Es ist vollbracht

Jenseitsberater Sibylle Lewitscharoff lustvoll geschriebener Roman "Consummatus"

Ralph Zimmermann geriet ins Totenreich. Dort traf er seine Geliebte Joey, seine Eltern, Andy Warhol, Jim Morrison, diverse Dichter und viele Tiere. Er kehrte ohne Joey zurück zu den Lebenden. Eine tragische und romantische Orpheus-Geschichte von der Liebe, die den Tod vergeblich überwinden will? So hoch setzt Sibylle Lewitscharoff, die 1998 den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann Preis erhielt, in ihrem jüngsten Roman Consummatus bewusst nicht an. Vielleicht sind selbst fiktionale Texte spätestens im einundzwanzigsten Jahrhundert bescheiden geworden, oder selbstgenügsam. Allerdings scheint es für Lewitscharoff eine Herausforderung zu sein, auch in ihrem neuen Roman einen männlichen Protagonisten zum - zweifelhaften - Helden zu machen.

Ralph ist Lehrer; Joey war es, die gesungen hat. Als er sie 1981 kennen lernte, war ihre Zeit als Undergroundstar im Umfeld von Warhols Factory aber längst vorbei. Also kein leiernschlagender Orpheus, der die Geliebte retten will. Sondern: Ralph hatte jahrelang nach Joeys Tod ausgerechnet in Venedig einen Kollaps - literarisch also stilgerecht, ihm selbst allerdings ziemlich peinlich. So gelangte er ins Reich der Schatten. Er konnte zurück, er hätte Joey auch mitnehmen können - wenn er sie nicht im entscheidenden Augenblick losgelassen hätte. Kein großes Drama.

Ralph Zimmermann schwadroniert in einem Stuttgarter Café über sein Leben und über das Reich der Schatten, umschwebt und umraunt von den Toten, die seine Gedanken kommentieren und ihn necken. Später wird er, umgeben von einem Rudel von Verblichenen, durch das Schneegestöber in ein Weinhaus ziehen. Er wird einen Kollegen treffen und diesem "Jenseitsberater" einen fortgesetzten Bericht seiner Eindrücke geben. Die Welt der Toten ist faszinierend, vor allem die Tierwelt überwältigt Ralph in ihrer Weisheit.

Genauer muss man natürlich sagen: Es sind die Erfindungsgabe und die ironische Schreibweise der 1954 in Stuttgart geborenen Lewitscharoff, die diese ewigen Jagdgründe - aber wer jagt hier wen? - so interessant machen. Ralph, eine Art Ethnologe im Land "nicht nicht" erfährt: Wie sich das Gehen anfühlt - als wäre alles bepelzt. Ob es Ihn gibt - jawohl, und wir sind allesamt flauschige Küken, die ihre Schlünde aufsperren im Verlangen nach Ihm. Ins Gefieder einer großen Eule geschmiegt, hört Ralph, dass die Tiere zur Vollkommenheit berufen sind, "Gott ist in sie hineingefahren mit lauter Ja und bricht aus ihnen heraus mit lauter Ja."

Dagegen wirkt die Welt der Lebenden eher kleingeistig: "Was sich da zusammenkrampft unter meinem Namen", sagt Ralph, sei eine flaue Seele, ein "Rechtfertigungsmaschinchen", er sei "das Kind einer Stehlampe mit Bommeln", die Eltern "zusammengesackte Mehltüten". Nebenher wird klar, dass Ralph Joeys Tod verursachte, als er sie, sein Auto zurücksetzend, überfuhr. Die Tote nimmt ihm dieses "friendly fire" allerdings nicht übel. Zu Lebzeiten hat sie ihn mehr und mehr genervt, und trotzig erklärt er, Geliebte habe man, um sie zur rechten Zeit wieder abzulegen.

Eine ungebrochene, unschuldige Liebe gibt es nicht, sagt dieses Buch. Ralph ist kein Held, und Joey, eigentlich Johanna, hat sich auf abstoßende Weise in deutscher Geschichte verrannt. Es wird nicht ganz klar, warum der Roman auch noch Elemente dieser Geschichte enthält. Hatte die Geliebte Ralph anfangs noch verzaubert mit dem Song "come to die with me", war ihm anderes widerwärtig. Johanna-Joey krächzte "come to the Nibelungenland", inszenierte sich als die Führerin, die einen kranken Führer heilt; sie faselte von der Ahnenwelt und wälzte sich in deutschem Urschlamm. Nichts für einen wie Ralph, den braven Sohn braver Eltern, dessen Vorbild eher Warhol, dieser unbewegte Beweger ist. Als halbherziger Mensch kann er damit leben, kein Mittler zwischen den Welten zu sein, und keinen Trost für die Toten zu wissen.

Trotz Ralphs Ungenügen und seiner Unvollkommenheit ist Consummatus - lateinisch: consummatum est, es ist vollbracht, so lauten nach dem Johannes-Evangelium die letzten Worte Jesu am Kreuz - ein beschwingtes Buch. Ein Roman, der spürbar mit Genuss geschrieben wurde: Lust am Spiel, am Spinnen, dabei gelehrsam, und in dieser Gelehrsamkeit wieder leicht, unterhaltsam. Da nimmt man die wohl gewollte, aber manchmal überbordende Geschwätzigkeit der Redenden, Raunenden hin und lässt sich locken von den originellen Bildern.

Trotzdem ließe sich fragen: Reicht es, den so oft bearbeiteten Orpheus-Mythos einmal mehr ironisch zu brechen? Warum will einem der Held nicht manchmal näher rücken? Kann dieses Buch ohne Schmerzpunkt auskommen? Die Dimensionen der Schuld, der Verantwortung, des Verlusts, des Schmerzes werden - das ist das Postmoderne dieses Romans - vielleicht noch so gewusst wie ein Zitat; aber werden sie auch gefühlt? Fehlt dem Buch das, was bei anderen Gottsuchern und Menschenverächtern, etwa in Jean Pauls schreiend-spöttischem Gianozzo-Logbuch oder in Halldor Laxness´ ruhelosem großem Weber von Kaschmir doch schließlich als Herzzerreißendes wahrnehmbar ist? Vielleicht würde Lewitscharoff auf solche Fragen hin eben mit Hinweis auf die gemäßigte Verfasstheit des postmodernen Menschen antworten, wenn es "den" Menschen denn gibt.

Und noch ein leiser Zweifel stellt sich gegen Ende des Buchs ein. Die studierte Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff verfügt natürlich über den Bibelton. Sie setzt ihn im letzten Viertel massiv ein, und das ist weniger inhaltlich motiviert, sondern geschieht wohl rein aus Freude an seinem Wohllaut. Der Einwand wiegt nicht schwer. Wenn man Lewitscharoff an ihren eigenen Maßstäben misst, kann man sagen: Dieses Buch führt einem unter der Hand noch einmal vor Augen, dass Romane nicht unbedingt Action pur brauchen, wenn sie in das Reich der Fantasie führen wollen. Ralph Zimmermann, dieser gelassen-interessierte Flaneur zwischen Lebenden und Toten, teilt mit: Fantasiewelten sind Sprachwelten.

Sibylle Lewitscharoff: Consummatus. Roman. DVA, München 2006, 240 S, 18,90EUR


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00:00 13.04.2007

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