„Es ist jetzt nicht die Zeit für Rampensäue“

Porträt Leander Haußmann glaubt, dass man die Leute nach dem Lockdown erst mal wieder ans Theater gewöhnen muss

Er habe kein Problem, sich in die Karten gucken zu lassen, sagt Leander Haußmann am Telefon. Das Problem sei der Treffpunkt. Da die Bühnenbretter nur mehr virtuelle Latten seien, probiere er mit dem Hamburger Thalia-Ensemble gerade vom Sofa, über Zoom. In seiner Friedrichshagener Wohnung habe es allerdings einen Wasserrohrbruch gegeben – wo die nächste Probe stattfinde, wisse er noch nicht. Er würde sich melden.

Drei Tage später stehen wir auf dem Balkon seiner Freundin in Prenzlauer Berg. Es ist sonnig, ein bisschen windig. In wenigen Minuten soll die Probe beginnen. Haußmann hat seinen Laptop auf ein niedriges Tischchen gestellt, zündet sich eine Zigarette an. Er bläst den Rauch gegen den Bildschirm und erklärt das Programm, das ihn mit den Schauspielern in Hamburg verbindet. Derjenige, der spricht, ploppt im Großformat auf, die Übrigen laufen in kleinen Quadraten an der Seitenleiste mit. Wie lässt sich Theater in ein Meeting-Format pressen? Haußmann grinst. „Es ist gerade nicht die Zeit für Rampensäue – der Text ist Hauptakteur“, sagt er. Er werfe die Subtexte ein, die Schauspieler kümmerten sich um die Sprache, Nuancen, Temperatur, Geschwindigkeiten. Mehr eine Leseprobe? „Nee, eher ein Videospiel.“

Lieber aus der warmen Hand

Er genieße, dass er sich um keine verfrühten Verausgabungsorgien kümmern müsse. Das Programm gebe jedem denselben Rahmen. Haußmann zerzaust sein graues halblanges Haar, drückt die Zigarette aus und rückt mir in der gegenüberliegenden Ecke des Balkons einen Sessel zurecht. Als kleiner schwarzer Punkt erscheint mein Kopf hinter Haußmanns Schulter auf dem Screen. Der Regisseur stellt mich dem Ensemble als „Kochtopfguckerin“ vor. Schließlich sei er daran interessiert, dass man das, oder eher sein Theater verstehe, besser noch: liebe.

Die Köpfe seiner Variante von Der Geizige – Jens Harzer, Marina Galic, Rosa Thormeyer und Steffen Siegmund – nicken höflich. Ob es ihnen wirklich passt, lässt sich aus den grob verpixelten Mienen auf dem Bildschirm nicht ablesen.

„Molière begleitet mich seit mehr als vierzig Jahren“, erklärt er später und erzählt, wie er bereits vor seiner Aufnahme an die Schauspielschule Ernst Busch Anfang der achtziger Jahre den „eingebildeten Kranken“ mit einer frisch gegründeten Schauspieltruppe inszeniert hat. Sie traten in Kleingartenkolonien und auf Dorfplätzen auf, „immer schön an der FDJ vorbei“. Kurz darauf ist es Der Geizige, der seinen Vater, Schauspieler Ezard Haußmann, nach einem jahrzehntelangen Berufsverbot (wegen seines Protests gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings) zurück auf die Bühne bringt. „Das war Bauerntheater, aber ein denkwürdiges“, schwärmt der Sohn. „Die Zuschauer skandierten die Verse auswendig, sobald mein Vater seinen Monolog hielt. Er war die Personifikation des Geizes, ein Geier, der auf der Bühne explodierte!“ Privat sei der Vater sehr freigiebig gewesen: „Bei uns wurde immer gesagt, lieber aus der warmen als aus der kalten Hand.“ Die negative Charaktereigenschaft Harpagons werde in Molières Stück zum Krankheitsbild einer ganzen Gesellschaft. Der kleine Mann, der sein Vermögen im Garten verbuddelt, aber eigentlich sein Herz vergräbt. Hinter dem Lachen stecke immer die große Traurigkeit, sagt Haußmann. Das verbinde West mit Ost, schlage eine Brücke vom Rokoko über die DDR bis hin zu unserer Gesellschaft, die ohne „die Raffgier, den egomanischen Zug des Anhäufens“, ja gar nicht mehr auskomme. Auch in seinen Filmen hat Haußmann den Kleinkrämerischen ein Denkmal gesetzt – vom Volkspolizisten Horkefeld in Sonnenallee bis hin zu den pedantischen, fantasielosen Spitzeln seiner neuen Stasikomödie, die im Herbst in die Kinos kommen soll.

Deutschlands fröhlichster Regisseur

Glückskind 1959 in Quedlinburg geboren, wollte er Maler oder Comic-Zeichner werden, machte eine Druckerlehre und leistete seinen Wehrdienst als Matrose bei der NVA. Er studierte Schauspiel an der Hochschule Ernst Busch in Ostberlin und war danach an verschiedenen Provinztheatern tätig, zum Beispiel in Gera unter Frank Castorf und in Parchim. In den 1990ern war Haußmann Regisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar. Mit gerade 36 wurde er Intendant am Schauspielhaus Bochum (von 1995 bis 2000). Zu seinen Theaterinszenierungen gehören u.a. Romeo und Julia (Residenztheater München, 1993), Die Legende von Paul und Paula (Volksbühne Berlin, 2000), Der eingebildete Kranke (Thalia Theater Hamburg, 2001), Hamlet (Berliner Ensemble, 2013) und Haußmanns Staatssicherheitstheater (Volksbühne, 2018).

Bekannt wurde er mit Filmen wie Sonnenallee (2000), Herr Lehmann (2003) oder Das Pubertier (2017). FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier nannte ihn einmal „Deutschlands fröhlichste Regie-Null“. 2013 erschien sein autobiografischer Roman Buh. Mein Weg zu Reichtum, Schönheit und Glück (KiWi). Darin schildert Haußmann anekdotenreich Party- und Karrierestationen, Niederlagen und Erfolge. „Als ich einmal meinen Freund Frank Castorf fragte“, so Haußmann im Buch, „wie er denn das alles hinbekomme mit den Freundinnen, über die er in einem fort jammert, und den vielen Kindern, ... und ob das nicht, vor allem organisatorisch, schwierig sei, musste er nicht einmal nachdenken, um mir zu antworten: ,Weeste Leander, ick lass et einfach loofen.‘“ Im Herbst 2020 oder Frühjahr 2021 soll sein neuer Film Stasikomödie in die Kinos kommen. Leander Haußmann hat einen Sohn und zwei Töchter.

Ein Rat an Freund Castorf

Haußmann erzählt von Menschen, die er beobachte, die mit vollen Einkaufstüten extra Haken schlagen, um dem Bettler vor der Tür nicht direkt in die Arme zu laufen. Jenen, die den Blick ins Portemonnaie versenken, die kleinen Münzen suchend, genau abwägend, ob man dem Straßenmusikanten 50 Cent oder einen Euro spenden möchte. „Wenn man sich die Besitzenden anschaut, dann hat man nicht das Gefühl, dort bacchantische Epikureer zu sehen, die das Leben lieben, viel eher sieht man, dass Geld zusammenhalten mit der Lebenslust kollidiert. Es ist einfach unerotisch.“

Haußmann erklärt Jens Harzer über Zoom, wie er sich den geizigen Harpagon vorstellt – als schmieriges Insekt, als einen, der sich in seiner rastlosen Angst, das Geld nicht tief genug vergraben zu haben, wie in einen Chitinpanzer verkriecht: „Geiz macht nicht geil, sondern hässlich“, ruft er und beugt den Kopf weit nach vorn. „Jens, du musst lauter sprechen, ich hab dich sonst nicht im Bild – und du, Marina, rück’ näher an Jens, ich seh’ deinen Kopf nur zur Hälfte.“ Es ist eine Szene zwischen Harpagon, der Kupplerin Frosine und der jungen Marianne, die Harpagons Frau werden soll, aber eigentlich dessen Sohn Cléante liebt. „Sag mal, Jens, kannst du wie ein Cowboy sprechen, der versucht, seiner tattrigen Stimme etwas Erotisches zu geben?“ Harzer wiederholt seinen Satz raunend, mit weit nach hinten verlagertem r. „Jetzt aber nicht texanisch, eher wie ’ne Westernsynchronisation“, brüllt Haußmann. Die Küchen und Wohnzimmer der Schauspieler haben sich zu einer großen Bühne zusammengeschlossen, die kleinen Zoom-Rahmen sind verschwunden. Haußmann ist vom Stuhl aufgesprungen und fuchtelt mit schlaksigen Armen vor dem Bildschirm. „Manchmal vergesse ich tatsächlich, dass wir gerade nicht im Theater sind.“

Wird sich Zoom als Probenformat nach der Pandemie durchsetzen? „Für die ersten drei Wochen wäre das sogar gut“, sagt Haußmann und zündet sich auf dem Balkon eine neue Zigarette an. „Das erhöht den Druck auf die Bühne.“ Die Kippe rutscht ihm mit jedem Wort weiter aus dem Mundwinkel: „Wenn sich Schauspieler nach nur drei Tagen Probe nackt auf dem Boden wälzen, ist das auch ’ne Form von Verlogenheit.“ Er vermisse die Ehrlichkeit auf der Bühne. Im Bilderfluttheater, für das er auch die eigene Regie-Generation verantwortlich macht, finde er sie jedenfalls nicht mehr. Erst recht nicht in den aus dem Ruder geratenen Videoprojektionen. „Unsportlich ist das, gedopt. Theater hat nun mal keine Großaufnahme.“ Etwas Geiz wäre hier angebracht. Und die Provokation? „Zu meinem Freund Castorf hab’ ich vor Kurzem gesagt, die einzige, die du noch rausschütteln könntest, wäre – sie wegzulassen.“ Haußmann zeigt eine Lichtinstallation des Künstlers Via Lewandowsky, die im Arbeitszimmer der Freundin in der Ecke steht: „good“ blinkt in schlichten Buchstaben auf – zwei Sekunden später: „god“. Ästhetische Entschlackung? Haußmann rümpft die Nase, er mag das Wort nicht. Eben hat er erfahren, dass Peter Schuberts Bühnenkonzept für seinen „Geizigen“ in einem Theater mit Notbetrieb nicht realisiert werden kann. So besinne er sich aufs Wesentliche. „Ich find’s gerade reizvoll, wie eng die Schauspieler nebeneinander auf dem Bildschirm kleben, welches Tempo die Sprache dabei bekommt. Vielleicht wird am Ende nur eine Tür übrig bleiben. Oder eine Treppe.“

Obwohl die Premiere Mitte Mai verschoben wird, probt Haußmann weiter, auch ohne fixen Termin. Es sei seine Art, zu zeigen, dass er, das Theater noch da seien. „Also wir werden spielen, in dem Moment, wo wir’s wieder dürfen.“

Die Corona-bedingte Flut privater Filmchen aus Kellern und Wohnzimmern, in denen Kollegen Brecht- oder Schillerballaden rezitierten, findet er nicht reizvoll: „Das hat so was Desillusionierendes. Man sieht den Willen, aber das Talent bleibt unsichtbar. Dazu bedarf es dann doch eines Regisseurs.“ Den Vers: „Bittebittebitte, bleib zu Hause“, mit dem viele den Vortrag beenden, würde er keinem – erst recht keinem Promi – durchgehen lassen. Künstler und Oberlehrer schließen einander aus. „Ich seh’ im Moment an jeder Ecke wieder Oberwachtmeister Horkefeld patrouillieren. Überall hagelt es Belehrungen. Das fordert meinen Widerspruchsgeist heraus“, sagt er. Wenn die Regierung Maßnahmen verordne und diese durchsetze, sei das eine Sache. Aber warum auf einmal wieder diese gegenseitige Spitzelei und Bevormundung. „Schlimmer als den Hamsterkäufer an sich finde ich diejenigen, die sich so professorenhaft über ihn aufregen!“

Unten im Hof ruft ein Postbote um Hilfe, die Tür ist ins Schloss gefallen. „Jetzt sitzt er in der Falle“, murmelt Haußmann, eilt die Treppe runter und schließt ihm auf.

„Warum sollen wir die Taugenichtse, die Oblomovs dieser Welt nicht auch finanzieren?“ sinniert Haußmann, als er wieder auf dem Balkon steht.

Er sehne sich nach einer Solidarität ohne Zwang, nach echter Großzügigkeit – bedingungslosem Grundeinkommen statt Hartz IV. Nennt sich einen Optimisten bis zur Verblödung. An ein neues Wertebewusstsein dank Corona glaubt Haußmann hingegen nicht: „Dafür steckt uns der kollektive Geiz viel zu tief in den Knochen. Vielleicht ändern sich Begrüßungsrituale, statt des ewigen Händeschüttelns oder der Küsschen links, rechts gehen wir zur asiatischen Verbeugung über – aber sonst? Angebot, Nachfrage und Verkauf werden auch nach der Krise das Leben bestimmen.“

Und das Theater? Werden die Menschen nach dem langen Entzug nicht Schlange stehen, wie Heiner Müller es sich ausmalte, der die Theater dafür ein Jahr schließen wollte? Haußmann schüttelt den Kopf. „Wir müssen die erst mal wieder reinholen. Wenn Menschen so entwöhnt sind, werden sie sich unwohl fühlen, auf einmal wieder mit vielen anderen in einem Saal zu sitzen. Das Virus ist ja nicht verschwunden.“

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06:00 21.05.2020

Ausgabe 32/2020

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