Es ist doch alles gut hier

Demokratie Ein Mann aus Nigeria, eine Iranerin ohne Kopftuch, eine Familie aus Syrien – und zwei Wahlen

Es gibt Wahlen und Wahlen. Am Sonntag werden in Deutschland die Abgeordneten des Bundestags gewählt, und in einer Grundschule in Aying bei München wird am Dienstagabend der Elternsprecher einer ersten Klasse gewählt. Bei den Bundestagswahlen gibt es eine Wahleinladung, einen Wahlzettel mit einer Erst- und einer Zweitstimme und nur zwei Kreuze, und was die beiden Stimmen bedeuten, haben möglicherweise nicht alle Wahlberechtigten verstanden. Bei der Elternsprecherwahl in einer ersten Klasse einer Grundschule in Aying bei München gibt es einen eng bedruckten Informationsbrief an alle Eltern, zu dem auch ein mit einer Schere angedeuteter Abschnitt gehört, der abgeschnitten, ausgefüllt und dem Schulkind wieder mitgegeben werden soll. Das haben die Eltern der beiden Erstklässler Remis und Khalil definitiv nicht verstanden. Wie gesagt, es gibt Wahlen und Wahlen.

Vor den Bundestagswahlen – so wurde von der medialen und öffentlichen Seite wiederholt festgestellt, bemängelt und zugleich weiter vorangetrieben – drehte sich die Debatte, nicht nur die im Fernsehen zwischen den beiden Kanzlerkandidaten, vor allem um ein Thema: die Flüchtlinge. Flüchtlinge, Obergrenzen, Herkunftsländer, Abschiebungen, Integrationspflicht, innere Sicherheit und der abgedroschenste aller inhaltsleeren Diskussionsbegriffe bei dieser Thematik: Leitkultur. Man sprach darüber mit einer Einigkeit und Besorgnis, als stünden da, nicht nur vor unseren Grenzen, sondern an unseren Bahnhofsgleisen, ja gar vor unseren eigenen Haustüren, nicht Tausende, nicht Hunderttausende, sondern Millionen von Flüchtlingen. Als trügen sie alle, die da standen, Kopftücher oder, schlimmer noch, Sprengwesten, mit deren Hilfe sie sich vor diesen unseren Haustüren in die Luft zu bomben gedachten.

Niemand sprach mit ihnen

Das war weder eine sachliche noch eine sachdienliche Diskussion. Man sprach, man redete, meist gegeneinander an, aber niemals mit jenen, um die sich diese Gespräche drehten. Man fragte nicht: Was denkt ihr eigentlich? Und wie seid ihr wirklich? Und was bewegt euch denn? Und wie fühlt ihr, wenn? Als wären Flüchtlinge uns ausgelieferte Subjekte, über die wir Entscheidungen treffen müssen, wie Autos mit Diesel-Motoren und Mietpreisbremsen und nicht ausgebaute Autobahnen. Das Wort „Menschlichkeit“ fiel in diesen Debatten recht häufig, auch wenn niemand mit den Menschen sprach. Als wären sie eben keine Menschen.

Einen Tag nach dem sogenannten Kanzlerduell, das sich zum großen Teil eben auch um dieses Thema gedreht hatte, saß ich in der S-Bahn und las Zeitung, Analysen und Kommentare zum Wortgefecht. Neben mir saß ein junger Mann, Ende 20, er war schwarz und trug eine Brille, er beugte sich ein wenig zu mir herüber, wie es schien, um die Zeitung einsehen zu können. Ich warf ihm einen Blick zu und schickte ein Lächeln hinterher, um nicht abweisend zu wirken.

„Flüchtlinge“, sagte er.

„Ja“, sagte ich, was hätte ich sonst sagen können?

„Ihr redet viel über Flüchtlinge. Frau Merkel: Flüchtlinge. Martin Schulz: Flüchtlinge. AfD: Flüchtlinge. Alle reden über Flüchtlinge“, sagte er und fügte, als habe er gelernt, sich genau so vorzustellen, als sei das sein Name oder sein Beruf, hinzu: „Ich bin ein Flüchtling. Ich komme aus Nigeria.“

Ich stellte mich mit meinem Namen vor. Wir sprachen dann, bis er drei Haltestellen weiter aussteigen musste, miteinander, über die bevorstehenden Wahlen, ich versuchte zu erklären, warum wir den Bundeskanzler nicht direkt wählen, während er mich zu überzeugen versuchte, wie wichtig für Deutschland auf dem internationalen Parkett eine starke, schillernde Figur sei. Er fragte mich dann noch, weil das Wort in der Zeitung prangte, was „Verfassungsschützer“ bedeute, und ich ihn, wie lange er Deutsch schon lerne. Er fragte mich dann noch, bevor er ausstieg, worüber wir denn gesprochen hätten, bevor die Flüchtlinge – er sprach nicht von „wir“ – gekommen seien, ob wir nicht andere Themen hatten. Ich hätte ihm gerne geantwortet und etwas von einem Gesundheitssystem erzählt, in dem es an Hebammen mangelt, von einem Bildungssystem, das Herkunftsungleichheiten manifestiert, anstatt sie zu beseitigen, von einer Gesellschaft, die von rechts her gespalten wird, aber er musste aussteigen. Er verabschiedete sich mit einem recht bayerisch klingenden „Servus“.

Gespielte Teilhabe

Der Bundestag wird gewählt. Im Vorfeld reden wir in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern und wahrscheinlich ebenso vielen Problemen über eine Million Menschen, als seien die ein einziges, riesengroßes Problem. Währenddessen versuchen diejenigen, die diese Menschen als ein nicht so beängstigendes Problem sehen, sie über die bevorstehenden Wahlen zu informieren. Das ist nicht so einfach, wie es klingt: Sie kommen fast alle aus Ländern, in denen Demokratie ein Fremdwort ist und Wahlen traditionell nicht zum tatsächlichen Wahlausgang beigetragen haben.

Das Bellevue di Monaco, ein Wohn- und Kulturzentrum für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge im Herzen Münchens, hat zum Beispiel eine Wahlurne für all diejenigen aufgestellt, die oft auch kein Asylrecht, geschweige denn ein Wahlrecht haben. Das Zentrum veranstaltet am Sonntag eine Wahlparty, es wird sozusagen Teilhabe gespielt, so sollen Demokratieverständnis und Interesse geweckt werden.

Apropos Interesse. In Aying also, einer Gemeinde bei München, sitzen in einem kleinen Wohnzimmer einer Flüchtlingsunterkunft für Familien Ibrahim Asaad und Rudin Mahjoub, die vor zwei Jahren aus Syrien hierher geflohen sind. Ihre siebenjährigen Zwillinge gehen seit ein paar Tagen in die erste Klasse. An der ansonsten leeren Wand des Wohnzimmers hängen Fotos der Kinder, eine Happy-New-Year-Girlande mit glänzenden Buchstaben sowie zwei Alphabete: einmal Groß-, einmal Kleinbuchstaben. Erstklässler, wie süß, könnte man denken, wenn man das Zimmer betritt, aber die Buchstaben hat Ibrahim Asaad hingehängt, oder seine Frau hat sie für ihn hingehängt, weil sie weiß, wie schwer ihm das Sprachenlernen fällt. Ibrahim Asaad lernt Deutsch, aber erst mal muss er die Buchstaben lernen. Die Buchstaben sehen für ihn ähnlich hieroglyphisch aus wie für uns die Zeichen der arabischen Sprache.

Vor ein paar Tagen wurde der Mutter von Ibrahim Asaad im Jobcenter gesagt, sie solle doch aus dem Fenster springen, weil sie gejammert hatte, dass ihr die Kortison-Salbe fehlt, erzählt er. Heute Abend muss er zum ersten Schulelternabend seiner Kinder gehen, bei dem er sicherlich ohne Hilfe von Ehrenamtlichen aus Aying kein Wort versteht. Morgen – also im übertragenen Sinne morgen – wird ihn seine Tochter vielleicht fragen, ob sie ohne Kopftuch herumlaufen darf. Vielleicht aber auch nicht, inschallah.

Hilfe ist auch Erniedrigung

Frau Merkel? „Ja, Frau Merkel gut“, sagt seine Frau, die besser Deutsch spricht als ihr Mann. Frau Merkel habe die Flüchtlinge hereingelassen, überhaupt sei Deutschland ein gutes Land, ja. Die Menschen sind freundlich, und sie sind es nicht, sie strömen beide über vor Dankbarkeit für die ehrenamtlichen Helfer, auch wenn man das andere spürt: die Erniedrigung, auf permanente Hilfe angewiesen sein zu müssen. Andere lächeln nicht, sie sagen auch nicht Hallo, erzählt Rudin Mahjoub, die den Mund weit aufreißt, wenn sie lächelt, auch nicht im Kindergarten, in den sie die Kinder bis vorletzte Woche brachte. „Merkel, ja, gut“, sagt sie noch einmal, „und die Menschen.“ Hier schüttelt sie fragend, aber unsicher den Kopf. Über die Bundestagswahlen hat sie vieles auf Arabisch und auf Facebook gelesen, aber dass sie am Sonntag sind, war ihr nicht klar. Im Fernsehen läuft al-Arabia, auf dem Bildschirm ist Mekka zu sehen. Auf dem Tisch liegt ein Zettel, der mit „Elternsprecherwahl“ überschrieben ist. Der Zettel ist eng bedruckt, und der Abschnitt unten muss ausgefüllt werden, aber wo fängt man an zu erklären, was Elternsprecher sind, wenn die Kortison-Frage der Mutter nicht geklärt ist, und auch nicht, wie der Buchstabe A aussieht? Wie gesagt, es gibt Wahlen und Wahlen.

Ein Stockwerk unter ihnen sitzt Parvaneh Hosseini. Parvaneh Hosseini sitzt da gespannt wie ein Flitzebogen. Das hat mit der Bundestagswahl nichts zu tun. Parvaneh Hosseini ist vor zwei Jahren mit ihrer sechsköpfigen afghanischen Familie aus dem Iran gekommen, und heute wartet sie auf ihr Prüfungsergebnis: Sie hat den Integrationskurs C1 gerade beendet. Sie spricht ein schönes, bewusstes Deutsch. Sie möchte Rechtswissenschaften studieren, vor einem Jahr hat sie ihr Kopftuch abgelegt. Neben ihr sitzt ihre Mutter, ihr Vater ist beim Sprachkurs, die jüngeren Geschwister in der Schule, die, sagt Parvaneh Hosseini beinahe neidisch, sprechen fast noch besser Deutsch als sie.

Parvaneh Hosseini liest manchmal die Münchner Abendzeitung, und manchmal versucht sie sich an der Süddeutschen Zeitung, die ihr aber, wie sie zugibt, schwerfällt. Sie hat von den Bundestagswahlen also gelesen, erzählt sie, aber die Diskussionen versteht sie nicht. Es ist doch alles gut in Deutschland, sagt sie, und das übersetzt sie noch einmal der Mutter, die fleißig nickt. Es ist doch alles gut in Deutschland, sagt sie, obwohl sie vergangene Woche einen Bescheid erhalten hat, in dem steht, dass ihr Abschiebeverbot nur ein Jahr lang gilt. Alles ist gut in Deutschland, sagt ihre Mutter, nur dass es im Park kein Trinkwasser gibt. Alles ist gut in Deutschland, sagt Parvaneh Hosseini, und dann blickt sie noch einmal auf die Uhr, weil sie wissen will, wie viele Minuten noch, bis ihr Prüfungsergebnis online ist. Sie will das unbedingt, Rechtswissenschaften studieren, und sie ist so froh, dass ihr gehörloser Bruder auf einer Förderschule ist. Am Sonntag um 18 Uhr werden viele Menschen in diesem Land so zittern wie sie um ihr Prüfungsergebnis, aber so gut ihr Deutsch auch inzwischen ist, das versteht sie noch nicht. Es ist doch alles gut in Deutschland.

Lena Gorelik, geboren 1981 in Sankt Petersburg, kam 1992 als „Kontingentflüchtling“ mit ihrer Familie nach Deutschland und ging in Baden-Württemberg zur Schule. Die Schriftstellerin lebt heute in München, zuletzt hat sie den Roman Mehr Schwarz als Lila veröffentlicht. Für den Freitag schreibt sie die Kolumne Die Kosmopolitin

06:00 24.09.2017

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