„Es heißt Femizid“

Interview Patrícia Melo schreibt in ihrem neuen Roman über die Kultur der Gewalt in Brasilien, sie erspart uns kein blutiges Detail. Literatur kann Widerstand leisten, sagt sie
„Es heißt Femizid“
Protestaktion der NGO „Rio de Paz“, die sich gegen Gewalt gegen Frauen in Brasilien einsetzt

Foto: Miguel Schincariol/AFP/Getty Images

Und dann, endlich, lässt Patrícia Melo die Amazonenkriegerinnen von der Leine. Sie stürzen sich auf die Männer, auf die Frauenquäler und Frauenmörder, töten sie, kochen sie, essen sie. Ein blutiger – und tatsächlich komischer – Höhepunkt in Melos neuem Roman Gestapelte Frauen (Unionsverlag). Ein Akt der Befreiung. Denn was hier sonst zu lesen ist, ist fast unerträglich. Melo schickt eine namenlose Anwältin aus São Paulo in die Provinz Acre, um dort als Beobachterin an Prozessen teilzunehmen, in denen es um Gewalt gegen Frauen geht. Der schlimmste darunter: drei junge Weiße, die ein 14-jähriges indigenes Mädchen gefoltert, vergewaltigt und ermordet haben. Melo erspart ihrer Heldin und ihren LeserInnen kein blutiges Detail – und auch nicht den Freispruch der Mörder. Für ihre Protagonistin bedeutet dieses Unrecht: Sie muss von der Beobachterin zur Aktivistin werden. Nur: Was kann sie tun? Die Anwältin aus der Großstadt sucht Hilfe bei den archaischen Drogenritualen der indigenen Bevölkerung – und entdeckt ganz neue Seiten an sich.

Patrícia Melos Roman ist ein eindringliches Plädoyer gegen Männergewalt, kein Pamphlet, sondern ein virtuos komponiertes Stück Literatur. Melo zeigt, wie eine gewalttätige, patriarchale Gesellschaft Femizide – Morde an Frauen aus dem Motiv Frauenhass – hervorbringt. „Brasilien produziert Frauenleichen in einer fast schon industriellen Weise“, sagt Melo im Skype-Interview, „und so lange der Staat Frauen nicht schützt, ist er an ihrem Tod mitschuldig.“

der Freitag: Frau Melo, wie geht es Ihnen?

Patrícia Melo: Mir geht es verhältnismäßig gut, wenn man bedenkt, in welch desolatem Zustand die Welt gerade ist. Mein Leben hat sich durch die Pandemie nicht groß verändert. Als Schriftstellerin lebe ich seit 30 Jahren ohnehin ziemlich zurückgezogen. Für meinen Ehemann, der als Dirigent arbeitet, sieht es ganz anders aus. Er hatte seinen letzten Auftritt im Februar 2020 in Mailand, einen Tag, bevor dort alles dicht machte. Katastrophal!

Sie leben seit gut fünf Jahren in der Schweiz, vor allem wegen Ihres Mannes, der hier bessere Chancen hat zu arbeiten. Sind Sie aktuell froh darüber, nicht in Brasilien zu leben?

Ja, es ist die schlimmste Zeit, um in Brasilien zu leben. In den letzten 24 Stunden allein sind dort rund 2.700 Menschen am Corona-Virus gestorben. Und das hat sehr viel mit Jair Bolsonaro zu tun. Brasilien hatte schon eine Reihe schrecklicher Präsidenten, aber Bolsonaro ist definitiv der schlimmste, den es je gab.

Was macht ihn zum „schlimmsten“ Präsidenten?

Er hat nichts getan, um die Katastrophe in Brasilien zu verhindern, wo bereits mehr als 300.000 Menschen in Zusammenhang mit dem Virus gestorben sind. Stattdessen hat er seit dem Beginn der Pandemie vier Gesundheitsminister verschlissen. Bolsonaro ist der Grund, dass Brasilien nach den USA die zweithöchste Zahl von Infektionen weltweit hat. Für mich wirkt er eher wie der Anführer einer Sekte von Satanisten. Ein Mann ohne Empathie, der für einen Genozid verantwortlich ist. Er ist eine Gefahr, nicht nur für Brasilien, sondern für die Welt. Denn er hat Brasilien zu einer Brutstätte für das Virus werden lassen, und wenn man das tut, dann treten Mutationen auf, die sich verbreiten. Es ist eine Tragödie, und es gibt Tage, da kann ich Nachrichten aus Brasilien nicht mehr ertragen.

Bei unserem letzten Interview vor knapp fünf Jahren sagten Sie, um Brasilien stünde es nicht gut, aber Sie hätten noch Hoffnung. Wie sieht das heute aus?

Als wir damals sprachen, war Dilma Rousseff noch Präsidentin. Und auch wenn vieles sehr düster war, so war es doch tausendmal besser als heute. Die VorgängerInnen von Bolsonaro, wie schlecht sie auch gewesen sein mögen, waren DemokratInnen. Bolsonaro ist das nicht, er zerstört das Land systematisch und ist dabei, Brasilien in eine Diktatur zu verwandeln.

Wie konnte es so weit kommen?

Ich frage mich das oft und habe inzwischen eine Art Theorie dazu: Brasilien ist ein Land, das schon immer zu viel Toleranz gegenüber Gewalttätern hatte. Polizeigewalt, Drogenmilieu, die Gewalt der Paramilitärs, Gewalt gegen Frauen. Vielleicht liegt es an dieser Toleranz, dass wir es zugelassen haben, dass ein Mann wie Bolsonaro Präsident werden konnte; ein Mann, der immer schon mit der Ultrarechten sympathisierte, der immer schon durch Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Hate Speech auffiel. Wenn es ein Wort gibt, das Bolsonaro beschreibt, dann ist es Gewalt. Er verbreitet und unterstützt Gewalt auf allen Ebenen, er ist ein Raubtier. Eines Tages wird er als Verbrecher verurteilt werden und im Gefängnis landen.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass es nach Bolsonaro besser wird?

In einem Wort: Lula.

Luiz Inácio Lula da Silva war zwischen 2003 und 2011 Brasiliens Präsident, bevor er wegen angeblicher Korruption zu 12 Jahren Haft verurteilt wurde. Inzwischen ist er rehabilitiert und wieder auf freiem Fuß. Was macht den Gründer der brasilianischen Arbeiterpartei so besonders?

Lula und seine Partei haben viel dafür getan, dass Brasilien ein sozial gerechteres Land wurde. Er hat sich voll für die Menschen eingesetzt, hat erfolgreich den Hunger bekämpft. Dafür bewundere ich ihn. Er hat eine Vision für unser Land, anders als Bolsonaro. Und er ist ein großartiger Anführer, der es schaffen kann, die Linke neu aufzustellen. Ich glaube, er hätte gute Chancen, Bolsonaro bei der Wahl 2022 zu schlagen.

In Ihren Romanen schreiben Sie darüber, was schief läuft in Brasilien, oft in sehr drastischer Weise. Das hat Ihnen dort den Titel „Queen of Crime“ eingebracht. Ist das Ansporn oder Bürde für Sie?

Lange habe ich mich nicht als Krimiautorin gesehen, aber inzwischen ist die Definition davon, was ein Kriminalroman ist, viel weiter gefasst als früher, sodass meine Romane durchaus reinpassen. Aber am Ende ist mir dieses Label völlig gleichgültig. Tatsächlich schreibe ich immer wieder über Verbrechen, aber eigentlich interessieren die mich nicht so sehr. Was mich interessiert, ist Gewalt.

Gewalt als gesellschaftliches Phänomen?

Meine ganze Karriere als Schriftstellerin lang habe ich versucht herauszufinden, wo die Gewalt in Brasilien herkommt, wie wir zu dieser gewalttätigen, grausamen Gesellschaft geworden sind. Gewalt ist ein strukturelles Problem in unserer Gesellschaft, und das geht so weit, dass ich sagen würde, dass es nicht möglich ist, Brasilien zu verstehen, ohne die Gewalt dort zu verstehen.

Zur Person

Foto: Horst Galuschka/IMAGO

Patrícia Melo, 59, ist mit ihren Romanen über die Gewalt in Brasilien nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in Deutschland erfolgreich. Für O Matador und Der Leichendieb erhielt sie den Deutschen Krimipreis. Melo lebt mit ihrem Mann, dem Dirigenten John Neschling, in der Schweiz

In Ihrem neuen Roman „Gestapelte Frauen“ geht es ganz speziell um Gewalt gegen Frauen. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Brasilien zählt zu den Ländern, die besonders hart von Femiziden betroffen sind: Alle acht Minuten wird eine Frau vergewaltigt, alle drei Tage wird eine Frau ermordet, weil sie eine Frau ist. Als ich diese Zahlen gelesen habe, dachte ich: Das sind Statistiken, aber man muss etwas tun, um das erfahrbar zu machen. Und als Schriftstellerin habe ich logischerweise einen Roman geschrieben. Wie immer, wenn ich schreibe, war auch hier meine Motivation, Widerstand gegen eine grausame Wirklichkeit zu leisten, in der Frauen diskriminiert, ausgebeutet, geschlagen und allzu oft getötet werden.

Inwieweit können Sie mit Ihrem Roman tatsächlich etwas verändern?

Eigentlich finde ich nicht, dass Literatur eine soziale Funktion haben muss. Aber in Staaten wie Brasilien, in denen Faschisten das Sagen haben, ist Literatur eine Art, Widerstand zu leisten. Natürlich ist mein Buch nur ein kleiner Tropfen, es trägt vielleicht ein bisschen dazu bei, diese enorm wichtige Diskussion zu befeuern.

Wie wurde „Gestapelte Frauen“ in Brasilien aufgenommen?

Sehr gut, es war ein großer Erfolg. Seitdem nehme ich an vielen Events zum Thema Femizide teil, werde oft zu meiner Meinung befragt. Mehr zu erreichen kann ich als Schriftstellerin nicht hoffen.

Haben Sie beim Schreiben des Romans einen neuen Ansatz gefunden, der die Gewalt in Brasilien erklärt?

In gewisser Weise. Brasilien ist ein patriarchales Land, ein sexistisches Land, das deshalb nicht in der Lage ist, seine Frauen zu schützen. Und alles ist schlimmer geworden, seitdem Bolsonaro Präsident ist. Wenn ein Mann regiert, der ein offener Frauenhasser und ein Musterexemplar für Machismo ist, der sich auf Fotos gern mit Waffen zeigt, dann ist das ein Nährboden für Gewalt, auch für Gewalt gegen Frauen.

Gewalt gegen Frauen ist aber leider länger ein Thema, als Bolsonaro an der Macht ist.

Natürlich, und vor Bolsonaro hatte sich ein bisschen was zum Besseren verändert. Das fing damit an, dass mörderische Gewalt gegen Frauen einen Namen bekommen hatte: Femizid. Früher hieß es ja nur „Homicide“. Und dadurch, dass die Morde und Gewalttaten einen Namen hatten, werden sie stärker wahrgenommen, werden auch Statistiken dazu geführt, und das führt dazu, dass die Politik reagieren muss. Zwar werden Morde an Frauen immer noch allzu oft als Verbrechen aus Leidenschaft verharmlost, aber immerhin ist es seltener geworden, dass die Täter in der Öffentlichkeit als tragische Helden gesehen werden.

Inwiefern glauben Sie, dass die Gewalt gegen Frauen mit der Art zu tun haben, wie sie in Romanen, Filmen, der Werbung präsentiert werden?

Die Tatsache, dass Frauen immer noch allzu oft und längst nicht nur in pornografischen Filmen als reine Sexobjekte dargestellt werden, spielt eine wichtige Rolle bei den Femiziden. Wenn eine Frau von einem Mann ermordet wird, ist das nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter liegt eine lange Geschichte des Missbrauchs. Ich muss sagen, dass mich noch nie eine Recherche für ein Buch so sehr mitgenommen hat. Ich habe mit Anwälten gesprochen, mit Sozialarbeitern, mit Überlebenden, habe an vielen Prozessen teilgenommen – und die Geschichten sind immer dieselben. Bevor die Frauen ermordet wurden, wurden sie bedroht, geschlagen, erniedrigt, vergewaltigt. Der Mord ist nur das letzte Kapitel.

Sie erzählen aus der Perspektive einer jungen Anwältin, die als Prozessbeobachterin von São Paulo in die Amazonas-Provinz Acre geschickt wird. Wieso spielt Ihr Roman nicht in einer bekannten Metropole wie Rio de Janeiro?

Am Anfang wollte ich nur die Geschichte dieser jungen Anwältin aus São Paulo erzählen, die vor einer Beziehung flüchtet, die gerade beginnt, missbräuchlich zu werden. Doch als ich mit den Recherchen begonnen habe, gab es ungefähr 10.000 aktuelle Fälle von Femiziden, die vor Gericht verhandelt wurden. So viele, dass sogar eine Task Force gebildet wurde, um die Verhandlungen zu beschleunigen. Und mir wurde klar, dass ich in meinem Buch das ganze Ausmaß des Dramas zeigen musste. Das ist ein Grund dafür, dass ich die Geschichte im Bundesstaat Acre angesiedelt habe. Zum einen waren damals die Zahlen in Acre am höchsten, aber ich habe auch herausgefunden, dass Femizide ein Phänomen sind, das die gesamte Gesellschaft betrifft, nicht nur die Armen oder Marginalisierten. Aber eben vor allem sie. Auch unter den Indigenen ist Gewalt gegen Frauen weit verbreitet, was viel damit zu tun hat, wie die Indigenen in Brasilien behandelt werden, dass ihnen ihr Land und ihre Rechte genommen wurden. Für mich ist Acre ein Mikrokosmos des gesamten Landes.

Ein Teil der Handlung spielt unter den indigenen Völkern, Ihre Hauptfigur sucht dort in Drogenritualen nach sich selbst und entwickelt Rachefantasien.

Ja, Sie sucht im Amazonasurwald Heilung. Sie trinkt Ayahuasca, einen Pflanzensud, der ursprünglich getrunken wurde, um mit den Göttern kommunizieren zu können. In diesen Kapiteln verlässt meine Erzählung den Boden der Realität, wird traumhaft. Meine Figur halluziniert, dass sie eine Amazone wäre und in einer Gemeinschaft kriegerischer Frauen lebt, die sich grausam an den Männern rächt, die Frauen Gewalt angetan haben. Diese Kapitel waren eine Art Belohnung: Rache an all den Männern, von deren schrecklichen Taten ich Tag für Tag bei meiner Recherche hören musste. Das hat mir viel Spaß gemacht. Meine Protagonistin aber sollte keine Rächerin werden, sie ist Anwältin und glaubt trotz allem an das Gesetz.

Ihre Bücher sind bei aller Düsternis bekannt für Humor und Ironie, in „Gestapelte Frauen“ ist davon eher wenig zu finden. Ist das Buch eher Anklage oder Wutausbruch?

Tatsächlich war die Recherche für dieses Buch sehr aufreibend, und es hat mich traurig und wütend gemacht, dass Frauen in Brasilien, aber auch überall sonst auf der Welt getötet werden wie Insekten. Es hat mich so sehr mitgenommen, dass mein Sinn für Humor verloren gegangen ist. Ich kann so eine Geschichte nicht humorvoll erzählen. Deshalb ist der Teil mit den Amazonen ja so wichtig, ihn zu schreiben war für mich wie auch für meine Heldin eine Fluchtmöglichkeit, hier konnte ich meinem Sinn für Humor freien Lauf lassen. Aber dennoch: Es hat mich viel Zeit gekostet, mich von diesem Buch zu erholen.

Ihre Protagonistin flüchtet nicht nur vor den Fakten in den Urwald, sondern wird selbst Opfer von Gewalt. Ihr Freund schlägt sie betrunken auf einer Party. Kann eine Ohrfeige der Beginn einer Gewaltspirale sein?

Es beginnt noch davor. Mit extremer Eifersucht zum Beispiel, mit extremer Kontrolle. Die Ohrfeige ist der Anfang der zweiten Phase, wo aus verbaler Erniedrigung körperliche Gewalt wird. Und diese Gewalt eskaliert fast immer. Die Killer haben einen Modus operandi. Und man kann das frühzeitig erkennen, deshalb müssen wir darüber reden, damit Frauen wissen, dass es nicht normal ist, was sie erleben, sondern dass sie sich auf einer gefährlichen Reise befinden, die mit ihrem Tod enden kann. Extreme Eifersucht kann ein erstes Warnzeichen sein, dass in einem Mann ein potenzieller Killer steckt. Mich hat dieses Buch verändert, weil ich gesehen habe, wie gewalttätig Männer sein können, auch in einer zivilisierten Welt. Ein Beispiel: Ich habe eine Tochter, sie ist 30, und wenn sie mir jetzt erzählt, dass sie einen Mann kennengelernt hat, frage ich mich: Ist er ein zivilisierter Mensch oder ein Barbar?

Aber auch scheinbar zivilisierte Männer neigen zu Gewalt, wie Ihr Buch zeigt.

Das stimmt, und die meisten Frauen in Brasilien werden in ihrem Zuhause umgebracht, das doch eigentlich ein Ort sein sollte, an dem sie sicher sind. Deshalb verabscheue ich den Ausdruck häusliche Gewalt, er klingt fast schon harmlos. Die Ehe ist so etwas wie eine Lizenz zum Töten. Und das herauszufinden hat mich schockiert und meine Sicht auf die Männer und die Dinge, zu denen sie fähig sind, verändert.

Das gilt hoffentlich nicht für Ihren Ehemann?

Nein, keine Sorge, er ist Feminist.

Info

Gestapelte Frauen Patrícia Melo Barbara Mesquita (Übers.), Unionsverlag 2021, 256 S., 22 €

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06:00 24.04.2021

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