Florian Schmid
Ausgabe 1514 | 24.04.2014 | 06:00 1

„Es geht um Verdrängung“

Im Gespräch Die Latte-Macchiato-Mütter sollten nicht im Vordergrund stehen, wenn wir über Gentrifizierung nachdenken, sagt Andrej Holm

Der Freitag: Dass es soziale Verdrängung in unseren Städten gibt, ist unstrittig, sogar eine Studie der Bertelsmann-Stiftung konzedierte diesen Prozess. Wie stark ist er in Berlin?

Andrej Holm: Er ist stark ausgeprägt und die stärksten Mietsteigerungsdynamiken finden in den ärmsten Vierteln statt. Man kann zwei Karten übereinanderlegen mit der Sozialstruktur und mit den Mietsteigerungen, dann sieht man, dass im Moment in Neukölln, in Kreuzberg, in Moabit und im Wedding, wo es den größten Anteil von Hartz IV-Haushalten gibt, die stärksten Mietsteigerungsdynamiken zu beobachten sind. Das löst einen unglaublichen Verdrängungsdruck aus. Dazu kommt, dass die Hartz IV-Haushalte, die sich an die Bemessungsgrenzen der Jobcenter halten müssen bei den Kosten für die Unterkunft, im Prinzip so gut wie keine Wohnung mehr im Innenstadtbereich finden können. Von allen Mietangeboten stadtweit liegen nur noch knapp 12 Prozent unterhalb dieser Bemessungsgrenze. Und die konzentrieren sich in den Großsiedlungen am Stadtrand.

Überschrieben wird dieser Vorgang mit „Gentrifizierung“. Kann man den Begriff klar definieren? Manchmal gibt es daran Zweifel.

Man kann den Begriff ziemlich genau definieren. Das ist der Austausch von einkommensschwächeren durch einkommensstärkere Gruppen in Folge von wohnungswirtschaftlichen Aufwertungsprozessen. Dieser Appell zur Trennschärfe hat mit den Veränderungen seit den 80er und 90er Jahren zu tun. Damals wurde gentrification als Nachbarschaftsphänomen in einzelnen Vierteln beschrieben. Was wir heute beobachten, ist ein stadtweiter Prozess der Aufwertung. Sigmar Gude und Kerima Bouali schlagen deshalb vor, von Wohnungsnot und nicht mehr von gentrification sprechen. Aus meiner Sicht ist es kein Widerspruch, wir müssen uns jedoch von dem Bild emanzipieren, gentrification als einen Wandel von Lebensstilen und der Etablierung neuen Kultureinrichtungen oder anderen Gewerbestrukturen zu verstehen. Das macht das Feuilleton gerne. Doch gentrification ist kein kulturelles Phänomen, denn im Kern geht es immer um soziale Fragen der Verdrängung.

Aber gab es diese Prozesse nicht auch schon früher in Berlin, etwa in den 80ern in Schöneberg und Prenzlauer Berg?

In den 80er und 90er Jahren ist gentrification ein Prozess gewesen, der immer klar verortet war in einzelnen Quartieren, etwa in Schöneberg oder in den 90ern in Mitte und Prenzlauer Berg, also die Sanierungsgebiete in Ost-Berlin betraf. Das war ein Prozess, der durch die Stadt gewandert ist. Aber die Betroffenen hatten die Möglichkeit, einfach ins nächste Viertel auszuweichen. Heute gibt es diese individuellen Kompensationsmöglichkeiten, einfach ins nächste billige Quartier umzuziehen, nicht mehr. Wer heute in Kreuzberg oder Neukölln die Wohnung verliert, dem bleibt eigentlich nur der Stadtrand. Das Wohnungsproblem ist für viele einfach nicht mehr selber zu lösen. Das ist auch einer der Gründe, warum es so viel kollektiven und politischen Protest zur Wohnungsfrage gibt.

Ihr Band „Reclaim Berlin“ stellt Initiativen gegen Aufwertungsprozesse vor, unter anderem „Kotti und Co“ und „Mediaspree versenken“. Haben sich die politischen Initiativen in den letzten Jahren verändert?

Es ist deutlich anders geworden. In den letzten zehn Jahren wurde Kritik an der falschen Wohnungspolitik oder den Problemen in der Stadt vor allem von großen Interessenvertretungen und den Mieterorganisationen getragen. Jetzt wird der Protest hauptsächlich von Mietergruppen in den Häusern organisiert. Es gibt in Berlin über 70 Hausgemeinschaften, die sich jeweils kollektiv gegen ihre Eigentümer zur Wehr setzen. Das ist ein sehr fragmentierter Protest, weil das auf einzelne Häuser bezogen ist, aber es ist neu, dass die unmittelbar Betroffenen sich selbst organisieren, sich selbst ermächtigen und Forderungen aufstellen.

Das Berliner Protestpanorama reicht von „Kotti und Co“, wo pragmatisch eigene Mietforderungen durchgesetzt werden sollen, bis hin zur autonomen Szene. Kann diese vielfältige Bewegung Schlagkraft entwickeln?

Ich glaube schon. Es ist eine Stärke des Berliner Protestes, dass sehr unterschiedliche Bewegungsansätze in dieselbe Richtung gehen und sich im Moment ja auch nicht gegenseitig blockieren, sondern ergänzen. Die Frage ist, ob die fragmentierten Aktivitäten zusammengeführt werden können.

Das Thema Tourismus ist sehr aufgeladen in Berlin. Manchmal entsteht der Eindruck als gebe es eine regelrechte Tourismus-Phobie. Was halten Sie davon?

Unbestritten ist, und das wird auch in Johannes Novys Text in Reclaim Berlin sehr deutlich, dass wir eine immens gestiegene Zahl an Übernachtungen haben, dass sich der Charakter des Tourismus verändert hat. Statt Sehenswürdigkeiten aufzusuchen, geht es in die Kieze, um die authentischen Berlinerfahrungen zu machen. Wir haben ein internationales Tourismusmarketing, sind aber weit davon entfernt, eine Tourismuspolitik zu haben. Wie reagiert man, wenn sich die Übernachtungszahlen verdoppeln und die Orte des Tourismus verändern? Die Politik wirkt hilflos, wenn man beispielsweise die Konflikte auf der Admiralbrücke beobachtet. Das was uns einfällt ist, die Polizei zu rufen und zu sagen, hier gibt es jetzt eine Sperrstunde beim öffentlichen Biertrinken, ab zehn muss Ruhe sein. Auch das Problem mit den geschätzt 15.000 Ferienwohnungen zeigt deutlich, dass es kein durchdachtes Konzept dafür gibt, mit dem Werbeerfolg des Tourismus umzugehen.

Wie steht es um die Künstler? Sie werden oft als Akteure der Aufwertung beschrieben, sind aber auch diejenigen, die verdrängt werden.

Die Rolle der Künstler im Aufwertungsprozess wird überbewertet. Letztendlich ist Aufwertung und Verdrängung ein immobilienwirtschaftlicher Prozess. Wir sehen das an den Werbestrategien. Eine Lage am Kanal wird ebenso beworben wie eine Lage im angeblichen Künstlerquartier. Auf die realen Kosten von Häusern und Wohnungen haben weder Wasserlagen noch Galerien einen Einfluss. Was sich ändert, ist die Ertragserwartung der Eigentümer. Wir beobachten, dass es in den Räumen, in denen sich Subkultur, Künstlerinnen und politische Initiativen besonders konzentrieren, eine große Ertragslücke gibt, in denen sozusagen unterbewertete Märkte aus immobilienwirtschaftlicher Sicht sind. Es gibt aber keinen Ursache-Wirkungszusammenhang: Da wo es eine Galerie gibt oder da, wo ein Programmkino oder ein Buchladen aufmacht, dass dann da deswegen die Mieten steigen.

Wie steht es um die Möglichkeiten, sich zu wehren? Kann in Zeiten europäischer Krisenproteste, die hier kaum verfangen, zumindest hier weiteres Protestpotenzial entstehen?

Im internationalen Vergleich beobachten wir eine Wechselwirkung zwischen der Zuspitzung sozialer Probleme etwa bei der Wohnungsversorgung und dem Protest auf der Straße. Die ureigene Berliner Erfahrung ist ja auch, dass sich Stadtpolitik nie von sich heraus in eine soziale Richtung bewegt, sondern dass alles, was in Berlin an sozialer Wohnungspolitik durchgesetzt wurde, zum Beispiel die behutsame Stadterneuerung in Kreuzberg in den 80er Jahren, das Ergebnis von Protesten auf der Straße und von langfristigen Mobilisierungen war. Von daher bin ich ganz optimistisch, dass die vielen kleinen Proteste, die wir in den Hausgemeinschaften beobachten und in den Stadtteilgruppen und in den Initiativen wie „Zwangs-räumungen verhindern“, dass das so weit anwächst, dass es eine wirksame Veränderung von Politik durchsetzen kann und auch abschreckend auf all jene Investoren wirkt, die auf das schnelle Geld in Berlin hoffen. Eine soziale Stadt muss immer gegen Profitinteressen durchgesetzt werden und Protest ist eine fundamentale Voraussetzung dafür.

Das Gespräch führte Florian Schmid.

Andrej Holm lehrt und forscht als Stadt- und Regionalsoziologe an der Humboldt-Universität in Berlin. Der gebürtige Leipziger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Prozessen der Gentrifizierung.

 

„Reclaim Berlin“: Das Buch zum Interview

 Aufwertungsprozesse Mit Reclaim Berlin – Soziale Kämpfe in der neoliberalen Stadt (Assoziation A, 2014, 368 S., 18 €) legt unser Gesprächspartner Andrej Holm als Herausgeber ein umfassendes und differenziertes Kompendium zum Thema Gentrifizierung und Berliner Stadtentwicklungspolitik vor. Politische Initiativen von der Bürgerplattform über den selbstorganisierten Mieterprotest bis hin zu Autonomen und Hausbesetzern werden ebenso vorgestellt wie Akteure des Aufwertungsprozesses vom Quartiersmanagement bis zu den unterschiedlichen Spekulanten. Es geht um die Rolle der Kreativwirtschaft, das leidige Berliner Dauerthema Tourismus, aber auch um Obdachlosigkeit und Law and Order-Praktiken im Stadtraum.
Reclaim Berlin zeigt, wie zahlreich und vielfältig die Schauplätze der stadtpolitischen Auseinandersetzungen in Berlin sind. Neben viel Zahlenmaterial, das die Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte belegt, warten die Texte des Bandes mit reichlich Literaturangaben auf, die weiterführend auf die Texte politischer Aktivisten, Zeitungsartikel und wissenschaftliche Studien verweisen. FS

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 15/14.

Kommentare (1)

Johannes Renault 28.04.2014 | 19:26

Die Latte-Macchiato-Mütter

sehr gut beobachtet, aber nicht zielführend so pauschal die Mutter-Menschen zu brüskieren. Nicht nur dass nicht alle Mütter so sind, es sind nur 53,77 Prozent, nein, sie stossen auch die restlichen nicht "nestbauenden" Frauen vor den Kopf, die sich vor dergleicher Provokation eher der Vernunft zugeschrieben hätten. Ihrem eigenen Ziel. Ihrer Bestimmung.

Logisch: schrott. "Ihrer Bestimmung", "Ihrem natürlichen Zubringungsortbestimmungssein etc".

Doch, so ist es.

Ich bin froh / nicht froh, eine Kuh zu sein. So beleidigend auch immer sein wird, eine Menschenkuh genannt zu werden.

Ich bin keine Kuh. Mit Eutern.