Es geht um Zuflucht

Debatte Nicht nur in der Politik ist Streit um die doppelte Staatsbürgerschaft entbrannt, auch unter Migranten. Lamya Kaddor erklärt die wichtige „Brückenfunktion“ des Modells
Lamya Kaddor | Ausgabe 33/2016 10

Letztlich nehmen die deutschen Integrationsdebatten immer denselben Verlauf: Am Ende stehen repressive Ideen; repressiv hinsichtlich Einwanderern und deren Nachkommen selbstverständlich. Das ist einfach und deshalb populär. Gegenüber der Mehrheitsgesellschaft Forderungen zu stellen wäre politisch ziemlich unklug. Schließlich sind das diejenigen, die einen später wählen sollen. Noch geht diese Strategie auf. Wir sollten uns allerdings darauf einstellen, dass das nicht mehr lange so funktioniert. Das zeigt ein Blick in die USA. Dort versucht Donald Trump US-Präsident zu werden, indem er primär diejenigen anspricht, die bislang die absolute Mehrheit der US-Bevölkerung gestellt haben, weshalb man die Minderheiten in den vergangenen Jahrzehnten noch ruhigen Gewissens missachten konnte, wenn man wollte. Möglicherweise kann Donald Trump jetzt noch einmal von den alten Mehrheitsverhältnissen profitieren. Aber: Die Bevölkerungsverhältnisse verändern sich, nicht nur in den USA.

Diskussionen voller Trotz

Die bewährte Politstrategie, Minderheiten unter Repressionen zu stellen und dafür den Lohn bei der Mehrheit einzustreichen, wird auch in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten alsbald überholt sein – schon heute hat jeder fünfte Deutsche einen Migrationshintergrund. Auch wenn sich Vertreter der etablierten Parteien bisher nicht trauen, den Bürgern das offen zu sagen. Die Entwicklung folgt nämlich den Gesetzen der Globalisierung, des wirtschaftlichen Erfolgs der Staaten sowie den Gesetzen von Kriegen, Flucht und Vertreibung auf der Welt, wobei auch erfolgreiche Industrienationen wie Deutschland seit jeher ihre Finger im Spiel haben – sei es durch Waffenverkäufe oder Unterstützung für Diktatoren. Deutschland ist bereits das zweitbeliebteste Einwanderungsland in der OECD.

Auch wenn die Auswirkungen schon heute fatal sind: Einige Zeit wird es gewiss noch möglich sein, die Strategie der repressiven Rhetorik und Politik gegenüber Minderheiten fortzuführen. Und so erleben wir in diesen Tagen die Wiederinfragestellung der doppelten Staatsbürgerschaft, die europaweiten Forderungen nach Burka-Verboten oder die Verbannung von Burkinis am Strand von Cannes. Solch eine Politik jedoch ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Mit sachlichen Erwägungen hat sie nichts zu tun. Wie hieß es dazu jetzt so treffend polemisch im WDR-Sender Funkhaus Europa: „Den Doppelpass zur Terrorbekämpfung abzuschaffen, ist wie Trump wählen für den Weltfrieden.“

Die aktuelle Doppelpass-Diskussion entstand nach dem Muster des eingeschnappten Trotzverhaltens eines Kindes. Ich musste jedenfalls stark an meinen Sohn denken, wenn er vor lauter Empörung und unter höchster Anstrengung, seine Worte zu sammeln und zu ordnen, aufgeregt davon berichtet, dass sich sein Freund im Kindergarten mal wieder geweigert habe, genau das zu spielen, was er jetzt spielen wollte. Große Katastrophe!

Los ging es mit der Demonstration vom 31. Juli in Köln, wo an die 40.000 Demonstranten, fast alle mit Landessymbolen der Türkei geschmückt, aus Anlass des versuchten Militärputsches Mitte Juli auf die Straße gegangen waren. Allein die Vorstellung einer so großen Kundgebung sorgte in der Mehrheitsbevölkerung für Unverständnis, was in der Sache durchaus nachvollziehbar ist, im Ton nicht. „Freilandhühner demonstrieren für Käfighaltung“, machten sich die einen lustig, weil sie allen Demonstranten unterstellten, sie würden für den immer autoritärer agierenden türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan Solidarität bekunden. Andere fühlten sich fast schon persönlich beleidigt: „Wie können diese Deutschtürken so handeln? Sind sie nicht in diesem Land aufgewachsen, hier zur Schule gegangen und verdienen hier ihren Lohn? Sollen sie doch zurückgehen in die Türkei, diese undankbaren Gesellen!“

Ich unterstelle einem prominenten Bundespolitiker, so oder ähnlich gedacht zu haben: Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied und Bundestagsabgeordneter. Er war es, der quasi in Form einer vorgezogenen Retourkutsche schon Tage vor der Demo den Doppelpass auf die Agenda setzte. Wessen Herz für Erdoğan schlage, und wer für ihn und seine AKP auf die Straße gehe, der solle das besser in der Türkei tun, schrieb er in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel: „Wir müssen noch einmal über die doppelte Staatsbürgerschaft nachdenken.“

Freitag-Herausgeber Jakob Augstein schien in seiner SpiegelOnline-Kolumne Jens Spahn zuzustimmen, jedenfalls im äußeren Wortsinn. Damit tat er Recht – und wieder nicht. Dass die doppelte Staatsbürgerschaft letztlich Ausdruck missglückter Integration ist, wie Augstein schrieb, stimmt. Es gelingt Deutschland seit Jahrzehnten nicht, all seine Bürger auf einen Konsens zu vereinen, quasi eine „Leitkultur“ zu entwickeln, deren sich autochthone Deutsche wie Neu-Deutsche gemeinsam anschließen können. Dieses Scheitern findet seinen Ausdruck auch im Doppelpass. Einerseits.

Andererseits hat der Doppelpass eine Brückenfunktion, und in diesem Sinne kann er hilfreich sein. Ich selbst verkörpere die zweite Generation von Einwanderern. Ich bin deutsch, aber auch syrisch. Nicht weil ich in Syrien geboren worden wäre oder dort länger gelebt hätte, sondern weil meine Eltern Syrer sind. Sie sind Teil von mir, auch ihre Herkunft. Mal abgesehen davon, dass Syrien einen gar nicht aus der Staatsbürgerschaft entlässt, ich also schon immer Doppelpasslerin war: Solange man mich hier in diesem Land nicht vollkommen anerkennt – und das tut man nicht, wie mir ungezählte Hass-Mails und Hass-Kommentare von echten oder vermeintlichen autochthonen Deutschen seit Jahren täglich zu verstehen geben –, solange bin ich froh, noch einen zweiten Pass zu haben (auch wenn er mir angesichts der Lage in Syrien derzeit nichts nützt).

Prinzipiell steckt hinter dieser Überlegung die gleiche kafkaeske Vorstellung, die Türken auf die Türkei, Juden auf Israel, Italiener auf Italien und so weiter hoffen lässt: Sollte es für uns als Minderheiten in Deutschland gegen alle Vernunft irgendwann einmal wirklich ernst werden, vielleicht sogar lebensbedrohlich, dann gibt es da einen Zufluchtsort. Logisch, dass man sich aus dieser Haltung heraus diesen Zufluchtsort von der Mehrheitsgesellschaft nicht madig machen lassen will.

Beim sogenannten Doppelpass handelt es sich also eher um eine Refugium-Pass. Erst wenn der Rückhalt in der deutschen Gesellschaft so stark ist, dass man als Mensch mit migrantischem Hintergrund diese Sorgen nicht mehr bewusst oder unbewusst mit sich trägt, verliert der Doppelpass seine Brückenfunktion und wird obsolet. Im Idealfall geschieht das in späteren Generationen automatisch. Wie etwa beim Filmemacher Fatih Akin, der 1973 als Sohn türkischer Eltern in Hamburg geboren wurde und jetzt im Gespräch mit Zeit-Magazin einen Appell an Migranten formulierte: „Ey Leute, identifiziert euch mit diesem Land. Es ist schon okay hier.“

Für viele Migranten fühlt es sich in Deutschland aber eben ganz und gar nicht okay an, sie sehen sich ausgegrenzt. Zum Beispiel Bürger muslimischen Glaubens: Immer wieder wird ihnen vorgeworfen, sie seien integrationsunwillig. In manchen Fällen stimmt dieser Vorwurf sogar; warum sollten alle Muslime Engel sein? Aber es sind eben nicht alle Muslime integrationsunwillig, auf viele trifft das Gegenteil zu.

Die neu aufgebrandeten Debatten sind auch ein Ergebnis der Anti-Islam-Diskussionen, die uns seit nunmehr fast 20 Jahren erzogen haben. Ja, die Doppelpass-Diskussion ist eine weitere Facette davon. Seien wir ehrlich: Die wenigsten haben dabei wohl Deutsch-Amerikaner, Deutsch-Briten oder Deutsch-Belgier vor Augen. Nein, es geht vor allem um Deutsch-Türken und um das fremdenfeindliche Narrativ von deren angeblicher Integrationsverweigerung.

Wir betonen regelmäßig, dass vor allem Musliminnen mit Kopftuch integrationsunwillig seien, weil sie sich durch das Tragen dieses Tuches angeblich ganz bewusst von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen wollten. Doch die meisten Musliminnen mit Kopftuch wollen sehr wohl am gesellschaftlichen Leben partizipieren; warum sollten sie sich auch freiwillig ausgrenzen und das daraus resultierende Leid und den Schaden ertragen? Die Mehrheitsgesellschaft will sie aber nicht auf dem Arbeitsmarkt sehen – beziehungsweise macht ihnen (von Ausnahmen abgesehen) wegen des Kopftuchs nur Jobangebote, bei denen sie möglichst nicht gesehen werden.

Wir bezichtigen muslimische Kopftuchträgerinnen also, sich abzugrenzen, geben ihnen aber keine fairen Arbeitsmöglichkeiten. Warum? Islamfeinde sagen, weil Deutschland dann „islamisiert“ werde. Von fünf Millionen Muslimen unter 80 Millionen Einwohnern? Ist es nicht eher die Gesellschaft mit Abwehr- und Ausgrenzungsmechanismen, die „Parallelgesellschaften“ fördert? Warum wollen wir , um beim Beispiel zu bleiben, die Kopftuchträgerinnen zwingen, jemanden, dem sie aus ganzem Herzen voll vertrauen – Gott –, zu verleugnen für die Norm einer Gesellschaft, in der sie vor allem eines erfahren: Ablehnung, Ausgrenzung und Anfeindungen? Wir müssen uns auch solche Fragen stellen, wenn wir von gleichberechtigter Teilhabe sprechen – und diese einfordern wollen, qua Staatsbürgerschaftsrecht.

Mit symbolischen Gesetzgebungen wie einem Burka-Verbot wäre jedenfalls kein Fortschritt erreicht. Im Gegenteil. Wir würden damit negativen Emotionen des Sich-Nicht-angenommen-Fühlens verstärken. Allein die Forderung eines solchen Verbots nährt schon Skepsis, und das obwohl kaum eine Frau hierzulande eine Vollverschleierung trägt. Die Gedanken bei vielen gehen daher so: Es handelt sich um eine Stellvertreter-Debatte, um Muslime zu marginalisieren. Mit der Burka fängt es an, insgeheim wird auf weitergehende anti-islamische Verbote abgezielt oder – wenn ohne Religion argumentiert wird – auf weiteren Druck auf Menschen mit Migrationshintergrund. Kurz: Verbote, die in der Sache nichts bewirken, richten integrationspolitisch einen riesigen Schaden an.

Grundsätzlich funktioniert das deshalb, weil ein Migrationshintergrund per se häufig als defizitär wahrgenommen wird und als Herausstellungsmerkmal für die autochthone Bevölkerung dient. Dabei wollen die wenigsten von „uns“, dass ihr Migrationshintergrund permanent herausgehoben wird. In zwei Kulturen klarzukommen, ist in einer globalisierten Welt auch keineswegs ein Defizit – sondern ein absoluter Vorteil, ein Geschenk. Wer dieses Geschenk nicht hat und beruflichen Erfolg sucht, müht sich ab, um Fremdsprachen zu lernen und Auslandserfahrungen zu sammeln. Der Schizophrenie tut das trotzdem keinen Abbruch: Migrationshintergrund bleibt seltsam. Seltsam!

Zerissenheit überwinden

Solange Migration von Teilen der Bevölkerung – und das umfasst keineswegs nur ungebildete, obskure rechte AfD-Sympathisanten, sondern auch Bürgerliche, Politiker und Intellektuelle – mit Unbehagen bewertet wird, ist die Diskussion darüber, ob „wir“ ein oder zwei Pässe führen dürfen, wenig zielführend. Mir persönlich wäre es auch lieber, wenn in dritter, vierter, fünfter Generation ohne innere Zerrissenheit gesagt werden kann, wir sind Deutsche und tragen nur einen Pass. Aber das kann nun mal nicht bei allen so sein, wenn junge Menschen, deren Wurzeln schon seit 50 Jahren und mehr hier liegen, weiterhin als Fremde angesehen werden. Deshalb ist die Frage nach dem Doppel- oder dem einen Pass erst die zweite oder dritte, die wir uns stellen sollten. In Sachen Zusammenleben und Pluralität denken manche Kommentatoren, wie wohl auch Jakob Augstein, längst global – und sind damit der Zukunft und den meisten von uns einen Schritt voraus. Damit wir als Gesellschaft hinterherkommen können, brauchen wir jetzt zuallererst ein Umdenken: vom völkischen Deutschland hin zum pluralen Deutschland.

Lamya Kaddor ist Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin. Am 21. September erscheint ihr neues Buch Die Zerreißprobe. Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht (Rowohlt Berlin, 240 S., 16,99 €)

06:00 14.09.2016

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