Es ist mir nicht unangenehm, dass ich ein Stotterer bin

ALLTAG Joachim, 44 Jahre, gelernter Schriftsetzer, heute selbstständig. Er lebt mit Frau und Sohn in Bremen

Stottern bedeutet Leidensdruck. Stotternde werden stigmatisiert und oft nicht ernstgenommen. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept, mit dem Stottern umzugehen, und es gibt nicht den Typ Stotterer. Jeder reflektiert seine Behinderung auf andere Weise. Wichtig ist für jeden einzelnen Stotternden die Auseinandersetzung, aber genauso wichtig ist auch die Aufklärung der "normalsprechenden" Umgebung.

Meine Eltern sind noch vom alten Schlag. Mein Vater ist 85 Jahre alt, meine Mutter wird nächstes Jahr 80 Jahre alt. Beide sind noch fit. Ich hatte keine unbeschwerte Kindheit, weil meine Eltern sehr autoritär sind. In extremen Situationen hatten wir bei meinen Eltern keine Chance, etwas zu sagen. Ich weiss nicht, ob mein Stottern daher kommt. Aber großen Ärger hatte ich mit meinen Eltern jedenfalls nicht. Das waren ganz normale Eltern-Kind-Probleme.

Ich spreche sehr schnell und verhasple mich dabei. Meine Schwester hat das gleiche Problem. Mein größter Schwachpunkt ist, dass ich ein Wort doppelt spreche und dass bestimmte Buchstabenfolgen für mich schwer zu artikulieren sind. Amerika zum Beispiel. Ich sage dann USA. Wenn ein Wort nicht aus meinem Mund will, nehme ich dafür ein treffendes anderes Wort. Darin habe ich Übung. Ich kombiniere so schnell, dass ein anderer Mensch es kaum bemerken wird. Ein Kunde von uns heißt "Herr Okkers". Es ist für mich kein Problem, seinen Namen zu nennen, wenn er mich anruft. Doch wenn ich in seinem Büro anrufe, bekomme ich seinen Namen manchmal einfach nicht raus. Seine Sekretärin ist hektisch und herrisch, und diese Hektik steckt mich an. Nun gut, die Sekretärin kennt mich, und ich bekomme mit der Zeit den Namen auch raus. Eine gewisse Hektik liegt auch in meiner Natur. Ich spreche schnell, kann aber nicht sagen, warum das so ist. Meine Eltern sprechen nicht schnell. Sie haben zu Hause miteinander plattdeutsch gesprochen. Nur mit uns Kindern sprachen sie hochdeutsch. Das ist jedoch wahrscheinlich kein Grund, dass ich so schnell spreche. wenn ich englisch oder italienisch spreche, stottere ich nicht. Das kann ich mir nicht erklären.

Als ich acht Jahre alt war, ist es mir zum ersten Mal aufgefallen, dass ich stottere. Seltsamerweise aber nur, weil Mitschüler von mir ziemlich stark gestottert haben. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich mir wenig Gedanken darüber gemacht habe. Ich fühlte mich nicht behindert. Ich bin damit ganz locker umgegangen. Meine Eltern haben mich immer nur ermahnt, dass ich langsamer sprechen soll. Logopädische Behandlungen waren Anfang der sechziger Jahre noch nicht üblich. Es hieß, dass sich das Stottern wieder legen würde. Und ungefähr nach meinem zwölften Lebensjahr hat sich das auch wieder gelegt.

Ich habe Schriftsetzer gelernt. Der Beruf hat sich in puncto Elektronik stark weiter entwickelt. Im Medienbereich ist die technische Entwicklung rasant, insofern mache ich heute etwas anderes als das, was ich gelernt habe. Damals war der Beruf des Schriftsetzers noch ein Handwerk, doch die Zeit saß uns schon im Nacken. Ich habe meinen Beruf frei gewählt. Mir war damals gar nicht bewusst, dass ich stottere. Es war vermutlich auch kaum hörbar, als ich in die Lehre ging. Die Firma war sehr hektisch. Mein Chef drängte uns, die Aufträge schnell zu erledigen. Das war auch der Grund dafür, dass mein Stottern im Alter zwischen 25 und 30 Jahren dort wieder auftrat und stärker wurde. In dieser Firma war ich fast fünfzehn Jahre lang beschäftigt, bevor ich mich selbständig gemacht habe. Die Unruhe in dieser Firma hat mich sehr geprägt. Um mich herum ist es immer hektisch. Wenn ich mich in einer entspannten Atmosphäre aufhalten würde, bekäme ich mein Stotterproblem besser in den Griff. Doch die Arbeitswelt, insbesondere in meinem Bereich, ist einfach hektisch.

Gemeinsam mit einem Kollegen habe ich vor Jahren den Schritt in die Selbständigkeit getan. Wir haben uns Chancen ausgerechnet, auf dem Markt bestehen zu können, und haben es dann gewagt. Später haben wir uns mit anderen zusammengetan, seit fünf Jahren haben wir uns in der heutigen Zusammensetzung ein Standbein in Bremen erarbeitet. Mittlerweile arbeiten wir mit 25 Leuten in der Firma. Nie wäre ich darauf gekommen, wegen meines Stotterns den Weg zur Firmengründung nicht zu wagen. Es fällt mir nicht schwer, Kunden zu akquirieren. Ich meine, dass ich in der Firma die meisten Kundenkontakte habe. Ich mache mir keine Gedanken darüber, dass ich viel reden muss. Beim Reden habe ich auch nie Hemmungen. Ich komme immer mit den Leuten klar, weil ich sehr kommunikativ bin. Es ist auch so, dass ich Leute direkt anspreche. Ich mache mir keine großen Gedanken, ob ich hängenbleiben könnte. Das hat sich allerdings erst in den vergangenen Jahren so entwickelt. Früher war ich zurückhaltender. Das hatte aber nichts mit dem Stottern zu tun, es ist bei mir eine allgemeine Entwicklung, dass ich einfach lockerer geworden bin. Vielleicht stottere ich deshalb so wenig, weil das Stottern sich nicht problematisch auf mein Selbstbewusstsein ausgewirkt hat.

Es ist schon beklemmend, wenn ich mit Kunden spreche und hängenbleibe. Doch das kommt sehr selten vor. Wenn es etwas hektisch in der Firma wird, kann es auch passieren, dass ich im Gespräch mit einem Mitarbeiter ein Wort nicht rausbekomme. Das ist dann eben so. Im Betrieb wird über mein Stottern nicht geredet, weil die meisten es wissen. Anspielungen kommen keine, aber ich mache selbst Witze darüber, wenn ich mal hängenbleibe. Es ist mir nicht unangenehm, dass ich Stotterer bin. Wenn mich jemand fragen würde, warum ich stottere, würde ich sagen, dass ich stottere, weil ich zu hektisch bin. Zu Hause mit meiner Frau und meinem neunjährigen Sohn bleibe ich nicht hängen. Das Stottern ist also situationsbedingt. Ich kann ein ganzes Buch vorlesen, ohne zu stottern. Ich konnte Gedichte vor einer versammelten Mannschaft vorsagen, es gab keine Probleme. Ich kann Reden halten, ohne hängenzubleiben. Kein Problem. Das Stottern kann mich von keinem Vortrag abhalten. Ich weiss nicht, was die Leute denken, wenn ich hängenbleibe. Aber was soll ich dazu sagen? Sie müssen es hinnehmen. Bisher hatte ich damit keine Probleme, es war eher so, dass man mir hinterher gesagt hat, dass es eine gelungene Rede gewesen sei. Es gibt bei mir keinen Tag, an dem ich mich weigere, ans Telefon zu gehen. Solche Tage habe ich nicht. Wenn ich am Telefon stottere, mache ich mir einfach keine Gedanken. Wenn es für mich kein Problem ist, warum soll es für andere ein Problem sein? Vielleicht ist das der Schlüsselsatz, warum mir meine Sprechbehinderung so wenig Probleme macht.

Ich bin nie ein Ellenbogentyp gewesen, der andere rausdrängen wollte. Ich bin eher einer, der sein Wissen gerne an Kollegen weitergibt. Ich bin immer auf Ausgleich bedacht. Die einzigen Situationen, die mich nervös machen, sind Aufträge, die nicht so laufen, wie ich mir das vorstelle. Persönliche Fehler von Mitarbeitern machen mich unruhig. Oder Computerabstürze, die natürlich vorkommen, kann ich nicht leicht ertragen. Das sind Situationen, in denen ich auch mal laut werden kann. Ich versuche dabei, fair zu bleiben. Wenn schon Streit sein muss, dann auf einer vernünftigen Basis. Wenn es völlig konträre Meinungen gibt, kann ich auch mal ausrasten. Doch mir liegt eigentlich viel daran, dass ein Problem in Ruhe gelöst wird, ob in der Firma oder in der Familie.

Es gibt Leute, die bringen Sätze von Stotternden zu Ende, wenn sie an irgendeiner Stelle hängenbleiben. Das nervt mich sehr. Ich werde nervös, wenn ich das höre. Für mich ist die Geduld wichtig. Stotternde haben das Recht, den Satz alleine zu Ende zu sprechen. Ich finde das taktlos, wenn einem die Worte vorgesagt werden! Es ist mir unangenehm. In meinem größeren Bekanntenkreis ist ein starker Stotterer. Es ist für mich kein Problem, ich meide nicht die Gegenwart anderer Stotterer. Ich habe auch keine Angst, dass sich sein starkes Stottern auf mich überträgt. Wenn mein Körper enorm belastet wird, dann stottere ich mehr. Zum Beispiel nach Feiern, wenn ich mich am Alkohol erfreut habe. Das ist dann so. Ich weiß, dass ich am Tag danach mehr Probleme beim Sprechen haben werde. Das würde mich jedoch nie am Feiern hindern. Ich verlasse mich darauf, dass ich nicht zu lange hängen werde und mir passende Worte einfallen werden. Dramatisch ist mein Stottern aber auch dann nicht, sonst würden die Kunden schon Bescheid sagen, dass der Betrieb nicht mehr den Stotterer schicken soll.

Seit zwei Jahren denke ich darüber nach, einen Rhetorikkurs zu besuchen. Ich könnte mir vorstellen, dass alles noch besser rauskäme, wenn ich mich ein bisschen sprachlich schulen würde. Es hat einen Reiz für mich, zu einem Rhetoriker zu gehen, um noch mal ganz neu sprechen zu lernen. Vielleicht nicht neu sprechen zu lernen, aber bewusst mit Sprache umgehen zu lernen. Mit Ausdruck und Gestik. Ich würde es auch machen, um in meinen Aussagen noch gefestigter zu werden. Ich verspreche mir von einem solchen Kurs noch mehr Selbstbewusstsein und Halt. Irgendwann mache ich das mit Sicherheit.

Diese und weitere Lebensgeschichten von Stotterern veröffentlichten die Autoren in dem Band Wenn ich fließend sprechen könnte, Schulz-Kirchner erlag, Idstein 1999

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 14.01.2000

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare