Es gibt keinen besseren Platz

Jerusalem Das Siedlungs­projekt des amerikanischen Millionärs Irwin Moskowitz erweist sich als willkommenes Ablenkungsmanöver

Zunächst ein ehrliches Geständnis: Ich liebte das Shepherd Hotel sehr. In den ersten Jahren nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 war ich dort häufig zu Gast. Meine Arbeit in der Knesset verlangte, dass ich wenigstens zwei Nächte pro Woche in Jerusalem blieb. Nach dem Krieg wechselte ich von Hotels im Westen der Stadt in Häuser im östlichen Teil – meine Lieblingsherberge wurde das Shepherd.

Seine Charme ergab sich aus der besonderen Atmosphäre. Es lag mitten in der arabischen Altstadt, die meine Neugierde weckte. Seine Räume hatten hohe Decken und waren voller alter Möbel. Das Haus wurde von zwei älteren arabischen Damen geführt, die ihre Ausbildung in Beirut erhalten hatten und in der palästinensisch-libanesischen Kultur beheimatet waren.

Das Hotel lag mitten im Bezirk des Al-Husseini-Clans, einer weit verzweigten Familie mit mehr als 5.000 Mitgliedern, denen große Teile des Sheikh-Jarrah-Viertels gehörten, das legendäre Orienthaus eingeschlossen.

Die Al-Husseinis zählten zu jenem halben Dutzend aristokratischer Jerusalemer Familien, die Jahrhunderte lang wenigstens eine der drei bedeutendsten Persönlichkeiten der Stadt gestellt hatten: den Großmufti, den Bürgermeister oder das Oberhaupt für die islamischen heiligen Stätten.

Das Shepherd-Hotel wurde von Haj Amin al-Husseini und damit von jenem Mufti gebaut, der in den dreißiger Jahren einen arabischen Aufstand angeführt hatte. Die hebräische Gemeinde hasste ihn nicht nur deshalb nach Kräften.

Ich weiß nicht, wie ein Teil dieses von mir beschriebenen Besitzes in die Hände des US-Millionärs und Bingo-Königs Irwin Moskowitz fallen konnte, dessen erklärte Absicht es ist, jüdische Siedlungen über alle arabischen Viertel verteilt zu errichten und nun sogar ein Wohnprojekt auf dem Grund und Boden des Shepherd-Hotels zu bauen. Das sagt genug über ihn und sein Geschäft mit Netanyahu.

Menetekel Har Homa

Der derzeitige Ministerpräsident will Jerusalem judaisieren und rühmt sich gern, während seiner Amtszeit vor zehn Jahren mit Har Homa eine jüdische Vorortstadt geschaffen zu haben, die an eine Festung erinnert. Zu diesem Ort, dessen wirklicher Name Jebel Abu Ghneim (Berg des Vaters der Schafe) lautet, habe ich eine sehr persönliche Beziehung. Seinerzeit verbrachte ich dort viele Tage und Nächte im Zelt, um den Bau dieser monströsen Siedlung zu verhindern, die nun so drohend aufragt.

Führer des Widerstandes war damals, in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, ein anderer Husseini – der unvergessliche Feisal. Ich habe ihn sehr verehrt und zögere nicht zu sagen, dass ich ihn liebte. Er war ein Edelmann im wahrsten Sinn des Wortes: ein Nachkomme des Adels, aber bescheiden in seinem Verhalten. Ein Mann des Friedens, aber furchtlos bei Kollisionen mit den Besatzungstruppen, ein wirklicher palästinensischer Patriot, moderat in seinen Ansichten, weise und mutig.

Har Homa war – dies für all jene, die es vergessen haben – ein Ort von einmaliger Schönheit zwischen Jerusalem und Bethlehem, ein lang gestreckter Hügel mit dichten Wäldern. Die Zerstörer dieser Landschaft – eine brutale Koalition von Immobilien-Haien, fanatischen Zionisten, amerikanischen Millionären und religiösen Mystikern – haben auch den letzten Flecken Schönheit vernichtet, um eine schwer befestigte Siedlung zu bekommen.

Wir hatten in jenen Wochen ein Zeltlager errichtet. Als die Bulldozer begannen, Bäume zu entwurzeln und Hügelkuppen zu roden, brachen wir zu Protestmärschen auf und hielten Nachtwachen ab. Bei einer von ihnen erlitt ich eine innere Blutung und wäre gestorben, hätte es nicht eine palästinensische Ambulanz fertig gebracht, mich über diese weglose Steinwüste noch rechtzeitig in ein Hospital zu bringen.

Benjamin Netanyahu sieht sich dem energischen Wunsch Barack Obamas gegenüber, den Siedlungsbau in der Westbank einzufrieren, ist jedoch außerstande diesem Ansinnen zu folgen, solange er einer Koalition vorsteht, die aus Rechten, Ultrarechten und religiösen Zeloten besteht. Er hat mehrere „Kompromisse“ angeboten, die alle auf betrügerischen Tricks beruhen. Nur haben die Amerikaner ihre Lektionen aus der Vergangenheit gelernt und gehen nicht in Netanyahus Fallen.

Was für eine Chuzpe

Dessen siamesischer Zwilling Ehud Barak ist eifrig dabei, Nachrichten über eine grandiose Operation in die Medien zu schleusen: Augenblicklich sollten mit einem Streich, der dem Schlag Alexanders des Großen auf den Gordischen Knoten gleichkommen werde, Dutzende von Siedlungs-Außenposten, die seit 2001 mit heimlicher Regierungshilfe entstanden, vernichtet werden. Außer den Journalisten glaubt keiner so recht daran, dass dies wirklich passiert. Schon gar nicht die Siedler, nach ihrem wissenden Lächeln zu urteilen.

Was also tun, um die Auflösung der Außenposten abzuwenden? Netanyahu weiß eine Lösung: Um die Aufmerksamkeit von illegalen Siedlungen abzuziehen, werden die Augen der Welt von den Hügeln in „Judäa und Samaria“ weg auf das Shepherd-Hotel und das Projekt von Irwin Moskowitz gelenkt. Dies in der Hoffnung, wer Zahnschmerzen hat, der vergisst sein Bauchweh.

Was, fragt Netanyahu, die Goyim wollen uns verbieten, in Jerusalem zu bauen, in unserer heiligen Stadt, die für alle Ewigkeit vereinigt worden ist?! Was für eine Chuzpe! Wollen sie Juden verbieten, in New York zu bauen? Wollen sie Engländern verbieten, in London zu bauen?

Der Premier übertraf sich selbst, als er erklärte: Jeder Araber könne in West-Jerusalem leben – warum dann nicht ein Jude, der ein Haus bauen wolle, in Ost-Jerusalem?

Das klingt wie auf den Punkt gebracht und ist absolut falsch. Wenn Netanyahu solche Dinge sagt, weiß man nie, ob er bewusst lügt oder selbst seinen Unwahrheiten glaubt. Jüngst erzählte er, sich noch an die britischen Soldaten vor seinem Haus zu erinnern, der er als Kind gesehen habe. Doch hatte der letzte britische Militär schon ein Jahr, bevor Netanyahu geboren wurde, Palästina verlassen

Tatsache ist, dass abgesehen von äußert seltenen Ausnahmen, kein Araber eine Wohnung in West-Jerusalem erwerben, geschweige denn ein Haus dort bauen kann – obwohl große Teile der West-Stadt aus früheren arabischen Vierteln bestehen, deren Bewohner während des Krieges von 1948 flohen oder vertrieben wurden. Den früheren Besitzern der Häuser in den Bezirken Talbiya, Katamon, Baka’a und Dir Yassin, die in Ost-Jerusalem Zuflucht fanden, wurde es nie erlaubt, in ihre Häuser zurückzukehren, als Jerusalem 1967 „vereinigt“ wurde. Auch eine Kompensation gab es nicht.

Aber Netanyahu ist es gleichgültig, ob ihm die Leute glauben oder nicht. Er ist voll und ganz mit seinem Überleben als Regierungschef beschäftigt. Deswegen muss die Koalition intakt bleiben. Um dies zu erreichen, muss er zeigen, dass er unter Obamas Druck nicht einknickt. Es gibt keinen besseren Platz als Jerusalem, dies zu beweisen.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 13.08.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1