Es gibt immer einen Hinweis

Medientagebuch Die Rückkehr der markigen Kriminalisten-Sprüche in den amerikanischen Ermittler-Serien

Die Zeiten von "Harry, fahr schon mal den Wagen vor" sind endgültig vorbei. Dieser Satz ist bekanntlich in der Serie, die jedermann damit assoziiert - für die jüngeren Zuschauer: Derrick -, nie gefallen. So genannten Kultstatus genießt er trotzdem, weil seine wunderbar sachliche Banalität alles einschließt, was die guten alten deutschen Krimi-Serien wie Der Alte oder auch Der Kommissar - da soll er übrigens wirklich gefallen sein - eben ausmachte: Behäbigkeit und Ernst, verkörpert von Männern, die als oberste Tugend das Ruhe-Bewahren hochhielten und sich nicht scheuten, Gesprächspausen mit gewichtig vorgetragenen Worthülsen zu füllen. Die Dialoge hielten sich streng an das Schema: "Ihr Mann ist ermordet worden." "Ermordet?" Oder auch: "Man hat ihre Frau vergiftet." "Vergiftet?"

Die deutschen Kommissare von damals arbeiteten dazu noch mit den Methoden der psychologischen Einfühlung und des strengen Nachfragens: "Man fand ihn in der Badewanne." "In der Badewanne?" Heute dürfen männliche Ermittler in deutschen Serien fast nur noch als gleichberechtigtes Duo agieren - von wegen "Harry, fahr schon mal ..." - und ihre Hauptbeschäftigung besteht darin, lässig und witzig zu sein. Mit ernstem Gesicht in die Kamera blicken und weise klingende Sätze sagen, ist unterdessen zum Frauenressort geworden. Trotzdem hat es noch keine deutsche Kommissarin, ob Rosa Roth oder Bella Block, geschafft, sich etwa mit einer Formulierung wie "Nutze dein Hirn, nicht dein Herz" ein für alle Mal ins Gedächtnis des Zuschauers einzugraben.

Der zitierte Satz stammt aus der amerikanischen Serie CSI: New York. Dort sagt ihn regelmäßig Gary Sinise in der Rolle des obersten Spurenermittlers. CSI: New York ist der bereits zweite Ableger einer Serie, die als CSI: Crime Scene Investigation vor sechs Jahren in den USA erfunden wurde und seither Fernsehgeschichte schreibt, zumindest was die Einschaltquoten betrifft. Seit einigen Jahren werden auf Vox und RTL mit stetig zunehmendem Erfolg sowohl das Original als auch die zwei "Spin-offs" ausgestrahlt, die das Grundschema aus Las Vegas in New York und Miami variieren. Zusammen mit Serien wie Criminal Intent - Verbrechen im Visier und Law Order und neuerdings Closer haben sie dafür gesorgt, dass im Serienkrimi im deutschen Fernsehen wieder ganz das amerikanische Recht gilt mit seinen Standardsprüchen: "Sie haben das Recht auf einen Telefonanruf ...".

Hierzulande ist CSI: Miami am Beliebtesten, was vielleicht mit dem innigen Verhältnis von RTL-Zuschauern und dem Urlaubsort Florida zu tun haben könnte. In Miami spielt David Caruso den Oberforensiker, sein Markenzeichen sind Sprüche wie: "Wir kriegen den Täter, das verspreche ich Ihnen". Zugegeben, der Satz könnte auch von Derrick stammen, aber der rothaarige Caruso trägt ihn mit einer Intensität vor, die im Stande ist Gänsehaut zu bereiten. Wozu im Übrigen auch beiträgt, dass in Florida fast so häufig die Todesstrafe verhängt wird wie in Texas - eine Tatsache, die der von Caruso gespielte Figur wenn nicht mit Wohlbehagen, so doch mit tiefem Einverständnis bewusst scheint, wenn er vorzugsweise kleinen Waisenkindern und zierlichen Frauen verspricht, den Täter zu "kriegen".

Das Vorbild dieser neuen, Furcht einflößenden Ernsthaftigkeit unter Ermittlern aber heißt Gil Grissom und wird in der Ursprungsserie CSI: Las Vegas von William Petersen gespielt. Mit Caruso und Sinise teilt Peterson eine wichtige Eigenschaft: Der wirkliche Starruhm hatte um ihn bislang einen Bogen gemacht. Als Gil Grissom aber ist ihm die Großtat gelungen, das altmodische Genre des Merksatzes wieder in Mode zu bringen. Seine Aussprüche werden sogar von seinen Serien-Kollegen zitiert, so markant sind sie: "Vergiss das Opfer, vergiss den Verdächtigen, halte dich an das, was nicht lügen kann: die Beweise!"

Peterson hat mit seinem Spurenermittler eben jener Spurenermittlung einen neuen Glanz verliehen. Und das, ohne selbst glamourös zu sein. Spurenermittler, das sind die mit den fachmännisch auf Ohrenhöhe gehaltenen Taschenlampen, die am Tatort so adrette Dinge wie buschige Pinsel und durchsichtige Klebstreifen rausholen, mit denen sie Fingerabdrücke, Fasern und Haare einsammeln. Zu ihren typischen Handbewegungen gehört außerdem das Beträufeln von Wattestäbchen - wenn die sich blau färben, gibt es eine Blutspur ... Zu Derrick-Zeiten wurde so etwas von Untergebenen verrichtet, die im Hintergrund werkelten und allenfalls einen inhaltslosen Satz sagen durften wie "Die Probe ist negativ".

Grissom alias Petersen ist Chef einer solchen Brigade von Taschenlampenträgern. Und die Serienschreiber haben ihn mit soviel Anti-Helden-Charme ausgestattet, dass sein Beruf zum neuen Leitberuf im Krimigenre wurde. Grissom ist ein Einzelgänger, extrem introvertiert und extrem pedantisch. Von seinen Mitarbeitern wird er schon mal als "Autist mit Überintelligenz" bezeichnet, aber natürlich vergöttern sie ihn gleichzeitig. Seine Spezialität sind die unappetitlichen Gebiete der Forensik: Dinge wie der Zusammenhang von Verwesung und Fliegenpopulationen. Gerne stellt er diesbezügliche Experimente im Kühlschrank des Labors ab, in dem seine Mitarbeiter ihre Pausenbrote aufbewahren. Was ihn außerdem zur absoluten Antithese der aktuellen deutschen Ermittler macht, ist die Tatsache, dass er kein Privatleben hat, nichts: keine Freundin, keine Ex-Frau, kein Kind. Das Einzige, worum er sich kümmert, ist seine Arbeit.

Wie macht sich so jemand beim Fernsehpublikum beliebt? Da ist ein verstecktes Gebrechen, das ihm eine heimliche Romantik verleiht: Ihm droht der Verlust des Gehörs. Und da ist sein Glaube an die objektive Wahrheit der Beweise. Sätze wie "Kein Opfer kann sagen, wir hätten es nicht probiert", unterstreichen sein Bemühen im Dienste derer, die gar nichts mehr sagen können. Muss man da nicht froh sein, dass es einen wie ihn gibt?

Da die Figur Grissom so gänzlich aus Sprüchen zusammengesetzt scheint, muss zum Schluss natürlich auch sein Synchronsprecher erwähnt werden: Hubertus Bengsch, ansonsten oft als Richard Gere zu hören, vollbringt hier das rare Kunststück, fast besser zu sein als das Original. Sonor und unaufgeregt, mit einer fernen Anwandlung von Zynismus macht diese Stimme geradezu süchtig nach immer mehr Spruchmaterial. Aber Gott sei Dank: "Es gibt immer einen Hinweis."


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00:00 02.02.2007

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