Es herrscht Krieg, da ist das Klima grad mal egal

Kolumne Der Krieg hebelt alles aus: Dabei sollte die Industrie nachhaltiger und klimafreundlicher werden. Auch die Agrarindustrie wittert nun die Gunst der Stunde.
Hier wird Erdgas verheizt: Kraftwerk in Berlin
Hier wird Erdgas verheizt: Kraftwerk in Berlin

Foto:Sean Gallup/Getty Images

Die Menschen hatten eben alle keine Ahnung von dem, was kam. Am vernünftigsten waren eigentlich die armen und einfachen Leute; sie hielten den Krieg gleich für ein Unglück, während die bessergestellten vor Freude nicht aus noch ein wussten, obschon gerade sie sich über die Folgen viel eher hätten klar werden können.“ Diese Zeilen schrieb Erich Maria Remarque 1928 über den ersten Weltkrieg in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“. Nun hat ein neuer Krieg im Osten begonnen, und es ist doch erstaunlich, wie sich die Menschen beinahe ein Jahrhundert später in nichts geändert haben.

Denn auch in diesem Krieg gibt es die armen und einfachen Leute, für die der Krieg ein Unglück ist und die sich nun auf der Flucht in Zelten zusammendrängen. Und auch in diesem Krieg gibt es die Bessergestellten, die vor Freude nicht ein noch aus wissen. Es sind die Industrien, die sich schwer getan haben in letzter Zeit, weil sie sich verändern sollten in eine Richtung, die ihnen nicht gefiel. Sie sollten nachhaltiger und klimafreundlicher werden, weil nicht mehr zu leugnen ist, dass es anders nicht geht, wollen wir auf einem bewohnbaren Planeten (über)leben. Aber nun herrscht Krieg, und der Krieg hebelt doch alles aus.

Die Öl- und Gasförderung außerhalb Russlands müsse nun hochgefahren werden, fordert die fossile Industrie. Denn Europa hängt massiv an Putins Tropf: Rund 40 Prozent des in Europa verheizten Erdgases kommen aus Russland. Statt sich von dieser Abhängigkeit zu lösen und erneuerbare Energien auf eigenem Grund und Boden stärker auszubauen, kaufte Europa mit der Abkehr von Atom- und Kohlestrom immer mehr russisches Gas. Wie fatal es ist, sich geopolitisch von einem Autokraten abhängig zu machen, dem man nicht trauen kann, noch dazu mit einer Ressource, die auch nicht klimaneutral ist, zeigt sich jetzt. Und die fossile Industrie frohlockt. Sie hat die russische Invasion in die Ukraine übrigens zu großen Teilen überhaupt erst möglich gemacht: Rund vierzig Prozent des russischen Staatshaushaltes speisen sich aus der Öl- und Gasförderung – die westliche Ölkonzerne wie British Petroleum oder ExxonMobil kräftig mit Investitionen unterstützten.

Klimarat sagt weltweit Katastrophen voraus

Aber auch die Agrarindustrie wittert nun die Gunst der Stunde, denn es herrscht Krieg, und da gehe es um Ernährungssicherheit. Reduzierter Einsatz von Pestiziden und Mineraldüngern, ein Wandel hin zur ökologischen Bewirtschaftung von Flächen – Maßnahmen, die alle in der Farm-to-Fork-Strategie der EU beschlossen worden waren – damit müsse jetzt gerade mal Schluss sein, forderte etwa der deutsche Bauernverband. „Können wir es uns noch leisten, Flächen stillzulegen?“, fragte Vize-Generalsekretär Udo Hemmerling.

Die Wahrheit ist: Wir können es uns kein bisschen leisten, nun die Bemühungen zu mehr Umwelt- und Klimaschutz zurückzudrehen. Es mag etwas untergegangen sein, aber der Weltklimarat hat vor wenigen Tagen den zweiten Teil seines sechsten Sachstandsberichts zu den Folgen des Klimawandels für Mensch und Natur vorgestellt. Er sagt weltweit Katastrophen voraus, auch für Deutschland: mehr Überschwemmungen, Starkregen mit Risiko für Sturzfluten, zwei Millionen Menschen im Überflutungsgebiet der Küsten, lebensgefährliche Hitzewellen (rund 30 Prozent der Hitzetoten in Deutschland zwischen 1991 und 2018 waren bereits dem Klimawandel zuzuschreiben) und ökonomische Schocks.

Es gibt nur einen begrenzten Zeitraum, in dem erfolgreiches Handeln auf den Weg gebracht werden kann“, sagte Weltklimarat-Mitglied Hans-Otto Pörtner. Und dieser begrenzte Zeitraum ist jetzt. Der Klimawandel macht angesichts eines Krieges nicht Halt – der Klimaschutz darf es auch nicht tun.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 174

Avatar