wahr, dass du ANWR (das Arctic National Wildlife Refuge – P. K.) auf der Rechnung hast?‘ Ich sagte: ‚Oh, keine Ahnung, wen interessiert das? Was ist das?‘ Er sagte: ‚Weißt du, Reagan versuchte es, jeder einzelne Präsident versuchte es, und kein einziger Präsident hat es geschafft.‘ Ich sagte: ‚Machst du Witze? Jetzt liebe ich es!‘ Und danach kämpften wir wie die Verrückten, um ANWR zu bekommen. Er hat mich dazu überredet.“

Das sagte der Präsident, nachdem seine Administration Ende 2017 eine groß angelegte Steuerreform durchgebracht hatte, die immense Entlastungen für Superreiche brachte und einen unauffälligen Absatz im letzten Teil des 560-Seiten-Dokuments enthielt. Dessen Inhalt: die Öffnung der Küstenebene des Arctic Refuge für den Öl- und Gasabbau als Finanzierungsausgleich. Geplant seien Einnahmen von einer Milliarde Dollar.

Dass die Küstenregion im Norden des Naturschutzgebietes für Konzerne freigegeben wird, ist für die Gwich’in ein Albtraum. Seit Jahrzehnten warnen ihre Stammesältesten: Wenn hier Industrie angesiedelt wird, ist die Rentierherde existenziell in Gefahr. Viele Studien bestätigen diese Prognose: Die Ebene ist für das Überleben der Porcupine-Karibus unverzichtbar.

Wie viel Lebenszeit die Gwich’in seit 1980 in den politischen Kampf investiert haben, um lediglich so weiterleben zu können, wie das für ihr Volk seit Jahrtausenden üblich ist, lässt sich nicht ermessen. Bernadette Dementieff sagt von sich, sie widme mittlerweile fast ihr ganzes Leben der Rettung des Schutzgebiets. Sie tue das Seite an Seite mit einigen US-Demokraten. Tatsächlich stand die Öffnung für die Öl- und Gasförderung immer wieder kurz bevor, wurde aber im Tauziehen zwischen Demokraten und Republikanern immer wieder gestoppt. 1989 war es das Riesen-Ölleck des Tankers Exxon Valdez, das im letzten Moment die Rettung war, weil Ölprojekte auf einen Schlag politisch nicht mehr opportun erschienen. Präsident Obama kündigte 2014 zwar an, das Gebiet als dauerhaft geschützte „wilderness area“ auszuzeichnen, setzte es aber vor dem Amtswechsel nicht mehr durch. Dass der Raubbau bereits in ein Gesetz gegossen ist, führt den üblichen Prozess ad absurdum: Wenn öffentliches Land zum Leasingverkauf freigegeben wird, müsste es eigentlich ergebnisoffene Prüfungen geben, ob dies allen Vorschriften, Umweltgesetzen und so weiter entspricht.

Verlogen und kalt

Angesichts der Ereignisse herrscht bei den Gwich’in Niedergeschlagenheit, aber auch der Wille, nicht aufzugeben. „Was uns stark macht, ist unsere Geschlossenheit“, erklärt Lorraine Netro, eine Stammesältere aus der kanadischen Community Old Crow. Wenn sie bei kulturellen Meetings wie den jährlichen „Caribou Days“ unermüdlich über die Lage aufklärt, kommen ihr oft die Tränen. „Die Karibus sind unser Leben. Die Karibus sind wir. Es geht um unser Leben. Das müssen die Menschen verstehen.“

Greenpeace USA, die Alaska Wilderness League, der Sierra Club und andere stehen hinter ihnen, auch einige Inuit. Zudem haben über eine Million Amerikaner die Möglichkeit genutzt, während einer öffentlichen Kommentierungsfrist dem Ministerium ihre Meinung mitzuteilen. Laut Center for American Progress seien 99 Prozent davon Gegner der Ölpläne. Viele sind zu den öffentlichen Anhörungen gegangen, um den Gwich’in beizustehen.

Initiiert von den US-Demokraten Jared Huffman und Brian Fitzpatrick verabschiedete das Repräsentantenhaus im September – ein Novum – eigens einen Gesetzentwurf, der das verhängnisvolle Dekret rückgängig machen und die Ebene dauerhaft unter Schutz stellen soll. Doch dass die Vorlage durch den mehrheitlich republikanischen Senat kommt, ist unwahrscheinlich.

Die Demokraten haben in Washington beim Haushaltskompromiss für 2020 ausgehandelt, dass die Administration keine Leasingverkäufe vornehmen darf, würde dadurch weniger als die anberaumte Summe eingenommen. Laut Experten könnte für ANWR deutlich weniger Geld geboten werden, womöglich nur ein zweistelliger Millionenbetrag, doch ist das noch Verhandlungssache zwischen beiden Kongresskammern.

Die Respektlosigkeit, mit der die Trump-Administration vorgeht, ist eklatant. Im Entwurf für ein Umweltgutachten wurde vor Jahresfrist unverhohlen davon gesprochen, dass Öl- und Gasabbau „einen Verlust an kultureller und individueller Identität, die mit der Subsistenzwirtschaft verbunden ist“, bedeuten könnte. Darüber hinaus sei ein „Verlust an traditionellem Wissen über das Land“ denkbar bis hin zu „Auswirkungen auf die Spiritualität“. Die Trump-Regierung stört das nicht weiter, sie drückt aufs Tempo, um die Leasingverkäufe an Öl- und Gaskonzerne unter Dach und Fach zu bringen. Im September war das finale Umweltverträglichkeitsgutachten fertig, das vielen rechtlichen Anforderungen nicht gerecht wurde. Es empfiehlt maximale Bebauung, die ganze Ebene soll geöffnet werden – ab Januar 2020.

Gegen die Verlogenheit und Herzenskälte in Washington hilft nur Zusammenhalt.Viele indigene Chiefs, dazu Wissenschaftler, Junge und Alte folgten im Juni dem Aufruf, zum ersten „Arctic Indigenous Climate Summit“ nach Fort Yukon zu kommen. Sie versammelten sich unter freiem Himmel in der kristallklaren Frühsommer-Luft mit dem würzigen Duft der arktischen Tundra. Den Stammesältesten im traditionellen Outfit zuzuhören, die jedem Anwesenden zu verstehen gaben, wie wichtig auch ihr Beitrag sei, um den Karibus zu helfen, sorgte für eine eindrucksvolle Atmosphäre. Ganz abgesehen davon, dass der Austausch ermutigend war. Die drei Tage hinterließen Eindruck, wie das Alli Harvey vom Sierra Club zum Ausdruck brachte: „Selbst angesichts der dramatischen Veränderungen, die der Klimawandel verursacht, ist niemandem daran gelegen, nach Schuldigen zu suchen. Das Einzige, wozu die Gwich’in uns auffordern, mündet in den Auftrag, Einigkeit und Aktion zu zeigen.“

Solange sie atme, sagt Bernadette Dementieff vom Gwich’in Steering Committee, stehe sie dafür ein, die Porcupine-Karibus und die Lebensweise der Gwich’in zu schützen. „Unsere traditionellen Jäger und Wissenschaftler sagen uns, dass der Klimanotstand in der Arktis unsere Nahrung, unser Wasser und unsere Zukunft bedroht. Das gilt für die indigenen Völker auf der ganzen Erde. An einer Frontlinie der Klimakrise müssen wir zusammenstehen und von unseren Regierungen fordern, dass sie Öl- und Gasunternehmen verbieten, die ihren Profit fortgesetzt über unsere Grundbedürfnisse und Menschenrechte stellen.“ Es gehe um eine Zukunft, in der die uralte Karibuherde weiter die Rolle spielen könne, die sie seit Tausenden von Jahren gespielt habe.

Petra Krumme arbeitet als freie Lektorin und Autorin. Sie verbrachte ein Dreivierteljahr in der arktischen Gwich’in-Community Old Crow in Kanada

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