Es ist nicht ansteckend

Buchmesse Wir stehen vor einem Kulturkampf. Er wird nicht zu gewinnen sein, wenn wir rechtes Denken wie die Pest behandeln
Thomas Wagner | Ausgabe 42/2017 17
Es ist nicht ansteckend
Müssten nicht gerade Demokraten versuchen, Andersdenkende mit Argumenten zu überzeugen?

Foto: Thomas Lohnes/AFP/Getty Images

Wie gehen wir mit der erstarkten Rechten um? Eine häufig gewählte Methode ist die verweigerte Auseinandersetzung: der Ausschluss. Den rechten Intellektuellen soll „kein Forum“ gegeben werden. Peinlich wird darauf geachtet, sie nicht „aufzuwerten“, ihr Denken nicht zu „normalisieren“. Dem gegenüber steht der liberale Anspruch, kontroverse Ansichten öffentlich zu diskutieren. Das wurde auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse exemplarisch klar. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Messeleitung bemühten gleich beide Strategien. Sie verteidigten die Präsenz rechter Verlage und inszenierten sich als Spitze des Protests gegen dieselben. Man wolle niemanden ausschließen, verkündete Buchmesse-Direktor Juergen Boos, sondern eine Plattform für Diskussionen bieten. Zur gleichen Zeit demonstrierte der Geschäftsführer des Börsenvereins vor dem Stand des rechten Antaios-Verlags und markierte ihn damit als demokratiegefährdend. Für entsprechende Aufklärung sollte ein schräg gegenüber platzierter Stand der Amadeu Antonio Stiftung sorgen, die gegen Rassismus und Rechtsextremismus arbeitet.

Ein ungewöhnliches Verhalten für einen Gastgeber. Ethisch zweifelhaft noch dazu. Immerhin identifizieren sich Antaios-Verleger Götz Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza mit Sophie Scholl und dem nationalkonservativen Widerstand gegen das Naziregime. Die in ihrem neurechten Milieu kursierenden Ideen haben vielerlei Quellen – auch viele antidemokratische. Ihre Dämonisierung als vermeintliche Hitler-Wiedergänger ist jedoch unredlich. Die Einladung der Amadeu Antonio Stiftung wirke auf ihn so, als habe man dem Verlag einen Exorzisten an die Seite stellen wollen, sagte Per Leo, Mitautor des Buchs Mit Rechten reden. Das sei „eine rein magische Beschwörung“, bei der sich die Rechten ins Fäustchen lachten. In der Tat: Auf diese Weise verschaffte man dem Kleinverlag eine Öffentlichkeit, von der dieser davor nur hatte träumen können. Der „Schachzug gegen Rechtsextreme“, wie die Aktion auf den Online-Seiten des Hessischen Rundfunks genannt wurde, setzte eher Börsenverein und Messeleitung selbst schachmatt. Deutliche Kritik ernteten sie aus der eigenen Branche.

Die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen initiierte eine Online-Petition, die den Börsenverein bezichtigt, sich anzumaßen, „was als Meinung innerhalb des Gesinnungskorridors akzeptiert wird und was nicht“. Zu den Erstunterzeichnern dieser „Charta 2017“ gehören Autoren wie Uwe Tellkamp oder Cora Stephan. Sie gelten als konservativ, nicht jedoch als rechtsradikal.

Tatsächlich hat der von Vertretern liberaler Institutionen ausgerufene „Kampf gegen rechts“ auf dem kulturellen Parkett etwas Willkürliches. Denn die Verlage jener Autoren, aus denen die Neue Rechte vor allem ihren Gedanken-Nektar saugt, bleiben außer jeder Kritik. Ernst Jünger erscheint bei Klett-Cotta, Carl Schmitt bei Duncker & Humblot. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Was die Inhalte betrifft, ist es kaum plausibel zu machen, dass die Einladung von Marc Jongen oder Götz Kubitschek zu Diskussionsveranstaltungen auf deutschsprachigen Bühnen den Proteststurm vieler Kulturschaffender auslöst, die öffentlichen Auftritte von Peter Sloterdijk jedoch nicht. Der prominente Philosoph ist einer der wichtigsten Ideengeber für die beiden.

Widersinnig ist es, wenn Institutionen, die ein Forum für den demokratischen Diskurs sein sollen, den rechts denkenden Teil ihres Publikums von diesem ausschließen. So die Haltung der Intendanzen des Maxim Gorkim Theaters und des Friedrichstadt-Palastes. Müssten nicht gerade Demokraten versuchen, Andersdenkende mit Argumenten zu überzeugen, statt ihnen den Zutritt zur Agora zu verweigern? Das Theater ist, wie der Dramaturg Bernd Stegemann betont, „von seinem Wesen her ein Ort der Öffentlichkeit, an dem der zivilisierte Widerspruch ausgetragen werden sollte“. Insofern hat es eine immens wichtige Bedeutung für die Demokratie. Hier können gesellschaftliche Widersprüche so dargestellt werden, dass sie konkret begreifbar werden. Die Bühnen sind ein Ort der reflektierten Meinungsbildung, nicht der reflexhaften Parteinahme. Das unterscheidet die kulturelle Sphäre vom Politikbetrieb, in dem andere Gesetze gelten.

Die Frankfurter Buchmesse war immer schon eine Bühne, auf der die relevanten gesellschaftlichen Konflikte der BRD zum Ausdruck kamen. 1967 nutzte die APO die Hallen als Podium für ihre Anti-Springer-Kampagnen. Heute haben wir es wieder mit einem Kulturkampf zu tun. Diesmal ist es eine noch überschaubare Gruppe von strategisch klugen Rechtsintellektuellen, die sich als Vorbote einer neuen Zeit verstehen. Mit der bisherigen Ausschluss-Strategie wird ihnen nicht beizukommen sein. Ihre Ideen stoßen auf große Resonanz. Sie müssen entkräftet werden. Zur Beruhigung: Die Theorien rechter Denker sind nicht ansteckend. Wer den Kampf auf dem intellektuellen Schlachtfeld gewinnen will, muss die Mühen der Ebene auf sich nehmen, viel lesen und dann den offenen Streit suchen. Auf diese Weise kann die Linke wieder in die Offensive kommen.

Thomas Wagner ist Autor von Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten (Aufbau 2017)

06:00 19.10.2017

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