Es geht, verdammt noch mal, um Träume!

#ActOut 185 Schauspieler*innen outen sich öffentlich und zeigen: Die sexuelle Identität ist Bestandteil des Unterhaltungsvertrags zwischen Star und Publikum
Es geht, verdammt noch mal, um Träume!
In Zukunft wird der Zuschauer besser zwischen dem Menschen, den er sieht, und seiner Rolle unterscheiden müssen

Foto: Cavan Images/IMAGO

Neulich habe ich meiner erwachsenen Freundin zum Geburtstag ein Benedict-Cumberbatch-Malbuch geschenkt. Darin kann man den britischen Schauspieler in verschiedenen Situationen ausmalen, kann ihm etwa ein Band-T-Shirt gestalten oder ihm als Sherlock den Deerstalker mit Polka Dots verzieren. Meine Freundin wird das nicht tun, schließlich ist sie 50 und nicht fünf – und zieht einen Weißwein einer Malstunde jederzeit vor. Aber ich weiß, dass sie sich auch ohne Buntstifte zuweilen heimlich ein Leben an der Seite von Benedict Cumberbatch ausmalt.

Das ist nämlich das Dilemma der Unterhaltungsbranche und Teil des Problems, mit dem 185 Unterzeichner-*innen des #ActOut-Manifests an die Öffentlichkeit gingen: Der Schauspieler-*innenkörper inklusive seiner sexuellen Ausrichtung und Identität ist ein Abschnitt des Unterhaltungsvertrags zwischen Star und Publikum. Somit wird ihm ein Teil der Selbstbestimmung genommen: Er verbirgt in vielen Fällen seine Homo- und Transsexualität oder seine nicht-binäre Identität, weil ein Mainstream-Publikum, als Beispiel muss jetzt noch mal meine Freundin herhalten, nicht gelernt hat, zwischen Mensch und Rolle zu differenzieren.

Zwei Dinge müssten sich folglich ändern für eine gerechtere Behandlung der Schauspieler*innen, die völlig zu Recht die stereotypen Zuschreibungen bei der Rollenbeschreibung (seit wann ist „schwul“ eine Charaktereigenschaft?!) kritisieren und eine Diskussion darüber fordern. Einerseits die angesprochene Differenzierung: Es muss selbstverständlich sein, Menschen eine andere sexuelle Ausrichtung als die eigene spielen zu sehen. Diesen wichtigen Schritt sind die Aktivist*innen von #ActOut in dem Augenblick gegangen, als sie ihr Manifest und damit sich selbst sichtbar gemacht haben: Jede*r, der oder die in Zukunft Godehard Giese in irgendeiner Rolle bewundert, wird wissen, dass er schwul ist – und dass das weder einen Einfluss auf seine Wahrhaftigkeit bei der Darstellung noch bei der Rezeption als Fan hat. Was hindert mich schließlich daran, in ohnehin unrealistischen Tagträumen neben den vielen anderen Hindernissen, die einer gemeinsamen Zukunft zwischen Godehard und mir im Wege stünden, auch noch dieses zu ignorieren? Es geht, verdammt noch mal, um Träume. Er soll mich ja gar nicht in Wirklichkeit anrufen.

Und zweitens muss der Begriff Mainstream im Sinne von Mehrheitsgesellschaft modifiziert werden: Ist es überhaupt möglich, einen Mainstream-Film zu machen und trotzdem Minderheiten und ihre Positionen angemessen einfließen zu lassen? (Damit sind nicht etwa überkandidelte, schwule beste Freunde in Hetero-Rom-Coms gemeint – sie repräsentieren das Gegenteil.)

Ja, es ist möglich. Voraussetzung dafür ist, dass die cis-Mehrheit annimmt, was ihre LGBTQ-Freund*innen erfahren haben, und nicht behauptet, es gäbe keine Diskriminierung, weil sie selbst keine ausübe. Und: dass wir sämtliche Verbindungsmöglichkeiten zwischen Darsteller*innen und Publikum zulassen. Denn im Film (sofern er kein Coming-out erzählt) sind so viele andere Dinge wichtiger als sexuelle Orientierung: Wenn die Story gut ist, verliebt sich die zuschauende Lesbe in den männlichen cis-Charakter, die zuschauende nicht-binäre Person in das bisexuelle Pärchen, und die cis-Filmkritikerin kauft sich ein Malbuch vom schwulen Hauptdarsteller und malt den Anzug rosa aus. Von Mainstream redet dann niemand mehr.

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06:00 11.02.2021

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