Es kann nur einen geben

Google Google Medienjournalist Jeff Jarvis schreibt eine Erfolgsgeschichte des Internetkonzerns auf dem Weg zur Weltherrschaft – leider eine unvollständige.

Wie verlangt gebe ich meine Daten ein, um den Flug zu buchen. Ich verrate meine Bankverbindung. Ich klicke auf „Absenden“, wofür man mir dankt. Ich warte. Nichts geschieht. Ich warte. Irgendwann erhalte ich die Nachricht, die angeforderte Internetseite würde nicht antworten. Ich suche auf der Internetseite nach einer Telefonnummer, um herauszufinden, ob ich mich nun rechtmäßig als Kunde und also zukünftiger Fluggast betrachten darf. Es gibt keine.

Es gibt nur eine Email-Adresse, an die ich prompt meinen Hilferuf versende. Innerhalb von Sekunden kommt die Antwort. „Wir bedanken uns für Ihre Fragen und Kommentare. Wir können die Anregungen von Ihnen als hochgeschätzten Kunden gar nicht hoch genug würdigen und wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um Ihnen eine schnelle Antwort geben zu können.“

Diese kleine Begebenheit ist, leider, absolut wahr. Nicht nur das, sie fasst die bisherige Debatte über „Wikinomics“, „Crowdsourcing“ und die „Weisheit der Massen“ präzise zusammen. Sie ist sozusagen die Ringparabel des „Internetzeitalter“. Jeder weiß, wie sie weiter geht: Schließlich rufe ich bei einer sehr, sehr kostenpflichtigen Nummer an, um eine überarbeitete und erbärmlich bezahlte Mitarbeiterin zu fragen, die von nichts weiß und nichts für mich tun kann.

Anders gesagt: Die Kehrseite des Aufstiegs von Konzernen wie Google, Craigslist oder Flickr ist ein immer härterer Verdrängungswettbewerb, Personalabbau und Selbstbedienung als Rationalisierungsstrategie.

Jeff Jarvis weiß das. Er ist einer jener prominenten US-amerikanischen Journalisten und „Berater“, die das hohe Lied des Internets singen und sich am liebsten gegenseitig zitieren. In seinem neuen Buch Was würde Google tun?taucht die erbarmungslose Konkurrenz auf, natürlich: Zu jedem rasanten Aufstieg gehört der Untergang eines Unternehmens, das zu lange am Überkommenen festhielt.

Über Craigslist, eine Internetseite für Privatanzeigen, schreibt Jarvis, die Firma „veröffentlicht keine Zahlen, aber Schätzungen zufolge liegen die Einnahmen bei 100 Millionen Dollar pro Jahr, mit nur 25 Mitarbeitern.“ Gleichzeitig hat das kostenfreie Internetangebot „dazu beigetragen, das Anzeigengeschäft von Zeitungen im Wert einiger Milliarden Dollar zu vernichten.“

Der Internetkonzern Google ist für Jarvis das „Netzwerk der Netzwerke“, das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Von ihm zu lernen, heißt siegen lernen. Jarvis schreibt witzig, aber redundant; die Hälfte des Seitenumfangs wäre für die verhandelten Thesen immer noch reichlich gewesen. Am Ende seines Buches entwickelt er eine – man muss sie so nennen – marktradikale Utopie einer harmonischen Tauschgesellschaft, in der sich Staat und Recht tendenziell in Handel und Verhandlung auflösen. Das ist doof, aber üblich. Ärgerlich an „Was würde Google tun?“ ist, dass der Autor die unschönen Aspekte der Geschäftspolitik Googles einfach nicht erwähnt und so tut, als tauge die Strategie des Konzerns als Erfolgsrezept für jeden.

Dass die Suchfunktion schnell und exakt ist, und dass der Konzern außerdem schlicht eine Menge Glück hatte, taucht in diesem Buch nicht auf. (Wäre Google nicht erst 2004, sondern etwa vor dem Platzen der dot.com–Blase an die Börse gegangen, gäbe es das Unternehmen heute möglicherweise gar nicht mehr.)

Aber entscheidender ist, dass der Autor ein banales, aber grundlegendes Missverständnis nicht aufklärt: Wer die bunte Suchmaschine benutzt, ist alles mögliche, aber bestimmt kein Kunde. Kunde ist er – möglicherweise – von denen, die bei Google ihre Anzeigen schalten.

Die sind die Kunden des Internetkonzerns, und die Ware, die er verkauft, sind hochwertige, weil zielgenaue Informationen über kaufkräftige Bedürfnisse. Die daraus entstehende Sammelleidenschaft von personenbezogenen Daten bleibt abermals unerwähnt.

Was also würde Google tun? Google würde die Herstellung der „Inhalte“, der Texte und Bilder, des „Contents“ den anderen überlassen. (In diesem Fall bedeutet das: allen andern.) Das zeugt von gutem Geschäftssinn, denn die Herstellung der medialen Inhalte ist erstens teuer und ihre Absatzchancen grundsätzlich unsicher.

„Das Netzwerkmodell“, schreibt Jarvis lapidar, „hat einen weiteren entscheidenden Vorteil: Kostenersparnis. Man braucht keine teuren Mitarbeiter zu beschäftigen ... und es entstehen keine Kosten für Lizenzen auf die Inhalte.“ Google würde sich auf die Distribution konzentrieren und versuchen, diese zu monopolisieren. Es würde die Transaktionskosten insgesamt senken, aber einen immer größeren Anteil abgreifen.

You don't argue with success, sagt der Amerikaner, am Erfolg gibt es nicht zu deuteln. Dass aber alle von den „Erfolgs-Strategien des Internet-Giganten profitieren“ könnten, wie der Untertitel der deutschen Ausgabe nahe legt, ist, gelinde gesagt, eine merkwürdige Idee. Es besteht nur Bedarf für ein „Netzwerk der Netzwerke“, zur „Plattform“ kann nicht jeder werden. Es fiele einem leichter, Jarvis ernst zu nehmen, wenn er das sagen würde statt als ökonomischer Wunderheiler aufzutreten.



 

22:40 30.10.2009

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