Es hat gar nicht weh getan

Hauptsache laut Karin Henkel verfehlt Franz Molnars "Liliom" in Stuttgart

Es gibt nur wenige Stücke, über die so viele Klischees in Umlauf sind wie Liliom. Angeblich weiß ja jeder, vor allem jeder, der in einer Theaterkantine sitzt, was das ist: eine "Vorstadtlegende", auch noch mit einem intellektuell beschränkten Kraftmenschen vom Rummelplatz als Hauptfigur, und wie man das auf keinen Fall spielen darf, also gefühlsduselig, gefühlsdusselig undsoweiter. Das Stück kommt (in der Polgar-Fassung) aus Wien, also muss wohl Zucker dran sein, falsche Praterseligkeit, Dumpfheit - und am schlimmsten: Kitsch. Noch schlimmer: Sozialkitsch. Darf man nicht machen. Muss man ganz ins Heute transportieren, in die Unterschicht, ins Prekariat - dann sind wir topaktuell und brutal und unheimlich nah dran am Publikum.

Wirklich? Scheint nur so. Denn die Unterschicht geht nicht ins Theater. Und wischt man einmal diese ganzen alten Verfilmungen und diese Broadway-Carousel-Schmiere und die Hier-komm-ich-Hans-Albers-Posen beiseite (auch Harald Juhnke hat mal den leutseligen Schläger Liliom gegeben), wischt man das alles weg und liest das Stück, dann zeigt sich: es ist ein ganz kleines, zartes Bauwerk, das man behutsam anfassen muss, ein Vorläufer des Horváthschen Volksstücks, und wer da einfach nur laut und lärmend draufhaut, der verfehlt die stammelnde Sprache der Bewusstlosigkeit, das reduzierte Idiom der Entrechteten, der dieses Jahrhundertwende-Stück um 1910 ganz wunderbar nachlauschte.

Sie können nicht von sich sprechen, also schlagen sie sich: das ist die einfachste Formel, zu man im politisch korrekte Dramaturgenstübchen bei solchen Stücken tendiert. Es ist aber leider viel schlimmer: Liliom haut die Frauen, und die Frauen lieben ihn dafür. Liliom, der Rummelplatzansager, ist unheimlich stark und im Bett ein Bringer, und deshalb sucht frau Schutz bei ihm. Um den Preis, ab und zu ein blaues Auge zu haben. Ferenc Molnár, der Budapester Caféhaus-Literat mit Milieu-Kenntnis, hatte aber noch genauer hingeschaut: vielleicht haut der - später entlassene - Liliom seine Frau nicht nur, weil er keine Argumente hat (sie will nämlich, dass er arbeiten geht, und er hat nichts gelernt, und Hausmeister will er nicht sein, und eigentlich will er eh seine Ruh). Nein, vielleicht haut er sie, weil er halt so ist. Und sie lässt sich möglicherweise schlagen, weil es gut tut, geschlagen zu werden. Weil man sich dann als guter Mensch fühlt, als Leidende, die einen anderen auf den rechten Weg bringen will, als wahrhaft Liebende also: "Es ist möglich, dass einen jemand schlägt, und dass es doch gar nicht weh tut" - so sagt es der letzte Satz des Stücks.

Das sind die psychischen Abgründe, über denen Ferenc Molnar herumhangelt, über einem Bodensatz aus Trieb und Kitsch und christlicher Nächstenliebe und ein bisschen Spießertum und Masochismus, und sie sind dem deutschen Theater heute abgrundfremd. Blut und In-die-Fresse plus wahre Liebe ist nicht postmodern verhäckselbar, aber irgendwie muss man es doch hinkriegen, aus der Molnarschen Herz-Schmerz-Dumpfballade einen halbwegs Hartz-IV-kompatiblen Hilfeschrei zu destillieren. Verwirrend ist nur, dass der Bearbeiter Alfred Polgar, der das Stück ins Deutsche und damit: ins Wienerische gebracht hat, zumindest vom Tonfall eine Art ironischen, sarkastischen Zuckerguss über den Text kippt. Der diese kargen Dialoge schrieb, der zeigt uns auch: schaut mal, wie blöd diese Figuren sind. Wie derb und verroht und gefühlsarm; oder vielmehr: wie voller Gefühl, das aber nie zur Sprache kommen darf und kann.

Diese Sentimentalitäten gälte es auszuhalten und zu differenzieren: denn Liliom ist ein altes, ein altbackenes Stück. Die Regisseurin Karin Henkel will es in Stuttgart nun partout auf heutig trimmen - und sie bemerkt gar nicht, dass sie Molnár etwas Entscheidendes wegnimmt, indem sie ihn (auch sprachlich) aus der k.u.k-Monarchie heraustransportiert. Man muss nicht herumwienern, und man muss keinen Leierkasten aufstellen, das nicht; aber man muss etwas von dem altmodischen Gestus dieser Zeit bewahren, in der die Mädchen noch auf Soldaten und auf Uniformen standen und in der man beim Herrn Direktor diente als "Mädchen für alles", und das war dann ganz wörtlich gemeint. Die Psycho-Struktur des ständigen, oft auch gegenseitigen Missbrauchs, die da gezeigt wird, wäre viel heutiger als der spätkapitalistische Lärm, für den sich Karin Henkel in Stuttgart entschieden hat.

Die Regisseurin will uns mit purer Lautstärke überzeugen: statt der Drehorgel gibt es fette Rockmusik und Disco-Anmache; die Schauspieler schlagen und tanzen ihre Aggression heraus, als hätten sie gerade einen Bioenergetik-Kurs besucht; der Text wird herausgebrüllt, überschrieen, in Wort-Echos verraspelt und in Satz-Wiederholungen verfremdet. Das Leben ist nicht nur ein Rummelplatz, sondern vor allem ein Laufsteg. Die Bühne: ein leeres Schaufenster, dessen Decke in platter Metaphorik immer weiter nach unten fährt, um die armen, sich bückenden Menschlein wie eine Presse zu zerdrücken. Alles ist ins Körperliche gezogen: der Liliom des Felix Goeser tritt zunächst mit einer monströsen Oberkörper-Maske auf, fies tätowiert, ein großmäuliger Entertainer, der auf seiner Drehbühne die Mädeln antatscht.

Felix Goeser ist ein Tier von einem Schauspieler, aber er verlässt sich hier zu sehr auf seine Ausstrahlung. Er spielt den Schläger als trotziges, bösartiges Kind, doch es bleibt an der Körper-Oberfläche, ohne viele Widersprüche, ohne die gewalttätige Hilflosigkeit, die diese Figur haben musste. Das Hilflose sieht man viel mehr bei der (famos differenzierenden) Katja Bürkle: sie spielt die Julie als unreife, vorlaute Göre, die auf einmal ein Gefühl für einen Mann hat und davon nicht mehr ablässt. Die Sterbeszene, in der sie über dem toten Liliom kniet und versucht, ihm ihre Liebe zu gestehen, ist in ihrer Schutzlosigkeit der Höhepunkt der Aufführung, die sich sonst sehr gern ins Plakative rettet.

Elmar Roloff und Christian Brey spielen eine Vielzahl von Nebenrollen, die den Liliom alle argwöhnisch beäugen, alte Frauen, Kinder, Polizisten. Sie sind von der Regisseurin stark karikaturistisch angelegt, um dann in einen Chorus zu münden: "Aber arbeiten kann er nicht." Da kann man schon paranoid werden ... Es gehört sicher zu Karin Henkels Stärken, auch konzeptuell nicht wirklich überzeugende Inszenierungen zu einem publikumswirksamen Ende zu bringen. Denn es wäre unfair zu verschweigen, dass die Aufführung qua Timing und purer Intensität auf den Zuschauer eine große Sogwirkung ausübt: ein Sauleben, in dem die Frauen die Versager und erfolglosen Gangster lieben und sich von ihnen hauen lassen und es gar nicht spüren.

"Es hat gar nicht weh getan" kann man allerdings auch über diese Aufführung sagen: ihre Effekte sind vordergründig, ihre Brutalität ist schnell verpufft, und der Zauber und die Subtilität, die wir bei Molnar lesen können, sind ihr nicht erreichbar. So stehen wir vor dem Paradox, dass der Stuttgarter Liliom eine ungeheuer effektvolle Aufführung ist, die das Stück grandios verfehlt. Es könnte sein, dass dies nicht so untypisch ist für das deutsche Theater dieser Tage.


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00:00 19.01.2007

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