"Es ist seitdem nicht mehr viel dazugekommen"

Zeitknirschen III Über der Vorkriegszeit liegt ein Schatten – und sie ist aufgeladen mit kultureller Sprengkraft. Ein Gespräch mit Florian Illies über Kunst und Gesellschaft 1913
"Es ist seitdem nicht mehr viel dazugekommen"
"Die Wölfe (Balkankrieg)" von Franz Marc, 1913

Teil 3

Besonders groß scheint die Unsicherheit bei Männern gewesen zu sein. Sie kultivierten und stilisierten ihr Leiden, hielten ausufernd und ohne Scham ihre seelischen Leiden in Tagebüchern fest. Währenddessen wurden immer mehr Frauen, als Zeichen fortschreitender Emanzipation, selbstbewusste Künstlerinnen. Auch die Formen des Zusammenlebens waren fortschrittlicher, moderner.

Ja, es ist schon bemerkenswert, wie sehr die Männer ihr Leiden nach außen kehren. Und der Krieg hatte noch nicht mal angefangen. Danach haben sie geschwiegen. Wie Rilke. Danach wird es verkapselt, das Leiden. Aber vorher, 1913, ist es eher ein Seelenleiden und es wird in der Tat noch sehr ausgebreitet. Die Frauenfiguren sind hingegen sehr stark und es gibt natürlich viele, die sehr »modern« waren: Else Lasker-­Schüler, Franziska von Reventlow, Virigina Woolf. Sie hatten zwar nichts mit der gesellschaftlichen Realität zu tun, aber es ist bemerkenswert, welche Stärke diese Frauen hatten und ausstrahlten. Es ist völlig irritierend – und sehr interessant –, wie 1913 außerhalb von Konventionen gelebt und geliebt wurde. Der Umgang mit Geliebten, mit Homosexualität (man denke z.B. an den George­-Kreis) war sehr, sehr offen. Natürlich nur in einem sehr kleinen Milieu, in der bourgeoisen Künstler­boheme – dort zumindest aber ist das alles offenbar akzeptierte Normali­tät gewesen.

Normalität ist ein schönes Stichwort. Jean-Claude Juncker hat in einem beachtenswerten Interview gesagt, der martialische Ton in der Debatte gegenüber den »Südländern« erinnere ihn bisweilen an 1913. Es zeigt ihm, wie schnell in einem aufgeheizten Umfeld etwas kippen kann. Zugleich können wir natürlich nicht in die Tagebücher, in die E-Mails, die gerade geschrieben werden, reingucken. Es ist die Frage nach möglichen Analogien, Beschleunigung haben Sie ja bereits genannt, auch Burn-out ...

Juncker, so habe ich gehört, verschenkt das Buch unter Kollegen, als Zei­chen dafür, wie schnell etwas umkippen kann, wie gefährlich es ist. Ich halte mich sehr zurück mit den Analogien. Dieses Buch wird von jedem Le­ser weiter gelesen und interpretiert. Man kann es als historisches Buch le­sen, man kann es aber offenbar auch, gerade mit 100 Jahren Abstand, als Gegenwartsbuch lesen.

Es erzählt natürlich von einer scheinbaren Ruhe. Eine solche scheinbare Ruhe kann aber immer herrschen. Und wenn die Lektüre dazu führt, dass man die eigene Realität als etwas demütiger wahrnimmt, als einen Augen­blickseindruck und als etwas, was sich jederzeit ändern kann, dann ist das für mich ein guter Effekt dieses Buches. Denn natürlich erzählt es von 1913, und davon, dass das, was man dort sieht, fragil ist, wie wir heute wissen. Aber natürlich ist alles fragil. Und es gibt die scheinbaren großen Sicherheiten in der Geschichte nicht. Die gibt es nie – und das gilt auch für die Gegenwart.

Es ist aber weder meine Idee noch mein Anliegen beim Buchschreiben ge­wesen, aus der Gegenwart kommend ein Stützrad in der Vergangenheit zu finden. Für mich war es – das Jahr 1913 – beim Schreiben ganz die Gegen­wart. Mich hat das aktuelle Drumherum nicht weiter beschäftigt.

Wenn man, meiner Ansicht nach, überhaupt Vergleiche ziehen will, dann geht es darum, dass man hier noch einmal sieht, was das alte Europa war – im kulturellen Sinne. Wie vernetzt es war, wie selbstverständlich die Deut­schen und die Italiener in Paris waren und die Italiener, Engländer und Amerikaner in Berlin, und was für ein ungeheures kulturelles Fundament Europa in diesem Vorkrieg eigentlich hatte. Diese Formen von selbstver­ständlichem kulturellem Austausch gibt es, glaube ich, nicht mehr in dieser Form: Rilke macht ein Buch mit Rodin und die Futuristen stellen in Berlin aus und Picasso hat die größte Ausstellung bislang in München, alles 1913. Sie fühlen sich alle selbstverständlich der Vorhut der Moderne zugehörig, egal, welcher Nationalität sie angehören. Das finde ich faszinierend. Und ich finde, das spürt man hier.

Aber das hat mich nicht geleitet. Das irritiert nur jetzt aus der Gegenwart. Gustav Seibt hat es ja auch so gedeutet und in seiner Rezension geschrieben, es sei eben »das Buch zur Krise«. So wird es interpretiert. Als ein Buch, das beschreibt, dass einem der sichere Boden immer unter den Füßen weggezo­gen werden kann. Allerdings ist das natürlich auch eine Wahrheit, die für jedes Jahr und immer gilt.

Nach einem solchen Buch, gehen Sie jetzt mit einer anderen Wachheit an andere Jahre heran?

Ich bemerke bei mir, dass eine solche Fixierung auf Jahreszahlen extrem zugenommen hat, dass ich bei Bildern immer genau wissen will, aus welchem Jahr sie sind, oder dass, wenn ich ein Buch lese, ich wissen will, aus welchem Jahr es ist. Man kann das unendlich ausdehnen, man kann aus dem gleich­zeitigen Ungleichzeitigen immer viel erzählen.

Und an das Jahr 2013? Wie geht etwa, über das bisher Gesagte hinaus, der Kunsthistoriker Illies an das Jahr heran? Ändert sich gerade etwas, gibt es Künstler oder Ausstellungen, an denen sich irgendeine Bewegung erkennen lässt? Beispielsweise war auf der letzten documenta das Thema Nachhaltigkeit und Ökologie relativ stark.

Es wär schön, wenn es eine größere Rolle spielte. In der zeitgenössischen Medienbetrachtung spielt es sicher eine größere Rolle, aber das Urteil, ob es kulturell bedeutend ist, spricht immer die Nachwelt. Das habe ich an 1913 gemerkt. Das ist eben hier und heute. Aber was wirklich Bedeutendes ge­schieht in der Kultur, sehen wir jetzt gar nicht.

Wir sehen das, was sichtbar ist, aber nicht das, was im Verborgenen ent­steht. Und der 100-­Jahre-­Abstand scheint mir ein guter zu sein, um zu be­urteilen, ob etwas bleibt. Weil die Frage einfach lautet: Wieso interessieren uns diese Figuren, die hier erzählt werden, noch heute? Das ist hochinteres­sant. Denn diese Figuren haben drei Generationen interessiert. Und genau diese Erkenntnis habe ich aus dem Schreiben gezogen: Wenn eine Figur wie Kafka oder Kirchner oder Schönberg es geschafft hat, drei Generationen zu überstehen, dann gibt es eine Form von Kanonisierung, die funktioniert.

Natürlich gibt es viele, die kurzzeitig populär in ihrer Zeit sind und dann wieder verschwinden. Aber wenn man nach drei Generationen das Gefühl hat, mich berührt die Figur oder mich berührt die Literatur von Kafka, die Kunst von Kirchner, dann ist das etwas sehr Nachhaltiges. Aus der Gegenwart oder zehn Jahre danach kann man allerdings überhaupt nichts sagen. 1923 spielten wahrscheinlich alle diese Figuren außer Thomas Mann quasi keine Rolle, weil die wilden Zwanziger waren und man sich mit ganz anderen Din­ gen beschäftigte. Heute aber würde man von ihnen durchaus sagen, das sind so die Figuren, die geblieben sind.

Das hat mich nochmal sehr in dem Urteil bestätigt, dass man über die Gegenwart immer nur sehr relative Urteile abgeben kann. Als Journalist habe ich natürlich immer eins abgegeben. Musste ich ja auch, da hat man kein anderes Instrument. Der Faktor Zeit kommt immer hinzu und wie sich ein Werk in der Zeit behauptet, und das kann man nicht im Vorhinein wissen.

Welches Nachleben wird das Buch haben?

Es geschieht noch etwas sehr, sehr Faszinierendes: Das Buch wird über­setzt in andere Sprachen und jedes Land wählt eine ganz andere Gestaltung. In England hat das Buch plötzlich einen neuen Untertitel, es heißt nicht mehr »Sommer des Jahrhunderts«, sondern »The year before the storm«. Man sieht allein durch solche Details, durch die Auswahl der Bilder, wie vital nationale Blicke auf einen Weltkrieg sind. Die holländische Ausgabe ist sehr interessant, sie heißt übersetzt »Das letzte goldene Jahr des 20. Jahrhunderts« und für den vorderen Umschlag haben sie ein Sorglos-­Sommer­-Bild von Macke gewählt – da ist man doch in einer noch heileren Welt. Bei mir ist ja schon die Wolke da.

Eine letzte Frage, was kommt nach dem Buch, werden Sie sich ein anderes Jahr herauspicken?

Auch wenn mir inzwischen auch bei anderen Jahren die Analogien die ganze Zeit zufliegen, weil ich mittlerweile so stark darauf achte, werde ich kein Buch mehr drüber schreiben. Ich arbeite gerade mit an einer kleinen Ausstellung, die nur Bilder aus dem Jahre 1913 zeigt und alles nebeneinan­der stellt, die Avantgarde und den Mainstream, um auch nochmal die Fall­ höhen zu zeigen.

Um sich diese Fallhöhen abschließend noch einmal vor Augen zu führen – was waren denn, im Vergleich zur Avantgarde, typische Motive im Mainstream?

Blumenstilleben, so etwas. Also ganz harmlose Malerei, ganz klassisch – und daneben die Avantgarde, die aber auch ganz unterschiedlich aussehen kann: ein Kirchner vom Potsdamer Platz oder ein Readymade, ein Pissoir von Duchamp. Das ist eben 1913. Das ist toll. Alles gleichzeitig.

>> Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 des Interviews

Das Interview führten Michael Lühmann und Katharina Rahlf für indes

Florian Illies, geb. 1971, studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Bonn und Oxford, war Leiter des Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und der Zeit. Er ist Autor von »Generation Golf« und »1913« und ist jetzt verantwortlich für die Kunst des 19. Jahrhunderts beim Berliner Auktionshaus Villa Grisebach

Dieser Text wird in Ausgabe 2/2013 des Magazins "Indes" – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft erscheinen. Es wird herausgegeben von Franz Walter, Institut für Demokratieforschung

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Hier geht es zu >> Teil 1 und >> Teil 2 des Interviews

06:02 28.06.2013
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