„Es ist finsterer geworden“

Interview Die USA sind für Keeanga-Yamahtta Taylor ein gespaltenes Land. Doch sie hat Hoffnung
Nina Scholz | Ausgabe 38/2019 4
„Es ist finsterer geworden“
2014 wurde der Teenager Michael Brown von einem Polizisten erschossen. Landesweite Proteste folgten

Fotos: Jewel Samad/AFP/Getty Images

Angesichts der Scheußlichkeiten der Trump-Ära neigt mancher dazu, die Vergangenheit, und speziell die Präsidentschaft von Barrack Obama, zu verklären. Die US-Autorin und -Aktivistin Keeanga-Yamahtta Taylor erinnert daran, wie Polizeigewalt, Ungleichheit und Rassismus unter Obama eine schwarze Protestbewegung hervorriefen, und was aus ihr wurde.

der Freitag: Frau Yamahtta Taylor, Bernie Sanders tritt erneut an, um US-Präsident zu werden; mit Alexandria Ocasio-Cortez sitzt eine 29-jährige Sozialistin im Repräsentantenhaus: Startet der Sozialismus in Amerika jetzt durch?

Keeanga-Yamahtta Taylor: Natürlich nicht. Aber durch Sanders bewegt sich was. Auf einmal wird über Themen geredet, die während des letzten Wahlkampfs vor drei Jahren noch Tabu waren. Zum Beispiel die Krankenversicherung für alle, Umverteilung von Reichtum oder den kostenlosen Unizugang.

Könnte Sanders denn diese Reformen überhaupt durchsetzen?

Zum jetzigen Zeitpunkt bestimmt nicht, da sollte sich niemand Illusionen machen. Selbst der amerikanische Präsident hat nicht genug Macht, die Verhältnisse alleine zu ändern. Dafür braucht es starke soziale Bewegungen, die Druck auf den Kongress ausüben können und die gibt es derzeit noch nicht. Der Kongress ist eine sehr mächtige, aber auch sehr reaktionäre Institution. Alle Mitglieder sind Millionäre. Viele sind Rassisten. Ohne Druck werden die sich nichts wegnehmen lassen.

Seit bald drei Jahren ist Donald Trump Präsident. Sehnen Sie sich schon zurück nach Obama?

Nein, denn unter Obama war das Meiste auch nicht besser, auch wenn einige so tun. Die ärmsten Menschen in den USA waren auch unter Obama Afro-Amerikaner*innen. Es gab tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze, die Gefängnisse waren auch vor drei Jahren voll mit schwarzen Männern.

Zur Person

Keeanga-Yamahtta Taylor lehrt Afroamerikanistik an der Universität Princeton und ist Kolumnistin für das linke Jacobin -Magazin. 2016 erschien ihr Buch From #BlackLivesMatter to Black Liberation , 2017 die deutsche Übersetzung im Unrast Verlag

Über die Zeit unter Obama haben Sie ein Buch geschrieben: „From #BlackLivesMatter to Black Liberation“. Darin beschreiben Sie eben dies: dass sich für die meisten Afro-Amerikaner*innen unter Obama ökonomisch nicht viel geändert hat.

Jahrzehnte lang hieß es, dass es einfach nur mehr schwarze Menschen in den Parlamenten bräuchte, um die Situation aller Afro-Amerikaner*innen zu verbessern. Die acht Jahre unter Obama haben gezeigt, dass dem nicht so ist. Schwarze Menschen waren auch unter Obama überproportional oft arm. Ebenso hieß es Jahrzehnte lang, dass die Polizei nur weniger weiß sein müsste, damit die Diskriminierungen aufhören. Auch das wurde unter Obama widerlegt: In Baltimore gibt es massive Probleme mit Polizeigewalt, aber die Bürgermeisterin ist schwarz, die Hälfte der Polizei und der Polizeipräsident auch. Trotzdem wurde 2014 ein junger schwarzer Mann von Polizisten ermordet. Repräsentation macht eine Gesellschaft wie die unsrige nicht weniger rassistisch, nicht weniger ungerecht. Die Klassenwidersprüche wurden dadurch sogar noch deutlicher sichtbar. Eine wichtige Frage, die sich daraus ergibt ist: Kann es überhaupt Solidarität zwischen schwarzen Menschen geben, wenn der eine von Obdachlosigkeit bedroht ist und der andere ein hohes politisches Amt bekleidet, wenn also die beiden unterschiedliche Klassenzugehörigkeiten haben?

Unter Obama entstand die Bewegung Black Lives Matter gegen Polizeigewalt. Warum wurde ausgerechnet die – und nicht zum Beispiel soziale Ungleichheit – zum Auslöser einer neuen radikalen Politik?

Große Teile der öffentlichen Infrastruktur wurde in den letzten Jahrzehnten privatisiert. Wenn der Staat nicht mehr für Wohnraum, für Schulen, für Jobs sorgt, wird die Polizei ein wichtiger Akteur, um Kontrolle und Sicherheit zu garantieren. Weil schwarze Menschen oftmals arm sind, haben sie auch vermehrt mit der Polizei zu tun. Sie werden willkürlich festgehalten, verprügelt und auch getötet. Daran hat es sich entzündet. Mich hat aber auch interessiert, ob aus Black Lives Matter eine wirkliche soziale Bewegung werden kann, die mehr leistet als bloß auf rassistische Polizeiarbeit zu reagieren und stattdessen eine breite Diskussion über Gerechtigkeit und Gleichheit anstoßen kann.

Das war 2015 und 2016. Was ist seitdem passiert?

Trump ist passiert. Niemand hätte gedacht, dass er Präsident wird, keiner von uns hatte einen Plan, wie wir damit umgehen könnten. Heute gibt es zwar noch Black-Lives-Matter-Gruppen, aber keine Bewegung mehr.

Ist das ein großer Unterschied?

Im Mai 2019 hielt ein weißer Polizist in Houston, Texas, eine schwarze Frau an. Die beiden gerieten aneinander, sie schrie: „Ich bin schwanger! Ich bin schwanger!“, er zog seine Waffe und tötete sie mit fünf Schüssen. Es gab ein paar lokale Proteste, aber nichts in der Größenordnung von Black Lives Matter wie vor ein paar Jahren.

Was können andere sozialen Bewegungen aus dem schnellen Ende von Black Lives Matter lernen?

Black Lives Matter hat keine Antwort auf die Frage gefunden, wie man die Menschen, die zu einem Protest kommen, nachhaltig einbindet. Es wurde versäumt, demokratische Strukturen aufzubauen. Politische Diskussion wurden oft in sozialen Netzwerken ausgetragen. Die Frage der Finanzierung hat die Bewegung gespalten. Die einen sammelten Geld ein, was sehr wichtig ist, aber auch immer an Bedingungen geknüpft: Stiftungen verlangen Ergebnisse. Gleichzeitig hatte sich Black Lives Matter radikalisiert. Die Aktivisten haben angefangen, wichtige Fragen zu stellen: Welche Rolle spielt die Polizei in der amerikanischen Gesellschaft? Sollten wir die Polizei abschaffen? Sollten wir die Gefängnisse abschaffen? Sollten wir das ganze Strafjustizsystem abschaffen? Das sind Fragen, die man nicht einfach in administrative Aufgaben überführen kann. So entstanden Spannungen. Angebote von Menschen mit viel politischer Erfahrung, die nicht schwarz sind, wurden ausgeschlagen. Die Bewegung war aber zu keinem Zeitpunkt so stark und groß, dass sie sich hätten erlauben können, Solidarität und Hilfe auszuschlagen.

In Ihrem neuen Buch geht es um den Zusammenhang zwischen Hautfarbe und Wohnungsmarkt.

Das Thema beschäftigt mich schon seit meinem Studium. Ich bin damals von New York nach Chicago gezogen. Der Schock war enorm: Chicago ist die segregierteste Stadt in den Vereinigten Staaten. Diese Segregation gründet auf den Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt. Menschen, die in einem armen, schwarzen Viertel wohnen, schicken ihre Kinder automatisch auf schlechtere Schulen, weil die von den Steuern der Kommunen finanziert werden. Genauso der öffentliche Nahverkehr. Es gibt meistens nicht mal ein vernünftiges Busnetz, mit dem Menschen in die Teile der Stadt fahren können, wo es besser bezahlte Jobs gibt. Der Wohnungsmarkt in Amerika bestimmt auch über die restlichen Aspekte in Ihrem Leben. Je nachdem wo Sie wohnen, sind Sie unterschiedlich starken Umweltbelastungen ausgesetzt. Industriemüll wird bei uns traditionell in der Nähe von schwarzen Nachbarschaften abgeladen.

Bei vielen rassistischen Mobilisierungen in der Vergangenheit ging es darum, dass weiße Hausbesitzer schwarze daran hindern wollten, sich in ihrer Nachbarschaft niederzulassen …

… weil dann der Wert ihres Hauses sinkt. 67 Prozent der Amerikaner besitzen ein Eigenheim, das heißt Millionen Amerikaner checken ständig, wie viel ihr Haus noch wert ist. Es gibt in Amerika keinen funktionierenden Wohlfahrtsstaat. Die einzige Sicherheit, die es gibt, ist ein eigenes Haus. Man kann einen Kredit bekommen, wenn man ein Haus hat. Zumindest war es lange so. Seit mit der Finanzkrise auch die Immobilienblase geplatzt ist, haben Häuser an Wert verloren, besonders die in schwarzen Vierteln. Je näher das Haus eines weißen Viertels an einem schwarzen ist, desto weniger Wert hat es. Das heißt, unsere Gesellschaft basiert auf einem System, das komplett ungerecht ist. Aber nicht nur die Weißen hassen die Schwarzen, auch Hausbesitzer hassen Mieter, weil sie den Wert ihrer Immobilie schmälern, weil Mieter sich natürlich nicht so für Instandsetzungen interessieren wie ihre Besitzer. Die Hälfte der Amerikaner bezahlt 40 Prozent ihres Einkommens für Miete oder Kredite. Nichts ist reguliert, die Situation ist mittlerweile komplett außer Kontrolle geraten.

Gibt es Widerstand dagegen?

Von 2008 bis 2012 war ich selber als Stadtaktivistin engagiert. Damals gab es fast keinen Widerstand gegen die Probleme auf dem Wohnungsmarkt, heute sieht das anders aus, weil die Folgen der Finanzkrise die Probleme nochmal verschärft haben. Es ist finsterer geworden – und gleichzeitig gibt es Hoffnung.

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06:00 22.10.2019

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