„Es kann abhängig machen“

Interview Der Neurobiologe Christoph Eisenegger räumt mit einigen Vorurteilen über Testosteron auf
Andrea Roedig | Ausgabe 18/2016 2
„Es kann abhängig machen“
Für die grüne Hautfarbe ist Testosteron wohl nicht verantwortlich
Fotos: Michael Dodge/Getty Images

Gern wird Testosteron für alle möglichen Ausprägungen von Männlichkeit zwischen Torwart, Triebtäter und Terrorist verantwortlich gemacht. Aber was macht es wirklich? Ein Realitätscheck.

der Freitag: Herr Eisenegger, was ist eigentlich Testosteron?

Christoph Eisenegger: Es ist ein sogenanntes Steroid-Hormon, das im Körper aus Cholesterin hergestellt wird. Testosteron ist fettlöslich und hat, wie auch andere Steroid-Hormone, eine spezielle chemische Struktur. Es ist das Hauptandrogen im Körper.

Was bedeutet Androgen?

Ganz grob unterscheidet man zwischen Androgenen und Östrogenen. Die Androgene sind – vereinfacht gesagt – die Hormone, die den männlichen Phänotyp produzieren. Sie sind beteiligt an Körperbehaarung, Bartwuchs, Fettverteilung, Muskelmasse. Östrogene sind die Hormone, die den weiblichen Phänotypus produzieren, wie Brustwachstum et cetera.

Ist Testosteron auch für bestimmte psychische Verhaltensmerkmale verantwortlich?

Als Neurobiologe würde ich sagen, dass das Hormon gewisse Verhaltensweisen gegebenenfalls begünstigt. Es löst sie nicht aus, sondern macht sie nur wahrscheinlicher. Interessant ist dabei, dass Testosteron an sich eine belohnende Eigenschaft hat. Es aktiviert quasi Neurotransmittersysteme, die sich mit Belohnungsverarbeitung beschäftigen. Im Experiment konnte man zeigen, dass Nagetiere wie zum Beispiel Mäuse und Ratten lernen, in welchem von zwei Abteilen eines Käfigs sie jeweils Testosteron erhalten. Dieses Abteil suchten sie dann wesentlich häufiger auf, was bedeutet, dass sie das Hormon schätzen und es in hohen Dosen abhängig machen kann. Wohlgemerkt: in hohen Dosen.

Zur Person

Christoph Eisenegger, geboren 1978, ist Neurobiologe und Assistenzprofessor am Institut für Psychologische Grundlagenforschung der Universität Wien. Er forscht zu den hormonellen Grundlagen menschlichen Sozialverhaltens

Sie sagen, Testosteron begünstige gewisse Verhaltensweisen. Welche sind das?

Laut Forschungsliteratur hat man festgestellt, dass Testosteron in einem Zusammenhang mit Dominanzverhalten steht. Das ist nicht umgangssprachlich zu verstehen im Sinne von Dominieren als Unterdrücken, sondern eher auf eine Alpha-Position in einer Hierarchie bezogen. In Rangordnungen von Primatengruppen werden Tiere mit höheren basalen Testosteronwerten wahrscheinlich in den Alpha-Rängen landen. Vermutlich ist das so, weil Testosteron unter Umständen eine gewisse Stressresistenz beschert, was ja notwendig ist für eine Alpha-Position. Es gibt Hinweise darauf, dass Testosteron die Stressachse teils unterdrücken kann.

Was ist mit der Verbindung von Testosteron und Aggressivität?

Bei Versuchen mit Nagetieren hatte man in den 1960er und 1970er Jahren festgestellt, dass Aggression komplett verschwindet, wenn man ihnen Testosteron entzieht. Diese Untersuchung hat damals hohe Wellen geschlagen. Aber dieser einfache Konnex lässt sich nicht auf den Menschen anwenden. Je nach Forschergruppe wird heute diskutiert, ob Testosteron reaktive Aggressionsformen, also ein Sich-Wehren, verstärken könnte. Aber rein proaktive Formen von Aggression, ungerichtetes Töten etwa, scheint das Hormon nicht zu beeinflussen. Die ursprüngliche Annahme, Testosteron sei für Aggression allein und ursächlich verantwortlich, ist mehr oder weniger widerlegt, vor allem bei der Forschung am Menschen.

Was untersuchen Sie genau am Testosteron ?

Wir versuchen mittels pharmakologischer Methoden, also der Verabreichung von Hormonen und anderer neuroaktiver Substanzen, die Systeme im Hirn zu verstehen. Bei Verabreichungsstudien arbeitet man mit Kontrollgruppen, wobei die eine Testosteron, die andere Placebos erhält. Wenn sich im Vergleich der beiden Gruppen das Verhalten der einen ändert, kann man darauf schließen, dass Testosteron dafür verantwortlich ist. Uns interessiert dabei die soziale Interaktion, wir schauen auf Wettbewerb, aber auch auf Kooperation. Und da gibt es durchaus Situationen, in denen Testosteron das kooperative Verhalten fördert.

Zum Beispiel?

Eine Forschergruppe in Holland, mit der ich zusammenarbeite, hat unter anderem Tests mit einem vereinfachten Pokerspiel durchgeführt, bei denen sich zeigte, dass Menschen unter Testosteroneinfluss weniger bluffen. Das würde man ja nicht erwarten, wenn man der gängigen Meinung Glauben schenkt.

Ist man unter Testosteron nicht risikobereiter?

Mit Verabreichungsstudien konnte das nicht gezeigt werden.

Aber es heißt doch immer, das Männer gerne zocken?

Dazu würde ich mich nicht äußern. Ich finde diese Vergleiche nach dem Muster „Männer machen dies gern und Frauen jenes“ extrem uninteressant.

Es geht Ihnen nicht darum, Geschlechtsunterschiede festzustellen?

Nein, überhaupt nicht. Ich versuche Geschlechtszuschreibung zu vermeiden, weil das in Bezug auf Testosteron irreführend ist und der Sache nicht gerecht wird. Mich interessiert die Funktion des Hormons, sowohl bei der Frau als auch beim Mann.

Wäre Ihr Fazit demnach: Mit Testosteron lassen sich Unterschiede zwischen Frauen und Männern nicht erklären?

Na ja, da ein Mann in der Regel zehnmal so hohe Testosteronwerte hat wie eine Frau, würde ich bei anonymen Blutproben vermutlich in 99 Prozent der Fälle richtig tippen: Dieses Blut kommt von einem Mann, dieses von einer Frau. Und somit besteht wohl ein Zusammenhang. Aber was er bedeutet, das ist die Frage. Eigentlich zeigt die Forschung, dass eher die Varianz der Hormonwerte innerhalb einer Geschlechtsgruppe relevant ist. Das heißt: Verhaltensunterschiede, die man im Vergleich einer Gruppe von Männern mit hohen Testosteronwerten mit einer Gruppe von Männern mit niedrigen Testosteronwerten beobachtet, sind in der Regel die gleichen, die man im Vergleich von Gruppen von Frauen mit hohen und niedrigen Testosteronwerten beobachtet. Nicht der Mengenunterschied zwischen Frauen und Männern ist entscheidend – eher der Mengenunterschied innerhalb der Geschlechtsgruppen.

Angeblich gibt es Studien, die zeigen, dass der Testosteronspiegel von Frauen in Wettbewerbssituationen ansteigt. Was ist davon zu halten?

Ja, Wettbewerb ist einer der sozialen Kontexte, die einen Testosteronanstieg bewirken. Nur ist die Frage, ob die Antizipation eines Wettbewerbs der entscheidende Faktor ist oder das Ergebnis des Wettbewerbs – also ob man gewonnen oder verloren hat. Oder die Wahrnehmung des Wettbewerbs selbst, also ob man ihn als gefährlich einstuft und als Herausforderung ansieht. Viele Forschungsgruppen beschäftigen sich nur mit solchen Fragen.

Testosteron gilt als sexuelles Stimulans. Ist es eine Potenzdroge?

Es spielt bei der Libido der Frau und des Mannes eine ungefähr ähnliche Rolle, aber ich glaube nicht, dass man es beim Mann konkret als eine Form von Viagra einsetzen könnte. Dazu müsste das Hormon sehr starke durchblutungsfördernde Eigenschaften haben. Gut etabliert ist nur die Erkenntnis, dass das komplette Fehlen von Testosteron Potenzprobleme und Libidoverlust zur Folge hat. Das wissen wir, und es gilt für beide Geschlechter.

Also die Schlussfolgerung, viel Testosteron mache den totalen Mackerhengst, stimmt nicht?

Nein, ich glaube nicht.

Info

Eine ungekürzte Version dieses Textes erscheint Anfang Mai in der Zeitschrift Wespennest Nr. 170 zum Thema Testosteron

06:00 10.05.2016

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