Es ging ihr um alles

Lyrikerin 1982 nahm Semra Ertan sich im Kampf gegen den Rassismus in Hamburg das Leben. Jetzt endlich erscheinen ihre Gedichte

Wann immer ich einen rebellierenden jungen Menschen vor mir sehe/Erinnere ich mich an meine stummen Jahre/Und erschrecke, dass ich in den brennenden Zeiten/Geschwiegen habe.“ Die Autorin, die hier zurückblickt, ist selbst gerade einmal 20 Jahre alt. In dem Gedicht vom 26. Februar 1977 rekapituliert Semra Ertan ihre erste Begegnung mit einem Revoltierenden: Ein aufgebrachter Betrunkener ist es, der vergeblich versucht, seine Seele durch Reden, durch Schreien zu entlasten. Wie beiläufig verdichtet sie in wenigen einfachen Worten schwerwiegende und widerstreitende Gefühle.

Ab da wird Rebellion für sie ein wiederkehrendes Motiv. Aus einem Konvolut von etwa 350 Gedichten haben ihre Schwester Zühal Bilir-Meier und ihre Nichte Cana Bilir-Meier erstmals 82 in dem Band Mein Name ist Ausländer herausgebracht. Es sind Gedichte aus den letzten fünfeinhalb Lebensjahren der Dichterin, die sich im Kampf gegen den Rassismus am 26. Mai 1982 in Hamburg das Leben nahm. Der Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit und ihre Ankunft in Deutschland fallen in dasselbe Jahr: 1971, als ihre Eltern, Arbeitsmigrant:innen, die gerade einmal 15-Jährige aus Mersin nach Kiel holen. Von da an ergründet sie mit ihrer Poesie die widersprüchlichen, zuweilen unausgesprochenen Erwartungshaltungen ihres Umfelds, soziale Machtasymmetrien und Geschlechterungleichheit wie auch ihren Status als Ausländerin.

„Ich schreibe auf... Was immer ich finde,/Zu Hause, in der Schule, während der Arbeit, in der Tram“, erläutert Ertan ihre Arbeitsweise in einer ihrer Strophen. Sie schreibt schnell, zumeist auf Türkisch. Weder will sie das Geschriebene nachträglich ausbessern, noch gibt sie etwas auf den Reim. Alles wird zum Sujet der Gedichte, selbst ihre Praxis als „unerfahrene Dichterin“. Mühelos setzt sie sich im „Land der Dichter und Denker“ über Formalismen und Konventionen der Dichtkunst hinweg. Ihre Denkräume sind ohnehin größer, ihr Schreiben führt Welten zusammen. Die eine ist die der Poiesis, wie die Griechen das dichterische „Schaffen und Verfertigen“ bezeichneten, womit die Technik des Herstellens hervorgehoben wird. Die andere die des türkischen „şiir“, entlehnt vom arabischen Wort für „Intuition“ oder „Inspiration“, was das Einfangen von Empfindungen hervorhebt. Ertan schuf sich hierdurch ein Neuland und die nötige Distanz zu jeglichem Vorher. So auch, wenn sie sich im März 1977 dezent von Ghasel-Gedichten, einer in osmanischer Zeit beliebten lyrischen Form für Liebe und Liebeskummer, absetzt. Es ist eine doppelte Absage: sowohl gegen einen überkommenen Stil in der Türkei als auch gegen die kulturelle Aneignung der „Ghaselen“ durch deutsche Dichter wie Goethe, Platen, Rückert.

„Hüzün“ ist mehr als Trauer

Ertan mag sich zwar Schulen und Traditionen nicht verpflichtet fühlen, dafür aber der Präzision eines flüchtigen Gefühls, einer opaken Stimmung. Dazu zählen die Nuancen der Traurigkeit. Eine davon ist „hüzün“. Die Übersetzer:innen der Gedichte (sie erscheinen nicht namentlich im Impressum) geben das Wort mit „Trauer“ oder „traurig“ wieder. Hiergegen gibt es nichts einzuwenden, doch lässt sich für diese spezifische Form der Melancholie genau genommen kein gutes deutsches Äquivalent finden. Orhan Pamuk geht in seinem Buch Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt ihrer soziokulturellen Dimension nach. „Hüzün“ ist die Traurigkeit über den kollektiven Verlust einer Erinnerung – also darüber, dass nur noch Überbleibsel, seien es architektonische oder persönliche, als vage Reminiszenzen dienen. Eine Besonderheit der türkischen Grammatik besteht darin, dass sie ohne die Personalpronomen „er“, „sie“ und „es“ auskommt, denn das türkische „o“ fasst diese unterschiedslos in einem Wort zusammen. Die feministisch engagierte Dichterin denkt bereits in einer Sprache ohne grammatisches Geschlecht und ist vielen deutschsprachigen Mitstreiter:innen ihrer Zeit in diesem Punkt einen Schritt voraus. Wo immer möglich, scheinen die Übersetzer:innen das Genus bewusst unbestimmt zu lassen, um Beziehungsmodelle nicht – entgegen den Absichten der Dichterin – zu stereotypisieren.

Semra Ertan ihrerseits übernimmt männlich kodierte Begriffe aus der türkischen Sprache. Zu ihnen zählt „Rebellion“. Auch hier kann das deutsche Äquivalent das Bedeutungsspektrum des Ausgangswortes „isyan“ kaum wiedergeben. Im Türkischen der 70er und 80er ist „isyan“ omnipräsent. Als Variable einer Pathosformel kennzeichnet es jeglichen Widerstand: gegen das Schicksal, die Familie, in verschlüsselter Weise gegen den Staat oder – zumeist – gegen alles, was sich der Liebe in den Weg stellt. Das Wort findet sich in Liedern der Arabeskmusik, auf Kinoplakaten der Zeit, in Interviews mit Stars und Politiker:innen, in der Sprache von Gewerkschaftsleuten und Arbeiter:innen. Allerdings, und dies deklinieren viele Spielfilme der Zeit in aller Grausamkeit durch, führt „isyan“ nicht zum Umsturz der Verhältnisse, sondern das Schicksal scheint sich auf eine fatale Weise an denen zu rächen, die versuchen, sich ihm zu widersetzen.

Irgendwann reicht Semra Ertan das Schreiben allein nicht mehr. Vielleicht glaubte sie zunächst, ihre Stimme werde nicht gehört, bis allmählich die Erkenntnis in ihr reifte, dass ihre Stimme zum Schweigen gebracht wurde. Sie erhöht den persönlichen Einsatz und die Anzahl der Aktivitätsfelder: Einerseits organisiert sie sich im „Verband deutscher Schriftsteller“, auf der Suche nach professioneller Anerkennung. Andererseits engagiert sie sich auf den Straßen gegen den erstarkenden Rassismus. Gedichte wie Mein Name ist Ausländer vom 7. November 1981 greifen die Ablehnung auf: „Meine Arbeit ist schwer,/Meine Arbeit ist schmutzig./Das gefällt mir nicht, sage ich./,Wenn dir die Arbeit nicht gefällt,/Geh in deine Heimat‘, sagen sie.“

Anfang April 1982 gründet sich die rechtsextreme Partei „Hamburger Liste für Ausländerstopp (HLA)“ durch Funktionäre der NPD. Semra Ertan demonstriert gegen diese Partei, die im selben Jahr bei den Bürgerschaftswahlen antritt. Je bedrohlicher der Rassismus in Deutschland anschwillt, desto mehr erhöht Ertan ihren aktivistischen Einsatz. Sie tritt in einen Hungerstreik. Dann, am 24. Mai 1982 morgens gegen 5 Uhr, kauft sie mehrere Liter Benzin an einer Tankstelle und zündet sich damit wenig später an der Ecke Simon-von-Utrecht-Straße/Detlev-Bremer-Straße an. Nach zwei Tagen im Koma stirbt sie an ihren Verbrennungen. In ihren Erklärungen an die Öffentlichkeit fordert sie: „Ich möchte, dass Ausländer nicht nur das Recht haben, wie Menschen zu leben, sondern auch das Recht haben, wie Menschen behandelt zu werden. Das ist alles. Ich will, dass die Menschen sich lieben und akzeptieren. Und ich will, dass sie über meinen Tod nachdenken.“ Das Schreiben endet mit ihrem Gedicht Mein Name ist Ausländer.

Die Öffentlichkeit ist fassungslos. Der damalige Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher versucht, Worte zu finden. Ein sichtlich betroffener Moderator des WDR spricht vom „Tod einer Türkin“, nennt Semra Ertan nicht bei ihrem Namen. Günter Wallraff widmete sein Buch Ganz unten (1985) unter anderem ihr. Aber ihr Name in der Widmung ist falsch geschrieben. In einem Buch über Ausländerfeindlichkeit. Über mehrere Auflagen hinweg. Im Film Semra Ertan (2013) kehrt die Künstlerin Cana Bilir-Meier den Erzählmodus um. Sie gibt Semra Ertan das Wort mit deren Gedicht Unheimlich glücklich von 1977 zurück. Semra Ertan hat dieses Gedicht auf Deutsch geschrieben: „Wenn sie sagt,/Sie sei unheimlich glücklich,/Heißt das,/Dass sie unglücklich ist,/Weil sie kein Heim hat.“ In dem Film ist auch das Oktett von Enjott Schneider zu hören, das er 1982 für sie komponierte.

Bevor dieser längst überfällige Gedichtband Mein Name ist Ausländer erschien, für den sich kaum ein Verlag interessierte, zirkulierten Semra Ertans Texte unter intersektionalen Feministinnen wie Fatma Aydemir, Kübra Gümüşay, Reyhan Şahin alias Dr. Bitch Ray oder Nuray Demir. Mit Ertans Gedichten setzen sie den Kampf der Dichterin gegen den Rassismus heute fort.

Info

Mein Name ist Ausländer | Benim Adım Yabancı Semra Ertan edition assemblage 2020, 240 S., 18 €

Gürsoy Doğtaş ist Postdoktorand an der Universität für angewandte Kunst in Wien und forscht über strukturellen Rassismus im Kunstbetrieb

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