„Es geht ums nichtlineare Leben“

Interview Vor zehn Jahren rief Holm Friebe die Ära der digitalen Boheme aus. Seine Bilanz fällt nüchtern, aber nicht nur negativ aus

der Freitag: Herr Friebe, 2006 haben Sie mit Sascha Lobo das Bild einer digitalen Boheme gezeichnet, als Lebens- und Erwerbsmodell der Zukunft. Selbstbestimmt zu arbeiten, statt sich in eine Festanstellung sperren zu lassen, war ein wichtiger Pfeiler. Glauben Sie, dass das heute noch so attraktiv ist wie vor zehn Jahren?

Holm Friebe: Wir haben damals vor allem darüber nachgedacht, wie das Internet die Bedingungen vernetzt arbeitender Solo-Selbstständiger in kreativen Berufen verändert. Da hat sich seither einiges getan. In der Erstausgabe unseres Buchs hieß XING noch Open BC und war ein kleines Netzwerk strebiger und nerdiger Angestellter, Facebook war noch nicht auf dem Plan. Die Bedeutung der sozialen Netzwerke ließ sich nur erahnen. Vielleicht am stärksten lässt sich der prognostizierte Wandel der Arbeitswelt an der steigenden Zahl von Coworking Spaces beobachten.

Damals beschrieben Sie, wie Freiberufler mit ihren Laptops in Cafés sitzen, als eine bestaunte Erwerbs-Avantgarde. Heute ist der „Laptop-Hipster“ eine Witzfigur.

In Berlin hatte gerade das St. Oberholz aufgemacht, an einem Ort, wo sich schon in den 20ern die Boheme getroffen hatte, im Lokal Aschinger – Schriftsteller, Journalisten, Künstler. Plötzlich saßen an diesem historischen Ort wieder Menschen, die an ihren Projekten arbeiteten, in aller Öffentlichkeit. Das hatte auch immer eine soziale Komponente. Es ging keineswegs nur um Einzelkämpfertum, weder vor hundert Jahren noch vor zehn, sondern ums Netzwerken, um Verbünde. Inzwischen gibt es nicht nur das betahaus, das temporäre Arbeitsplätze, also Schreibtische mit einer gewissen Infrastruktur anbietet, sondern Coworking Spaces in allen Schattierungen.

Wenn man es kritisch formulieren will: Da ist ein ganzer Wirtschaftszweig entstanden, der sein Geld damit verdient, den Leuten doch wieder Strukturen eines Festanstellungsverhältnisses zu suggerieren. Ein Schreibtisch, den man fünf Tage die Woche sicher aufsuchen kann – nur dass hier nicht der Arbeitgeber dafür bezahlt, sondern man selbst.

Ich glaube, viele dieser Angebote richten sich nicht an das Milieu, das wir digitale Boheme genannt haben. Coworking Spaces, die wirklich aus dieser Szene entstanden sind, werden bis heute in diesem Geist geführt. Die Leute riechen es, wenn sich ein artfremdes Management mit Profitinteresse da dranhängen will. In den USA hat WeWork, eine schnell gewachsene Coworking-Kette, gerade Probleme, weil sie die Loyalität der Nutzer der ersten Stunde verspielen. Dafür sind es nun oft größere, konventionelle Unternehmen, die bei den neuen Coworking-Anbietern Büros anmieten. Für einzelne Kundenprojekte werden temporäre Teams aus externen Fachleuten bunt zusammengewürfelt, die arbeiten dann dort. Das wäre auch etwas, das sich in den zehn Jahren geändert hat: Sehr viele Ideen, über die wir schrieben, sind von großen Konzernen adaptiert worden.

Zur Person

Holm Friebe, geboren 1972, ist Volkswirtschaftler, Mitbegründer des Think-Tanks „Zentrale Intelligenz Agentur“ und Autor. Mit Sascha Lobo veröffentlichte er 2006 das Buch Wir nennen es Arbeit. Es gilt bis heute als das Manifest moderner Freiberuflichkeit

Welche Ideen wären das noch?

Phänomene, die wir 2006 noch als bohemianistisch betrachteten, begegnen einem in der Wirtschaft heute täglich. Bei Otto, dem Versandhändler, herrscht inzwischen das allgemeine Du vor. Daimler hat gerade für alle Mitarbeiter in der Zentrale, die nicht am Produktionsband tätig sind, auf Vertrauensarbeitszeit umgestellt. Solche Dinge würden nicht passieren, wenn es nicht da draußen eine Arbeitskultur gäbe, die vorgemacht hat, dass die Rigiditäten von Papas alter Arbeitswelt nicht auf ewig festgeschrieben werden müssen – der Präsentismus, das politische Taktieren, die Förmlichkeit.

Die Entscheidung, sich als Solo-Selbstständiger durchzuschlagen, hat einen antibürgerlichen Kern – würden Sie das so sagen?

Für manche vielleicht, für viele andere nicht. Nein, das würde ich nicht so hoch hängen, die Entscheidung für die Freiberuflichkeit kann auch sehr vernünftig sein. Wenn wir die Gesamtsituation vor zehn Jahren nehmen, den angespannten Arbeitsmarkt, wenn wir uns an Begriffe wie „Generation Praktikum“ erinnern, an Kohorten von Hochschulabgängern, die in die Festung Festanstellung drängten, aber vorübergehend nicht mehr eingelassen wurden und in der Schleife der unbezahlten Probejobber hängen blieben – dann wird klar, warum uns das Kalkül „Mach dich selbstständig und ergreif dein Schicksal, die technischen Möglichkeiten sind besser denn je“ als völlig richtig erschien.

Es ging also auch darum, ein neues Selbstbewusstsein zu formulieren? Für eine Generation sehr gut ausgebildeter, aber unterbezahlter Erwachsener?

Das wäre hochgradig pathetisch ausgedrückt. Aber: Ja. Wir waren selber jung und begeistert, und wir brauchten auch das Geld, wie man so sagt. Insofern steckte sehr viel Emphase in unserem Buch. Die FAZ nannte es „einen Steppenwolf für die nuller Jahre“. Inzwischen hat sich der Wind etwas gedreht. Erstens stellen die Unternehmen wieder mehr Leute an, zweitens haben diese Arbeitsverhältnisse einiges von ihrem Schrecken verloren. Luc Boltanski und Ève Chiapello haben 1999 in Der neue Geist des Kapitalismus beschrieben, wie Elemente der Künstlerkritik der 68er – Autonomie, Selbstbestimmung, Freiheit – ins Managementsprech einsickern. Entlang dieses Vektors hat sich der Umbau der Firmenkulturen vollzogen. Selbst Großkonzerne wären heute am liebsten ein Start-up oder wollen sich wenigstens so anfühlen.

Sie begreifen das aber nicht als „rip-off“, als Missbrauch eines emanzipatorischen Ideals?

Ich kann das nicht in Bausch und Bogen verdammen, wenn da etwas abgefärbt hat auf die alten Systeme. Solange es zu einer Humanisierung der Arbeitswelt führt und dazu, dass sich die private Zeitsouveränität in den Unternehmen durchsetzt, bei gleichzeitiger Absicherung für die Arbeitnehmer. Für Leute mit Kindern ist das ein Vorteil. Die Konkurrenz der Arbeitgeber um Mitarbeiter hat zu substanziellen Verbesserungen geführt. Wir sprechen hier natürlich – wie schon 2006 – über privilegierte, gut ausgebildete, gesuchte Leute, die die Machtfrage anders stellen können. Auf der anderen Seite gibt es das Dienstleistungsproletariat. Diejenigen, die die DHL-Pakete bringen, kaum Aufstiegschancen haben und wenig gewerkschaftlichen Druck aufbauen können.

Womit wir wieder bei den freien Kreativen wären: Für diese ist es noch schwieriger, sich zu wehren, etwa gegen Honorar-Dumping.

Ja, in der Verhaltensökonomie spricht man vom „Survivor Bias“: Wir diskutieren nur über die Überlebenden, über diejenigen, die es geschafft haben, in diesem Modell. Die anderen werden unsichtbar.

Auch da gibt es Parallelen zu den 68ern. Manche der digitalen Bohemiens sind sehr erfolgreich durch die Institutionen marschiert. Etwa Tim Renner, ein freier Musikjournalist, der zum Geschäftsführer eines großen Labels wurde. Heute ist er Kultur-Staatssekretär. Oder Ihr Kollege Sascha Lobo: Zwischenzeitlich hat er für die SPD gearbeitet, und als wir ihm die Interview-Anfrage schickten, sagte er nicht selbst ab, sondern sein Büro.

Tim Renner ist ein Beispiel für eine nichtlineare Berufsbiografie, ein nichtlineares Leben, das von Leidenschaft für ein Thema geprägt ist. Darum geht es: Je besser man sich in einem Bereich auskennt, desto wahrscheinlicher, dass man die Treppe hochfällt.

Heute kursiert das Schlagwort der „Zwei-Klassen-Boheme“.

Ja. Aber das ist nicht unsere Schuld. Das passiert vor dem Hintergrund des Auseinanderfallens der Arbeitsgesellschaft – in das Lager derjenigen, die gefragt sind und alle Annehmlichkeiten einheimsen können, und diejenigen, die man zum Lager der Clickworker zählen muss. Sie erledigen einfache Arbeit zu Hause an ihren Rechnern, für ein paar Euro. Das ist das, was früher das Kugelschreiberzusammenschrauben vor dem Fernseher war. Plattformbetreiber beuten diese Art von generischer niedrigqualifizierter Arbeit aus, etwa Uber oder Myhammer.

Die Politik und die Gewerkschaften sind da bislang keine Hilfe.

Ich bin Verdi-Mitglied und würde sagen, dass man dort jetzt doch einiges tut für Freie. Das fing mit Ratgeberbroschüren an, ohne die ich selbst Schiffbruch erlitten hätte. Es braucht eine Schutzmacht für Solo-Selbstständige, denen alles aufgebürdet wird, wofür es in Unternehmen eigene Abteilungen gibt, etwa absurd komplizierte Buchführungsauflagen. Das geschieht gar nicht aus bösem Willen der Politik, sondern aus agnostischer Ignoranz, weil die Politik immer noch den Fetisch des sozialversicherungspflichtigen Normalarbeitsverhältnisses im Kopf hat.

06:00 12.10.2016

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