Es ist einfach unfair

Engagement In Kenia hat unser Autor viel über Ausbeutung gelernt. Mit Soundcollagen will er davon erzählen
Es ist einfach unfair
Johanniskraut ist auch eine beliebte Schnittblume. In Naivasha wird es unter unwürdigen Bedingungen für den Westen produziert
Foto: Simon Maina/AFP/Getty Images

Vor acht Jahren fuhr ich zum ersten Mal nach Ostafrika. Die Hamburger Choreografin Angela Guerreiro arbeitete dort mit Tänzern aus Äthiopien, den USA und Kenia und bat mich, vor Ort die Sounds für das Stück zu komponieren. Das Goethe-Institut in Nairobi lud mich daraufhin erneut nach Kenia ein, um Tonaufnahmen zu machen. Daraus entstand 2011 das Album The Kenya Sessions. Es ermöglichte mir und meinem Musikerkollegen Stefan Schneider weitere Reisen nach Kenia, aus denen drei neue Alben entstanden – gemeinsam mit Musikerinnen und Musikern aus der Region, etwa mit der Sängerin Ogoya Nengo. Mukunguni und Rang’ala erschienen 2013 und 2014 beim Londoner Label Honest Jon’s, 2016 kam On Mande bei TAL heraus. Neben diesen Projekten habe ich Ostafrika eines zu verdanken: Es hat mein Interesse für wirtschaftspolitische Zusammenhänge geweckt.

In einer Tageszeitung in Nairobi las ich vor gut zwei Jahren erstmals über die Verhandlungen zwischen der EU und den AKP-Staaten über ein neues Freihandelsabkommen. Zur AKP-Gruppe zählen derzeit 79 Länder aus Afrika, der Karibik und dem Pazifikraum, die meisten sind ehemalige Kolonien Frankreichs oder Großbritanniens. In dem Artikel hieß es, dass auf das 1975 ausgehandelte Lomé-Abkommen sowie das Cotonou Partnership Agreement aus dem Jahr 2000 nun das Abkommen EPA (Economic Partnership Agreement) folgen solle. EPA sieht vor, dass die Staaten der East African Community (EAC) innerhalb der nächsten 15 Jahre 82,6 Prozent ihrer Märkte für Waren aus Europa öffnen müssen.

Eingebetteter Medieninhalt

Kenias Präsident Jomo Kenyatta sah sofort viele Nachteile für sein Land und weigerte sich, den Vertrag zu unterzeichnen. Brüssel reagierte mit einer deutlichen Anhebung der Zölle auf kenianische Schnittblumen, Bohnen und Kaffee. Nachdem erste Betriebe in Kenia wegen der scharfen europäischen Zollpolitik schließen mussten und die Arbeitslosigkeit in diesen Branchen rasant stieg, lenkte Kenyatta ein und unterzeichnete den Vertrag doch noch.

Nach meiner Rückkehr konnte ich in den hiesigen Medien kaum Informationen zu diesen Vorgängen entdecken. Da gab es knallharte Wirtschaftserpressung von europäischer Seite – und gleichzeitig wiesen deutsche Politiker ständig darauf hin, wie wichtig es sei, Fluchtursachen zu bekämpfen, indem man die Wirtschafts- und Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern verbessere. Es ließ mir keine Ruhe.

Ich begann, mit Freunden und Bekannten in Nairobi darüber zu telefonieren und nahm Kontakte zu kenianischen Bauernverbänden, Ökonomen, Journalisten und Arbeitern der dortigen Schnittblumenindustrie auf, um mehr über die Auswirkungen von EPA zu erfahren. Gleichzeitig überlegte ich, wie man dieses Thema stärker in den öffentlichen Diskurs tragen könnte.

Als Musiker wurde ich des Öfteren von Radiosendern wie NDR Info, DeutschlandradioKultur oder Bayern 2 eingeladen, um über aktuelle Neuerscheinungen zu sprechen. Dabei sagte man mir immer, ich dürfe maximal drei Minuten am Stück sprechen, weil die Zuhörer erwiesenermaßen ab- oder umschalteteten, wenn nicht spätestens alle drei Minuten wieder Musik gespielt werde. Vor diesem Hintergrund kam mir die Idee, das Thema „EPA“ in Musik zu verwandeln – so dass die Zuhörer hoffentlich keinen Anlass sehen, den Sender zu wechseln und gleichzeitig mit Informationen konfrontiert werden, die im besten Fall das Interesse für dieses schwierige Thema wecken.

Das Win-win-Märchen

Gemeinsam mit dem kenianischen Musiker Daniel Muhuni und der Medientheoretikerin Agnieszka Krzeminńska beschloss ich, in Kenia Interviews mit Bauern, Blumenzüchtern, Politikern und Ökonomen zu führen, um diese zu wiederum zu vertonen. Ermöglicht wird dieses Projekt durch den Internationalen Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts. Zwei Tage vor Beginn der Reise schickt mir das Berliner Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung noch schnell ein Papier zu EPA: Der Bundesverband der Deutschen Industrie prognostiziert darin eine „Win-win-Situation für beide Seiten“. Ob unsere kenianischen Gesprächspartner diesen Optimismus teilen würden?

Zuerst treffen wir uns mit Justus Lavi Mwololo, einem äußerst engagierten und kämpferischen Akteur von Mitte 50, mit funkelnden Augen, der – einmal im Redefluss – schwer zu stoppen ist. Mwololo istder Generalsekretär des Kenya Small Scale Farmers Forum und versucht in diesem Amt, die Interessen afrikanischer Kleinbauern länderübergreifend zu koordinieren und ihre Positionen zu stärken. „Fast 90 Prozent der kenianischen Bevölkerung arbeiten direkt oder indirekt in diesem Segment“, erklärt er. Mwololo nahm für Kenia an mehreren Verhandlungsrunden zu EPA teil. Ein Grundproblem besteht für ihn in der ungeheuren Komplexität des Abkommens. Länder wie Uganda, Tansania, Burundi oder Kenia verfügten nicht über die finanziellen Mittel und das Know-how, um das Vertragswerk tiefgehend analysieren zu können, sagt er. Europäische Länder hätten allein deswegen schon einen gewaltigen Vorteil in den Verhandlungen. Zwar stelle die EU einzelnen Staaten finanzielle Unterstützung zur Verfügung, um das Vertragswerk besser analysieren zu können – aber damit nähmen die Europäer indirekt Einfluss, denn Europa poche darauf, die beratenden Experten selbst zu bestimmen.

Außerdem seien es vor allem die großzügigen Subventionen in Europa, die Kenia massiv benachteiligten. „Eine normale europäische Kuh bekommt am Tag mehr Geld als ein durchschnittlicher Beamter in Kenia“, sagt Mwololo und breitet seine Arme zu einer anklagenden Geste aus, so dass ich als Europäer fast versucht bin, mich bei ihm zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Aber erstens fehlen mir bei diesem Thema einfach die Gegenargumente. Und zweitens bin ich ja zum Zuhören gekommen, will seine Sicht hören.

Am nächsten Tag treffen wir uns mit der Ökonomin Dr. Miriam Omolo. Sie arbeitet in Nairobi für das Institute of Economic Affairs. Ich hatte ein von ihr verfasstes Papier mit dem Titel The Impact of Trade Liberalization on Poverty in Kenya im Netz entdeckt. Mit leiser und ruhiger Stimme trägt sie ihre Ansichten vor. Sie beginnt mit einem Ausflug in die globale Wirtschaftsgeschichte: Staaten, die heute zu den ökonomisch stärksten Regionen der Welt gehörten, hätten ihre Wirtschaft jahrhundertelang vor allzu offenen Marktstrukturen geschützt. England beispielsweise habe 1699 ein Gesetz verabschiedet, das den Textilimport aus Irland verbot, was Irland in tiefe Armut stürzte. 20 Jahre zuvor hatte ein Verbot des Tragens von Seide Florenz, die damalige Hochburg der Seidenindustrie, in die Knie gezwungen. Deutschland wiederum, das wegen des 30-jährigen Kriegs und der Zersplitterung in über 300 Fürstentümer England wirtschaftlich unterlegen war, schützte seine junge und wenig entwickelte Industrie durch Einfuhrzölle gegen die Konkurrenz von der Insel.

Erst nachdem sich in Deutschland und England eine starke, konkurrenzfähige, stabile Industrie entwickelt hatte, drängten diese Länder auf Freihandelszonen, um größere Märkte für ihre Produkte zu erschließen – so referiert es Omolo. Auch in Kenia habe die Regierung nach der Unabhängigkeit im Jahr 1963 versucht, die eigene Wirtschaft zu schützen und sie behutsam aufzubauen. Instabile Machtverhältnisse, Korruption und ein zu früher Beitritt zur WTO haben dies ihrer Meinung nach verhindert. Dem Freihandelsabkommen EPA steht sie höchst skeptisch gegenüber. Auch Omolo nennt die innereuropäischen Subventionen und die unterschiedlichen technologischen Mittel als Grund: Eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen der EU und einem Land wie Kenia sei unter diesen Voraussetzungen nicht möglich.

Eingebetteter Medieninhalt

Trotzdem blickt die Ökonomin einigermaßen positiv in die Zukunft. In Kenia würden immer mehr Kompetenzen von der Hauptstadt Nairobi auf die Regionalregierungen der einzelnen Counties übertragen werden. Nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Entscheidungen können dadurch dort getroffen werden, wo die Kleinbauern leben und arbeiten, für deren Rechte Justus Lavi Mwololo kämpft.

In deutschen Supermärkten oder Floristikketten wird oft für „Rosen aus Kenia“ geworben. Vier von zehn Schnittrosen, die hierzulande verkauft werden, stammen von dort, bei den Schnittblumen insgesamt ist es jede zehnte. Wir lernen Arbeiter aus der Schnittblumenindustrie kennen, treffen uns öfters mit ihnen. Sie erzählen von ausbeuterischen, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Etwa von extrem gesundheitsschädlichen Chemikalien, die auf den Plantagen eingesetzt würden, ohne dass die Belegschaft mit angemessen Schutzanzügen ausgestattet sei. Ein Gesprächspartner berichtet, wie er täglich bis sechs Stunden lang in einer Kühlkammer schuften muss, bei zwei Grad Celsius, ohne angemessen warme Arbeitskleidung. Die Löhne seien zudem so niedrig, dass Frauen vermehrt in die Prostitution getrieben würden, um mit diesem Zuverdienst sich selbst und ihre Familien durchzubringen.

Wessen Schuhe schmutzig sind

Schließlich treffen wir Otto Edward Musembi. Er führt uns über Maisfelder entlang der Mombasa Road, am Stadtrand von Nairobi, bis unsere Schuhe so sehr mit Schlamm überzogen sind, das wir kaum noch einen Schritt vor den anderen setzen können. „Sehen Sie“, sagt Musembi, „das ist das eigentliche Problem. Die Europäer wollen sich ihre Schuhe nicht dreckig machen. Sie sitzen in teuren Hotels und verhandeln über EPA, aber letztendlich haben sie überhaupt keine Vorstellung, wie das Leben hier ist. Wie wollen sie dann Entscheidungen treffen, die für uns gut sind, wenn sie nicht wissen, wie sich das Leben hier abspielt?“ Erneut verharren wir in der Rolle der Zuhörer. Wir versuchen zu verarbeiten, was wir gesehen und gehört haben. Und bedanken uns für die Einblicke.

Mittlerweile sind wir wieder in Deutschland. Daniel Muhuni und ich ordnen zur Zeit das fast 14 Stunden umfassende Interviewmaterial. Gemeinsam erarbeiten wir daraus ein neues Album, das Ende des Jahres erscheinen wird.

Info

Mehr über Sven Kacireks Musikprojekte unter svenkacirek.de. Die nächsten Konzerte mit Sounds aus Kenia: 18. 3., Hamburg (Golem), und 20. 3., Berlin (Roter Salon an der Volksbühne)

06:00 22.03.2017

Kommentare 3