Es kommt, wie es kommt

Karibische Warteschleife Der Kapitalismus lauert schon in den Köpfen vieler Kubaner

Während die Maschine den Atlantik überquert, tollen Bilder durch meinen Kopf. Alles Klischees: Che mit dem weit in die Ferne gerichteten Blick, die Oldtimer des Buena Vista Social Club, Zuckerrohrstauden, Fidel fuchtelnd an einem Rednerpult ... - Warum fliegt ihr nach Kuba, haben viele verständnislos gefragt? Ich will es sehen, bevor Castro stirbt, habe ich geantwortet. Will sehen, ob es noch eine Alternative inmitten der Globalisierung gibt, habe ich hinzugefügt. Noch verständnislosere Blicke. Vielleicht will ich auch verstehen, warum Fidel Castro regelmäßig stehende Ovationen bekommt, wenn er auf internationalen Konferenzen Brandreden hält. Mein Wohlwollen hat er. Wenn auch ein skeptisches Wohlwollen.

Der Mythos Kuba beginnt also in Holguin, tief im Osten der Insel. Die Horde der Gelandeten folgt ihm in einem Reisebus, der sie zu einer Enklave bringt. Irgendwo unten an der Küste, sagen zwei Hamburger. Für zwei Wochen, alles mit dabei. Das lieber nicht. Wir steigen in Santiago de Cuba aus.

36 Stunden später ist der Mythos schon in Auflösung begriffen. Alle zehn Minuten quatscht uns einer von diesen jungen Checkern an. Dollarzeichen glänzen in den Augen. "Come to my mother´s paladar", "Want a good meal?", "Shrimps, Lagosta...!" - Weil ich aus dem Westen komme, brauche ich dauernd Langusten, oder wie? Das alles erinnert irgendwie an Indien, denke ich.

Joaquin, wie funktioniert das mit den Pesos? Der Besitzer unserer "Casa", der Herberge, die wir gefunden haben, ist ein entspannter Typ. Bringt Dorothee zum Valentinstag ein Sträußchen mit. Es gibt kubanische Pesos und konvertible Pesos, sagt Joaquin. Ja, das habe ich gelesen, aber ich kapiere noch nicht, wie das in der Realität läuft. Er zeigt mir das konvertible Kleingeld. Das ist das Wechselgeld für den Dollar. Und was kann ich mit den kubanischen Pesos machen? Joaquin lächelt.

Auf der Enremada und der Aguilera, den Haupteinkaufsstraßen von Santiago mit den tollen alten Leuchtreklamen, herrscht ein wahnsinniges Gedränge. Aber ganz ohne Verkehr und Tempo. Die Leute schlendern in Massen. Kaufen sie, organisieren sie oder schlagen sie die Zeit tot, frage ich mich? Die offiziellen Schaufenster sind fast leer und verstaubt. So etwas sieht man bei uns schon wieder in Trash-Galerien. Vor einem Blumenladen steht eine Schlange. Vor dem Devisentausch sogar zwei Schlangen. Das macht mich nervös. Diese Langsamkeit. Ich hab mich so daran gewöhnt, dass man immer alles auf der Stelle, im nächsten Augenblick, organisieren kann - und es noch nie in Frage gestellt.

Als wir zurückkommen, sitzt ein Typ im weißen Hemd in einem Schaukelstuhl bei Joaquin im Patio. Vor sich hat er ein Buch und geht Abrechnungen durch. Joaquin greift sich im Nebenzimmer ans Kinn. Dann macht er eine Geste, als ob er sich das Kinn lang ziehen will. Der Bärtige. Ah ja, Castros Leute. Joaquin ist kein Dissident. Er wartet geduldig, bis der Spuk irgendwann vorbei ist.

Die Amerikaner übernehmen das Land in vier Wochen, sagt er

Wir fahren mit dem Auto nach Manzanillo. Joaquins Frau ruft ihre Schwester an, bei der wir übernachten können. Am Rande einer Plattenbausiedlung werden wir in einer Art Bauhaus-Bungalow einquartiert. Coole Architektur. Im Garten des Nachbarn grunzt ein Schwein. Innen Bücherregale voller medizinischer Fachliteratur. Der Mann der Schwester ist Arzt. Für uns legt er sich eine Nacht aufs Sofa, um auf das Auto aufzupassen. Man weiß nie, sagt er. Dafür will er am nächsten Tag acht Dollar extra. Ich bin verwirrt, er registriert das, geht kurz rein, diskutiert mit seiner Frau, kommt bald wieder heraus, vier Dollar. Und in seinen Augen sehe ich ein Unbehagen aufblitzen, fast als ob ihm das Ganze recht peinlich ist. Er ist doch eigentlich eines der Vorzeigeprodukte der Revolution, ein Exportartikel sogar, und verdient dafür umgerechnet vielleicht 20 Dollar im Monat. Aber hier kommen nicht viele Touristen vorbei.

Die Revolution hat seinerzeit gar nicht weit von Manzanillo begonnen. An den Hängen der Sierra Maestra, in der Comandancia de la Plata. 30 Monate haben die Rebellen im Bergdschungel in einem Hüttendorf ausgehalten. Batistas Luftwaffe genarrt. Der Ort hat etwas. Das Lazarett, Castros roh gezimmerter Schreibtischbalkon, sein Donnerbalken geben der Legende eine menschliche Dimension. Fast 50 Jahre ist das her.

Unten auf den langen leeren Landstraßen verliert sich die Legende. Tafeln mit Durchhalteparolen, ein Lob an Fidel als Graffito an einer Bushaltestelle, und immer wieder Che´s Blick in die Ferne. Der neue Mensch, sein Traum, sitzt bei uns im Auto. Die jüngste Generation. Ungeduldig. Sie weiß, was in Miami geht. Was mit Dollars geht. Nicht wir nehmen sie mit nach Havanna. Sie nehmen uns mit, eine gute Transportgelegenheit zum Schulbeginn. Am Ende, nach 500 Kilometern, kein "Gracias". Schon gut, denke ich, halten wir uns nicht mit Förmlichkeiten auf.

Irgendwann gewöhnt man sich an die bösen Blicke im Rückspiegel, an geschüttelte Fäuste, ja an Fuck-Finger, wenn man einmal am Ortsausgang, wo Menschentrauben auf die wenigen Busse und LKW warten, niemanden mitnehmen will, um allein zu sein. Der ganze Frust, auf Fremde wie uns angewiesen zu sein, entlädt sich spontan. Und wenn diese helfen, scheint die Demütigung fast noch größer zu sein.

Weil keiner allein etwas ändern kann, warten alle. Auf die Zeit nach Castro. Die Zeit, die sich keiner vorstellen kann, vorstellen will. Carlos Laage - Castros Vize und Wirtschaftskopf - ist ein guter Mann, der könnte das Land weiterbringen, sagen einige. Es klingt ein bisschen, als wollten sie sich beruhigen. Die meisten zucken mit den Schultern. Nur auf Fidel lassen sie nichts kommen, da sind sich fast alle einig. Es sind die Schranzen, die Beamten, die Parteileute unter ihm, die das Land ruinieren, sagen sie. So ist das.

Die Kinder der Schranzen - oder von wem auch immer - treffen sich zum Beispiel in einem gut gekühlten Jazz-Club in Miramar. Dort sieht Havanna aus wie eine Mischung aus Miami und L.A. Keine Oldtimer mehr. Funk und Soul spielt die Band, und ihre Freunde in den trendigen Klamotten feuern sie frenetisch an. Hat sich was mit Buena-Vista-Nostalgie. Sechs Kilometer westlich vom angeschlagenen Centro Habana leben einige offensichtlich schon in der Zukunft.

Auf dem Rückweg versacken wir noch in einer kleinen Bar. Die liegt 50 Meter neben dem berühmten El Floridita, einer Farce für Touristen auf dem Hemingway-Pfad. In der Bar trinken neue Hemingways - das hoffen sie jedenfalls - und andere Nachteulen, ein paar Reisende und Schlitzohren. Einer nennt sich Roger Cuba. Welch großartiger Name, denke ich. Unter diesem Namen macht er diverse Geschäfte, halblegal, irgendetwas mit Filmen. Roger, was kommt nach Castro? Die Amerikaner übernehmen das Land in vier Wochen, sagt er. Mit einem Lächeln: Es kommt wie es kommt, und ob es besser oder schlechter wird, kann man dann immer noch sehen.

Um vier Uhr früh gibt Havanna für kurze Zeit Ruhe. In wenigen Stunden beginnt der nächste Tag in der Warteschleife. Ich lese noch ein paar Seiten in Pedro Juan Gutiérrez´ Schmutzige Havanna Trilogie. "Es ist die neue Zeit", steht da. "Auf einmal braucht man Geld. Wie immer macht Geld alles platt, was ihm im Weg steht. 35 Jahre lang wurde der neue Mensch aufgebaut. Und das ist jetzt vorbei."

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00:00 05.09.2003

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