Es geht ums Prinzip

Protest gegen Studiengebühren Das Rebellennest Karlsruhe beendet seinen Boykott

Bundesweit setzte der Boykott der Karlsruher Kunststudenten gegen die Studiengebühren ein Signal, denn die drei kleinen Hochschulen mit jeweils 300 beziehungsweise 400 Studenten machten vor, dass Widerstand möglich ist. Ein Beispiel für Hamburg, wo die Gebühren erst im Juni fällig werden oder für München, wo der Boykott verschoben wurde. Doch mussten die Aktivisten in Baden-Württemberg nun im Kampf gegen die Studiengebühren eine Schlappe hinnehmen. Nachdem der Protest an den Universitäten Heidelberg, Stuttgart und Tübingen bereits im Vorfeld aufgrund mangelnder Beteiligung gescheitert war, sahen sich vergangene Woche auch die Karlsruher Rebellen gezwungen aufzugeben. Zum Ende der Rückmeldefrist drohte den Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG) und der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Karlsruhe ein Mahnbescheid mit der Exmatrikulation, falls sie die 500 Euro Semestergebühr nicht zahlen. "Es besteht die begründete Sorge, dass die jetzigen Boykottierer als Bauernopfer exmatrikuliert werden, um die Studenten von der Universität Karlsruhe abzuschrecken", kommentierte der Asta-Vorsitzende der HfG, David Howoldt, den Rückzug. Auch der Asta der Kunstakademie bestätigte das Ende des Boykotts. Die Musikakademie war bereits in der Vorwoche ausgeschieden.

Mit diesem Einlenken geben sich die Aktivisten aber nicht geschlagen, sondern hoffen auf die zahlreichen Klagen, mit denen sie die Verwaltungsgerichte überschwemmen, und sie unterstützen weiter die 3.000 Studenten der Universität Karlsruhe, deren Rückmeldefrist erst im März abgelaufen sein wird. Der HfG-Asta hatte eine breite Informationskampagne gestartet, sowohl auf dem Campus der Uni wie in der Innenstadt. Kunststudenten seien eher bereit, ihre persönliche Bequemlichkeit zurückzustellen, erklärt ein Student das Engagement der HfG. Als schlagkräftiges Instrument erwies sich die eigenhändig gestaltete und programmierte Website (www.asta-hfg.de), deren einzigartiges Element, der "Protestbrief-Generator", auch weiterhin aktiv sein wird. Er liefert Bausteine zur Formulierung von Protestbriefen, die dann per Mausklick an Befürworter der Studiengebühren gefaxt werden. 1.900 Briefe wurden bereits versandt.

Der Asta der Kunstakademie setzte bisher auf Dialog. Ein Zugeständnis könnte sein, dass die Studenten bei der Verwendung der Mehreinahmen mitbestimmen könnten. Doch die erhoffen sich davon nicht viel. Die 150.000 Euro, die bei 300 Studenten zusammenkämen, könnten die Lehre nicht verbessern, meint die Studentenvertreterin Zoe Miller. "Qualität kommt an einer Kunstakademie nicht allein über Geld zustande." Außerdem würde nur ein Bruchteil der Summe bei den Studenten ankommen, befürchten die Studierenden: 10 bis 30 Prozent gingen in den Ausfallfonds der L-Bank, der Kredite an Studenten vergibt, und zusätzlich sei mit zehn Prozent Verwaltungsaufwand zu rechnen.

Den Kunststudenten geht es außerdem ums Prinzip, wohl ein Grund dafür, dass es gerade die kleinen Karlsruher Kunsthochschulen waren, an denen sich eine Mehrheit für den Boykott gefunden hatte. "Die Kunst versucht sich seit langem gegen die Kommerzialisierung durchzusetzen", sagt Film-Student Nils Menrad von der HfG. Von daher wäre die Problematik für sie nicht neu. Zoe Miller bestätigt diese Einschätzung: "Künstler sollten sozial und politisch kritikfähig sein." Für sie sind "Studiengebühren asozial", sie führten zu einer verstärkten sozialen Selektion, wie sie Deutschland in der PISA-Studie angekreidet worden sei. Bildung sei nicht nur Vorbereitung auf eine Karriere, sondern sollte frei und offen sein für alle. Die Studentenvertreterin weist daraufhin, dass viele Kommilitonen bereits eine andere Berufsausbildung hinter sich und deshalb kein Anrecht mehr auf Bafög hätten. Studierende, die viel nebenbei jobben, kämen langsamer voran, zudem ließen sich die Möglichkeiten der Akademie nicht mit dem Erwerb von Kenntnissen vergleichen, wie sie zielgerichtet zu einem gutbezahlten Job führen.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass sich nicht alle Hochschulen über einen Kamm scheren lassen. Zu Beginn des nächsten Semesters ist ein Symposion in der HfG geplant, in dessen Mittelpunkt die drohende Kommerzialisierung der Bildung stehen soll. Als Redner böten sich die ortsansässigen Richter des Bundesverfassungsgerichts an. Sie haben im Januar 2005 das Verbot von Studiengebühren aufgehoben. Seither geht jedes Bundesland anders damit um. In den meisten neuen Bundesländern und in Berlin ist die Hochschulbildung noch weitgehend frei, in Hessen muss noch der Staatsgerichtshof entscheiden, ob Studiengebühren verfassungsgemäß sind. In Baden-Württemberg wirbt Wissenschaftsminister Peter Frankenberg mit dem Versprechen, dass niemand aus finanziellen Gründen auf das Studium verzichten müsse (www.mwk-bw.de). Theorie und Praxis sehen bekanntlich verschieden aus. Der schwedische Kunststudent Andreas Arndt von der Kunstakademie jedenfalls, hätte sich gegen Karlsruhe entschieden, wenn er die Einführung von Studiengebühren vorausgeahnt hätte.


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00:00 02.03.2007

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