Es hat sich wenig getan in 200 Jahren

Musik Menschen unter 35 interessieren sich laut Meinungsforschung nicht für klassische Musik. Trotzdem kommen zu den Konzerten des Artemis Quartetts haufenweise junge Leute

Auf die Frage, ob Pop weniger bedeutend sei als Klassik, antwortete kürzlich Neil Tennant, der Gründer der Pet Shop Boys: In der Klassik ginge es „mehr um harmonische Experimente“, im Pop dagegen „nicht wirklich“. Selbst Brian Wilson, Kopf der Beach Boys und bekannt für Experimentierfreude, greife nur auf Harmonien zurück, „die seit dem frühen 18.Jahrhundert verfügbar waren“. Als das Allensbacher Meinungsforschungsinstitut für 2008 herausfand, dass sich Menschen unter 35 nicht mehr für klassische Musik interessierten, sah darin mancher den Anfang vom Aus der Klassik.

In der Kulturgeschichte geht es indes weniger kurzsichtig zu als in den Verlautbarungen bürgerlicher Demoskopie, und nicht so kurzatmig wie in den Moden marktwirtschaftlicher Jugendkultur. Tennant auf die Frage, warum die Pet Shop Boys und andere Formationen der Popkultur, weißhaarig und faltenreich wie sie inzwischen aussehen, immer noch über die Bühnen der Unterhaltungsindustrie geistern: Die „kulturelle Landschaft“ habe sich im letzten Vierteljahrhundert „verhältnismäßig wenig“ geändert.

Da müssen sich Menschen mit ästhetischen Halbwertzeiten wie ein Vivaldi oder Chopin, ein Bruckner oder Lachenmann wohl kaum verstecken. Dass die Branche, ökonomisch und was ihr Selbstverständnis angeht, bis Ende der neunziger Jahre den Anschluss verpasst hatte, ist nicht zu leugnen. Niveaulose Indizien dafür waren die drei Tenöre oder das Auftauchen von Phänomenen wie André Rieu, Helmut Lotti oder der Titanic-Filmmusik in den Klassik-Charts.

Ob sich jemals eine nennenswert größere Zahl als die seit etwa 200 Jahren üblichen Verdächtigen des bürgerlichen Kulturbetriebs für klassische Musik interessieren wird, ist ungewiss. Aber ohne Zweifel begeben sich nicht wenige Musiker, Veranstalter und Vermarkter seit Jahren auf neue Wege zu einem jüngeren Publikum aus zum Teil anderen Milieus.

Eckart Runge, Cellist des zur Weltspitze zählenden Artemis Quartett, legt Wert auf die Festestellung, dass er frei spreche, „undogmatisch“ und nicht von oben herab, wenn er vor fast jedem Konzert ein paar Sätze sagt zu dem, was die Leute erwartet. Andere Ensembles holen das gewünschte Publikum da ab, wo es ist, sie spielen Haydn, Brahms, Aribert Reimann in Clubs wie dem Berliner Watergate oder gastieren bei einem der Nachtkonzerte im angesagtesten Berliner Kulturort für klassische Musik, dem Radialsystem.

Wenn zu den Konzerten des Quartetts „mindestens die Hälfte jüngere Leute“ (Runge) in die Traditionssäle kommen, die Artemis inzwischen füllt, liegt das an der Art wie die fantastischen Vier Klassik aufführen. Der Beethoven ihrer vorletzten CD mit dem Streichquartett op.59, Nr. 2 klingt dementsprechend so erotisch, vibrierend und lustvoll wie der Tango elegant, tief und melancholisch, den Runge seit Jahren mit dem Pianisten Jacques Ammon im Cello Project präsentiert. Musik aus der Mitte des Lebens beides. Wobei es Runge für einen Nicht-Argentinier verblüffend gut gelingt, den echten Tangoton zwischen Sehnsucht und hinreißend rhythmisiertem Macho-Triumph zu treffen. Auch das Quartett spielt auf seiner letzten CD im Piazzolla Project Tango in Arrangements , an denen Runge seit sechs Jahren gesessen hat. Schmelztiegelmusik, glutvoll, kunstvoll – im besten Sinn klassisch.

Beethoven Streichquartett op. 59, Nr. 2 Artemis Quartett; Virgin Classics / EMI 380268 2. E. Runge, J. Ammon Cellotango; genuin GEN 88126. Artemis Quartett The Piazolla Project; Virgin Classics / EMI 267292

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16:35 18.06.2009

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