Es geht uns gut

Kehrseite Richard liegt auf Klasse, in einem Zweibettzimmer, an dessen Tür Alma leise klopft, ehe sie die Klinke nach unten drückt. Der kleine Raum wirkt ...

Richard liegt auf Klasse, in einem Zweibettzimmer, an dessen Tür Alma leise klopft, ehe sie die Klinke nach unten drückt. Der kleine Raum wirkt größer als am Vortag, weil der Platz für das zweite Bett leer ist. Richard liegt ausgestreckt in seinem Bett wie die Maus in der Falle. Die Decke liegt eng an seinem Körper, die Arme oben drauf. Im rechten Handrücken zwischen den knotigen Sehnen steckt eine Kanüle, über die Richard Blut erhält. Sein Kopf liegt wie zur Präsentation in der Mitte des Kissens. Zwei Schläuche sind in die Nase gestoppelt, die Kinnladen sind hart und die dünnen Lippen wie zusammengelötet. Die Augen hingegen hat Richard weit geöffnet. Ohne auf Almas Begrüßung zu reagieren, schaut er mit bestürzter Miene an die Decke, als sähe er dort Dinge, zu denen Alma keinen Zugang hat. Woran er in diesem Augenblick denkt, in welcher Welt er ist. Alma würde es gerne wissen.

- Ich bin´s, pünktlich wie eine Engländerin.

Aber Richard scheint sie wieder nicht zu erkennen, nicht einmal an der Stimme.

- Ich, Alma. Willst du mich nicht ansehen?

Sie zieht ihre Jacke aus, hängt sie an einen der Haken innen an der Tür. Sie legt das mitgebrachte Obst auf den kleinen Tisch unter dem Fenster und zieht einen Stuhl zu Richards Bett. Ehe sie sich setzt, beugt sie sich über ihren Mann und gibt ihm einen Kuss auf die gelblich blasse Stirn, dort, wo diese nicht von Sindelkas Schlägen mitgenommen ist. Richards Haut fühlt sich heiß an. In den Augen hat er geplatzte Adern. Von seiner strohig trockenen Handinnenfläche blättert Schorf ab. Darunter erkennt man die grün schimmernden Adern.

- Nessi? fragt er und meint seine Anfang des Jahres verstorbene Schwester, die ihn ohnehin nur besuchte, solange die Möglichkeit bestand, etwas beiseite zu schaffen.

- Ich bin´s, Alma, deine Frau.

Er wendet sich ihr zu und schaut sie an, als wäre sie aus dem Zoo entsprungen. Nach einer Weile lächelt er und sagt mühsam:

- Obacht.

Eine Wendung, die Alma von früher kennt. Sie nimmt an, dass er damit ausdrücken will, sie gefalle ihm.

- Bin ich hübsch? fragt sie.

Er nickt. Wenig später sagt er deutlich gut und ja, dann formuliert er noch warum und etwas im Zusammenhang mit weiß, was Alma aber nicht versteht. Bei warum glaubt sie, dass Richard fragen will, warum er hier ist oder warum sie erst jetzt kommt. Aber eigentlich könnte so vieles gemeint sein. Warum Otto nicht auf ihn gehört hat. Warum Ingrid mit dem Strohhalm in ihre Limonade bläst. Der Sauerstoff, den Richard über die Nasenbrille erhält, quillt zur Befeuchtung durch einen an der Wand befestigten Wasserbehälter. Große Blasen steigen auf in dem bauchigen Glas. Es gurgelt sehr laut.

- Das muss halt sein, sagt Alma. Eine ihrer Standardantworten, die leider nicht auf alles passen. (Variante: Da kannst du ganz unbesorgt sein.) Auch diesmal gelingt es ihr nicht zu vertuschen, wie wenig von dem, was Richard gesagt hat, bei ihr angekommen ist. Richard wird unwirsch. Sie nimmt alle Schuld auf sich und bittet ihn, er solle es ihr noch einmal sagen, weil in letzter Zeit ihre Ohren so schlecht seien, dass sie aufs erste Mal nicht alles hört. Bei wiederhäusel statt wiederholen weiß sie, was gemeint ist, doch die Lautansammlungen drumherum bleiben ihr ein Rätsel, und so sagt sie halt irgendwas (wenn ich dich recht verstehe), und zur Sicherheit fügt sie hinzu:

- Manchmal bin ich ganz meschugge.

Das verärgert Richard ebenfalls.

- Ja, ja, sagt er mit stirnrunzelnder Miene, als habe er Alma im Verdacht, sie lasse sich gehen oder strenge sich zu wenig an oder wähle den falschen Zeitpunkt, um ihm vorzuführen, dass sie nur Stroh im Kopf hat. Dumm geboren, dumm geblieben. Doch als er wenig später mit den Händen Zeichen in die Luft macht, ahnt Alma nach einiger Zeit, dass er um die Augengläser bittet, die er seit mehreren Monaten nicht mehr benutzt hat. Alma findet die Brille auf dem Bord in der Waschnische, neben dem Glas für die dritten Zähne, die sie unlängst hat generalüberholen lassen. Sie schiebt Richard die Bügel hinter die großen, knorpeligen Ohren, dabei gibt sie acht, dass sie keine der Wunden berührt. Richard strahlt, weil er wieder besser sieht. Jetzt hat Alma den Eindruck, Richard nehme von ihrer Anwesenheit richtig Kenntnis und freue sich, dass sie bei ihm ist. Er blickt sie an. Sie glaubt sehen zu können, dass in seinen Augen eine deutlich wahrnehmbare Schärfe liegt, als gebe es dahinter noch zusammenhängende Gedanken.

Also beginnt sie zu erzählen, von den Umstürzen bei den Nachbarn im Osten, von Ungarn, wo die Diktatur des Proletariats dieser Tage zu Ende gegangen ist, von der Entwicklung in der DDR, wo der 40. Jahrestag des Arbeiter- und Bauernstaates mit Massenverhaftungen gefeiert wurde. Michail Gorbatschow war in Berlin und hat zu weiteren Reformen gemahnt. Das hat Eindruck gemacht. Sie erzählt von den Wahlen in Vorarlberg, wo die ÖVP ihre absolute Mehrheit gehalten hat. Vom Specht, der bei Wesselys das neue Fallrohr der Dachrinne bearbeitet. Ja, den gibt es noch, am Vormittag war er wieder da. Die halbwüchsige Tochter des Wessely-Sohnes verhindert, dass der Schießprügel aus dem Schrank geholt wird, das Mädchen ist ebenso rührselig wie ich. Stell dir vor, das Mähen des Gartens schiebe ich trotz vieler Vorsätze seit Wochen auf, weil ich beim letzten Mal eine Blindschleiche und einen Frosch umgebracht habe. Mir kommt vor, ich bin in letzter Zeit ein wenig seltsam geworden. Das macht bestimmt die splendid isolation, in der ich lebe, das Alleinsein ist manchmal nicht ganz leicht. Wie ich im Frühling das drohnenbrütige Vierer-Volk auflösen musste, hat mich das so merkwürdig getroffen, es war ein ganz ähnliches Gefühl wie nach dem letzten Rasenmähen, als ob ich ganz kläglich versagt hätte. Statt dass ich mir denke: Ja, was ist denn eigentlich los, wenn´s nicht klappt, habe ich eben statt fünf nur vier Stöcke oder statt vier nur drei, das ist doch kein Unglück. Aber ich werde ganz deprimiert darüber und bringe es nicht einmal mehr fertig, eine Königin zu töten, wenn sie überzählig ist. Ich glaube, es hat mit den Kindern zu tun, dass sie gestorben sind. Es ist schon abenteuerlich, nach so vielen Jahren, dass diese Schmerzen noch immer nicht verschmerzt sind. Ich denke, daran wird sich nicht mehr viel ändern. Weißt du, wenn eine Königin beim Hochzeitsflug zugrunde geht und das Volk kriecht so suchend beim Flugloch herum, dann stelle ich mir die Frage, geht jetzt auch dieser Stock kaputt, warum passe ich nicht besser auf, warum sterben sie mir, kaum dass ich ihnen den Rücken zuwende. Ich kann dir nicht sagen, wie froh ich bin, dass bald der Winter kommt. Am Vormittag habe ich im Bienenhaus Kehraus gemacht, Schluss für heuer, das Wetter war genau richtig, ganz wie meine Laune, mittelmäßig, aber nicht von der lästigen Art. Viel Wind. In der Früh, ist dir das aufgefallen, war der Himmel wie aufgebläht, in der Nacht hat es einen kräftigen Pumperer gegeben, ich wollte schon die Polizei rufen, weil ich mir die Sache zunächst nicht erklären konnte, habe dann aber festgestellt, dass vom Wind ein Buch aus dem Regal gefallen ist. Eins von dir. Es muss ganz außen gestanden sein, nomen est omen, es heißt The Outsider. Woher hast du es? Es ist mir bisher nie aufgefallen. Ich denke, das beste wird sein, ich lese es, vielleicht fange ich noch heute damit an, weil eigentlich warst auch du ein Außenseiter. Ich glaube, das ist das, was mich am meisten an dir angezogen hat. Ich weiß noch genau, wie wir uns kennen gelernt haben, da waren wir noch ein bisschen jünger als heute, so jung wie das Jahrhundert damals, das war, als wir mit der akademischen Gruppe der Naturfreunde auf die Rax gefahren und den Danielsteig hinaufgegangen sind. Das war im Jahr 1927, erinnerst du dich. Es war eine schöne Zeit, die zwanziger und dreißiger Jahre, ich glaube, das war bei mir, was man die Blüte des Lebens nennt. Ich war glücklich, ich meine, insofern glücklich, als ich damals nicht ahnte, dass das Leben ein großes Hindernislaufen sein wird, das auf Dauer müde macht. Für dich waren die fünfziger Jahre die Blüte des Lebens, wir haben einmal darüber geredet, du hast sie ein spätes Geschenk genannt, obwohl den Gedanken, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist, darf man gar nicht denken, es stimmt auch nicht, der Krieg ist der Vater von gar nichts außer von weiteren Kriegen. Ich glaube, in den fünfziger Jahren hast du die Zeit wiedergefunden, in die du hineingeboren wurdest, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, kein entscheidender Unterschied zwischen dem greisen Renner und dem greisen Franz Joseph, und auch sonst traten nur alte Männer auf den Plan, abgesehen von Figl, aber der hatte auf ausnahmslos jedem Geschirr Hirschen und Auerhähne, also im Grunde auch ein alter Mann. Und all diese Herrschaften, ich könnte sie dir aufzählen, die ganze Galerie, das sind die, die die fünfziger Jahre gemacht haben. Für die Jungen war kein Platz, Richard, das hat dir gefallen, stimmt doch, du warst dabei, wie die alten Männer losgelegt und an ihrem besseren Österreich herumgebastelt haben. Vergangenheit, nur als Beispiel, war für die jungen Leute ein irreführender Begriff, denn plötzlich hatten wir eine eigene Zeitrechnung, wie es seinerzeit auch zwei Wetterberichte gab, einen für die Touristen und einen für die Bauern. Du musst entschuldigen, Richard, es kommt mir heute so absurd vor, was anderswo eben erst passiert war, war in Österreich bereits lange her, und was anderswo schon lange her war, war in Österreich gepflegte Gegenwart. Ist es dir nicht auch so ergangen, dass du manchmal nicht mehr wusstest, hat Kaiser Franz Joseph jetzt vor oder nach Hitler regiert?

Arno Geiger: Es geht uns gut. Romanausschnitt aus dem Kapitel: "Montag, 9. Oktober 1989." Der Roman erscheint dieser Tage im Hanser Verlag und steht auf der shortlist des Deutschen Buchpreises.

Arno Geiger wurde 1968 in Bregenz geboren, er lebt in Wien.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.10.2005

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare