Es ging nicht unentschieden aus

Gaza/Israel Nach dem Konflikt muss sich die Regierung Netanjahu einer veränderten Situation stellen. Auch das eigene Kernland ist jetzt verwundbar
Es ging nicht unentschieden aus
Für Benjamin Netanjahu ist die Lage nicht leichter geworden

Foto: Gali Tibbon/AFP/Getty Images

Bis zur Operation Wolkensturm verfügte Hamas über eine politische Präsenz im Gazastreifen, aber keinen internationalen Rang. Das Gesicht der Palästinenser im Ausland war Mahmud Abbas als Präsident der Autonomiebehörde. Nun nicht mehr. Bei allen diplomatischen Bemühungen, die Raketen- und Luftangriffe zu stoppen, wurde der Gazastreifen wie ein De-facto-Staat mit einer De-facto-Regierung behandelt, selbst in israelischen Medien. Es war für die Regierung von Benjamin Netanjahu klar, eine Waffenruhe konnte nur mit der Hamas ausgehandelt werden. Auch innerhalb des palästinensischen Volkes hat Hamas an Statur gewonnen. Der winzige Gazastreifen stand allein gegen Israel und dessen schlagkräftige Armee und hat sich nicht gebeugt. Es ging unentschieden aus. Und das bedeutet in diesem Fall – Sieg für Gaza.

Immerhin hat nun Abbas einen kleinen diplomatischen Triumph erreicht: das Votum der UN-Vollversammlung zur Aufwertung Palästinas zu einem Nichtmitgliedsstaat mit Beobachterstatus. Damit kann er eine politische Errungenschaft vorzeigen, die auch seine eigene politische Lage stabilisiert. Es sieht nun so aus, als käme er – wenn auch nur mit winzigen Schritten – dem eigenen Staat näher. So kann er vielleicht wieder etwas an dem Boden gegenüber Hamas zurückgewinnen, den er in den vergangenen Jahren verloren hat. Aber sicher ist das nicht. Immer noch herrscht bei vielen die Überzeugung: Israel versteht nur die Sprache der Gewalt. Die Israelis sagen natürlich dasselbe über die Palästinenser.

Auf Mursi angewiesen

Warum aber werden die „Gemäßigten“, die bereit und fähig sind, Frieden zu schließen, unterminiert? Warum wird den „Extremisten“ geholfen? Die Antwort gibt Außenminister Avigdor Lieberman, Netanjahus offizielle Nummer 2: Abbas soll politisch zerstört werden, um die Westbank zu annektieren und den Weg für die Siedler freizumachen, so das Kalkül.

Nach der Hamas ist Mohammed Mursi der große Gewinner nach dem Konflikt um Gaza. Als er zum Präsidenten Ägyptens gewählt wurde, reagierte das offizielle Israel hysterisch: Islamisten haben das wichtigste arabische Land übernommen! Der Camp-David-Vertrag geht zum Teufel! Und jetzt hängen wir an jedem Wort, das Mursi äußert, ist er doch der Mann, der dem gegenseitigen Töten ein Ende gemacht hat. War Mursi der einzige Politiker, der zwischen Israel und Hamas vermitteln konnte, so ist er jetzt auch der einzige, der die Feuerpause garantiert.

Nur, ist er dazu in der Lage? Dass Mursi mit diktatorischen Vollmachten regiert, wirkt nicht vertrauenerweckend. Israel sieht sich mit einer veränderten strategischen Situation konfrontiert. Raketen – aus dem Gazastreifen abgefeuert – erreichen nun auch Tel Aviv, nicht nur Grenzorte im Süden. Es gibt dagegen keinen absoluten Schutz. Jede Rakete kann theoretisch jeden treffen. Durch einen Luftkrieg nach dem üblichen Muster lässt sich diese Gefahr nicht mehr bannen – es sei denn, der Gazastreifen wird wieder zum besetzten Gebiet wie vor 2005. Und in einem solch kritischen Augenblick müssen sich die Führer der westlichen Welt mangels Alternativen auf einen Präsidenten wie Mursi verlassen, dessen Dekrete an Mubarak erinnern?

War es das wert?

Am Sonntag war ich zum Interview bei Kanal 2 gebeten, dem populärsten und patriotischsten Fernsehsender Israels. Die Einladung wurde im letzten Moment widerrufen. Wäre ich zu Wort gekommen, hätte ich meinen Landsleuten einfache Fragen gestellt: War es das wert? All das Leiden, die Verletzten, die Tage des Terrors? War es die ununterbrochene TV-Berichterstattung wert mit einer Legion von Ex-Generälen, die Botschaften aus dem Büro des Ministerpräsidenten deklamierten? Es gab die fürchterlichsten Drohungen, als etwa der Sohn von Ariel Sharon vorschlug, ein Viertel von Gaza-City oder besser den ganzen Streifen platt zu machen.

Jetzt, da alles vorbei scheint, sind wir genau dort, wo wir vorher waren. Die Operation – in Israel die „neue Runde“ genannt – war tatsächlich rund. Sie führte zum Ausgangspunkt zurück: Die Hamas wird weiter den Gazastreifen kontrollieren, die dortige Bevölkerung Israel noch feindseliger gegenüberstehen und die Westbank bei der nächsten Wahl für Hamas stimmen. Welche Schlussfolgerungen zieht man daraus?

Die offensichtlichste: mit Hamas reden. Von Angesicht zu Angesicht. Yitzhak Rabin erklärte mir einmal, wie er zu dem Schluss gekommen sei, mit der PLO reden zu müssen: „Nach Jahren der Zurückweisung wurde mir klar, dass sie die einzige Kraft war, die zählte. Also war es lächerlich, mit ihnen über Vermittler zu reden.“ Das Gleiche trifft jetzt auf die Hamas zu. Sie sind da und werden nicht weggehen. Es ist für israelische Unterhändler lächerlich, in einem Raum des ägyptischen Geheimdienstes in Kairo zu sitzen, während sich die Hamas-Emissäre in einem anderen Raum wenige Meter entfernt aufhalten, und die höflichen Ägypter gehen hin und her. Vor allem aber sollte man Mahmud Abbas retten, vorläufig gibt es für ihn keinen Ersatz. Gebt ihm einen Sieg, um die Erfolge der Hamas auszugleichen!

Uri Avnery flüchtete mit seiner Familie 1933 aus Deutschland nach Israel

Mehr zum Thema: Wenn es sein muss, reden Israelis und Palästinenser schon miteinander – der Fall Gilat Shalit hat das gezeigt

12:07 30.11.2012

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