Es kommt auf die PR an

Ein Medienberater und seine vielen Verbindungen Hinter der Scharping-Affäre zeichnet sich eine Kette von Pannen im Management ab

Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist nach Umfragen von ARD und ZDF gegen den NATO-Einsatz in Mazedonien. SPD-General Müntefering würde das Häuflein SPD-Abgeordnete, das diese Bevölkerungshälfte vertreten hat, am liebsten vors Parteigericht stellen. Gerade mal ein Drittel der Bevölkerung - noch nicht einmal die Hälfte der CDU-Anhänger! - will Scharpings Rücktritt wegen Liebeskrankheit. Der publizistische Wind um den liebenden Scharping ist dennoch ungleich stürmischer als um den Angriffskrieger Scharping. Wenn diese Republik eine Demokratie ist, funktioniert irgendetwas Wichtiges nicht mehr. Die Verbindungen zwischen dem Berliner Polit- und Medienzirkus - mit dieser Bezeichnung wird dem größeren Teil Berlins schon Unrecht getan - und dem Rest des Landes werden geistig und mental immer dünner.

Doch ist das Schauspiel auf der Bühne das wirkliche Spiel? Zweifel sind angebracht. Seit wenigen Tagen wehrt sich die Frankfurter PR-Firma Hunzinger dagegen, zum Sündenbock von Scharpings Fall zu werden. Das wurde auch Zeit. Es geht der Firma nämlich schon schlecht genug: Fünf Millionen Miese bei 45 Millionen Mark Umsatz im Jahr 2000. Da fragt ein Großaktionär (es sind derzeit die ehemals gewerkschaftsnahe BGAG, der Deutsche Beamtenbund und die Gold-Zack-AG, Mettmann) normalerweise, ob der Laden nicht besser dichtgemacht werden sollte.

Hunzinger prahlt gerne damit, "wichtige" Menschen zusammen zu bringen. Prunkstück seiner guten Taten waren Herr Scharping und Frau Pilati, die sich bei einem Hunzinger-Dinner kennengelernt haben sollen. Nicht nur in Liebesdingen, sondern auch im Kosovo-Krieg soll sich Scharping schon von Hunzinger beraten lassen haben. Wir erinnern uns an den erfundenen "Hufeisenplan".

Nun ist mit dem Paar nicht mehr zu prahlen. Moritz Hunzinger, der ganz privat CDU-Mitglied ist, geht es so schlecht, dass er als "Medienberater" selbst in die Medien geht. So gab er zum Beispiel letzte Woche im SWR-Regionalprogramm neben dem unvermeidlichen Arnulf Baring, dem geschätzten Journalisten-Kollegen Peter Zudeick, und der Ex-Schrödergattin Hillu den Rabauken, der der genervten Dame in jeden Satz hineinfiel. In Interviews mit Süddeutscher, FAZ und n-tv laviert er zwischen Scharping-Verteidigung und Nichts-mit-ihm-zu-tun-haben-Wollen. Einerseits bestreitet er, den Verteidigungsminister zu duzen, er spreche ihn mit "Herr Bundesminister" an. Andererseits bestätigt er seine eigene Freundschaft mit Frau Pilati. Ein PR-Berater, der ein Mindestmaß an Diskretion nicht mehr schafft, der seine eigene Eitelkeit und/oder seine Verzweiflung nicht mehr zügeln kann, ist ein schlechter PR-Berater. Mit jedem öffentlichen Wort verschlimmert er seine wirtschaftliche Lage. Geht es um seine wirtschaftliche Lage? Ist es Aufgabe der Firma Hunzinger, Geld zu verdienen?

Nach Hunzingers eigenen Angaben hat er nun einen Millionenauftrag des Microsoft-Konzerns eingefahren. Microsoft ist fast so nervös wie Hunzinger. Denn mittlerweile hat sich selbst unter Politikern herumgesprochen, dass sogenannte Open-Source-Systeme (kostenlose Betriebsysteme, deren Code öffentlich zugänglich ist) den teuren Angeboten Microsofts nicht nur wirtschaftlich sondern auch sicherheitstechnisch überlegen sind. Dem Monopolisten drohen wichtige Aufträge aus dem öffentlichen Bereich verloren zu gehen. Microsoft bringt das - noch - nicht um. Aber rettet es Hunzinger?

Es war schon ein merkwürdiger Zufall, dass Scharpings Liebste und Hunzingers Duz-Freundin Pilati bis zum Beginn ihrer Liaison mit dem Bundesverteidigungsminister Rechtsbeistand von Brigitte Baumeister war. "Selbstverständlich" legte sie das Mandat mit Beginn ihrer Liebe zu Scharping nieder. Brigitte Baumeister, man erinnert sich kaum noch, ist die ehemalige CDU-Bundesschatzmeisterin, deren Aussage in der Parteispendenaffäre solange gegen die Aussage Wolfgang Schäubles stand, bis dieser aufgab und zurücktrat. Sein Verhältnis zu Kohl, als dessen Bundesgenossin Frau Baumeister eingestuft wurde, ist seitdem völlig zerrüttet.

Die Affäre aber dümpelt dahin. Oft wunderten sich journalistische BeobachterInnen, wie schlecht präpariert die SPD-Mitglieder des zuständigen Untersuchungsausschusses ihrem Job nachgingen. Einer der mächtigsten Verleger des Landes, WAZ-Chef Erich Schumann, verzichtete lieber auf seine jahrzehntelange SPD-Mitgliedschaft, als sich von einer 800.000 DM-Spende an Helmut Kohl abhalten zu lassen. Keine deutsche Staatsanwaltschaft traut sich, die Sache anzufassen. Wir werden noch viele Jahre warten müssen, bis wir erfahren haben, worum es eigentlich ging.

Tatsache ist, dass im Aufsichtsrat der Firma Hunzinger Ex-Geheimdienstchefs dieser Republik ein- und ausgingen. Derzeit hält Peter Frisch, Ex-Verfassungsschutzpräsident (1996-2000) die Stellung. Von 1986 bis 1997 hat einer seiner Vorgänger, Richard Meier (Verfassungsschutz-Chef 1975-1983) den Job bei Hunzinger gemacht.

Dem Berliner Büroleiter der Süddeutschen Kurt Kister verdanken wir den historischen Vergleich der Scharping-Affäre mit der Wörner-Kießling-Affäre von 1984. So wie Kanzler Kohl damals seinen Verteidigungsminister Wörner mit Hilfe dieser Affäre handzahm gemacht habe, so domestiziere jetzt Schröder den Scharping. Kister weiß, wovon er schreibt; er war damals schon Korrespondent seiner Zeitung für Fragen militärischer Ranküne. Kießling wurde 1982 stellvertretender NATO-Oberbefehlshaber in Europa. Es gab Gerüchte, er sei schwul. Damals genügte so was noch für einen Karriereabbruch. Die Gerüchte wurden in die Medien lanciert. Wörner verlor völlig die Nerven und recherchierte in den untersten Schubladen hinter Kießling her, so dass es bald weniger um den General als vielmehr um den ausgerasteten Wörner ging. Kohl hielt ihn im Amt, um ihn später als NATO-Generalsekretär durchzusetzen.

Kießling wurde anlässlich seines 75. Geburtstages in diesem Jahr Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates der Hunzinger AG. Von 1984 bis 2000 war er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender.

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00:00 14.09.2001

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