Es kracht im Paradies

Kino „Alle Anderen“ wurde auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Der Film soll das Porträt einer Generation sein. Aber warum ist er so distanzlos?

Alle Anderen heißt einer jener Filme, deren Titel zeitgemäß Beliebigkeit assoziieren. So ein Titel verspricht nichts, ist schwer merkbar, wirbt mit so genannter Natürlichkeit. Nicht nur bei Autorenfilmen, auch in der Literatur wimmelt es seit der Hoch-Zeit hipper Jungschreiber von solch kunstlosen Titelgebungen, bei denen man schnell merkt: Der Inhalt ist so banal wie die Überschrift. Drehbuch, Regie und Produktion lagen in der Hand von Maren Ade. Die 33-Jährige ist Absolventin der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film und ganz und gar ein zufriedenes Kind ihrer Zeit. Als solches hat sie mit Alle Anderen eine Facette dieses Empfindens in ihrem bei der 59. Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Zweistundenfilms durchaus trefflich in Licht und Szene gesetzt.

Der Plot übernimmt sich nicht: Gitti und Chris, ein Paar Mitte 30, machen Urlaub auf Sardinien, im Ferienhaus von Chris‘ Eltern. Der grüblerische Chris arbeitet als Architekt, der seine Begabung bislang nur in Beteiligungen an Wettbewerben zeigen konnte und demzufolge an Seelendrücken leidet. Gitti, Bookerin in einer Musikfirma, ist der spontanere Typ: etwas zwischen exaltierter Partymaus und liebesbedürftiger Quengelzicke. Sie quasselt dauernd, er schweigt, und nun wollen sie auf der schönen Insel den Alltags- und Berufsquerelen entfliehen, zu sich selbst finden und das ausleben, was ihnen eine Art anhaltende Pubertät an Bedürfnissen auferlegt. Nach Tagen mehr oder weniger behaglichen Wohlstandslebens in der treuherzig teutonisch verzierten Finca (mit Pool!) trifft das junge, nicht ganz perfekte Glück, Chris‘ Kollegen samt schwangerer Gattin.

Hans gibt den erfolgreichen Großkotz; Sana, die gutgelaunte Modedesignerin an seiner Seite, flötet von der Vollkommenheit ihres Daseins. Das Treffen der Paare wird eine Begegnung voller Peinlichkeiten. Man streitet sich, ist voneinander genervt, geht sich aber leider nicht an die Gurgel. Nachdem das holde Erfolgspaar im Upperclass-Wagen davongebraust ist, kommen Chris und Gitti zur vagen Einsicht, dass sie in ihren Männlein-Weiblein-Rollen bisher doch nicht so gut zusammenspielen. Die Glücksspirale zeigt nach unten, sie zicken sich an. Chris bekommt einen Auftrag, Gitti einen Koller, es kracht gehörig im Paradies. Am Schluss jedoch hat man sich wieder lieb, und plötzlich ist der Film ist zu Ende.

Das Authentische ist kunstfeindlich

Alle Anderen ist ein Film, über den ich lange nachgedacht habe, obwohl er mich geärgert hat. Einerseits behandelt er einen interessanten Stoff: das Befinden der Generation der aufstrebenden Mittdreißiger, die sich in einer Mühle von geerbtem Wohlstand, Zwang, Versagensangst, stressigem Business, unbestimmbarer Sehnsucht und gefühlter Lebensleere dreht. Andererseits erfahre ich aus dem Film nichts, was ich nicht schon von jenen Leuten weiß, was ich nicht genau so "aus dem Leben" bestätige. Doch vermute ich, dass ich nur die Oberfläche kenne. Aus einem Kunstwerk will ich aber mehr erfahren; die Tiefen des Unbehagens dieser Generation, ihre Abgründe, ihre "Welt" aus einer anderen Sicht kennenlernen. Maren Ades Film schafft es, mich in oft voyeuristischer Weise in das äußere Leben und Streben von Chris und Gitti hineinzuziehen – aber das, wie gesagt, kenne ich schon.

Für mich ist dieser Film bis auf wenige ironische Szenen die Beschreibung eines Zustandes. Das hat vor allem mit den Dialogen zu tun, die das banale Banner des Authentischen tragen. Das Authentische ist, wo immer es auftritt, kunstfeindlich. Es ist beliebt, weil es echt klingt, wie vom Alltag abgeschrieben, so cool und lässig und formlos wie die Befindlichkeit der Leute. Im Film (und oft auch im Theater) kommt es dann zu jenem privaten Herumgenuschel in Schluffi-Dialogen, das dem Zuschauer suggerieren soll: Du bist einer von uns, und du bist Kunst!

Das Gerede der Filmhelden gleicht Chris‘ Schlabberjeans: Man hat alles "total gerne", bekommt einen "supergeilen Auftrag", ist "total beliebt", es ist "voll lecker", man geht "direkt mal in die Küche", brabbelt irgendwas in den Kochtopf oder ins Handy – mir geht das einfach mal voll krass auf die Nerven! Alle Anderen trifft Sprache und Verhalten der Yuppies genau, ist aber leider distanzlos. Auch die mit authentischer Sprache verbundene hoch gepriesene "natürliche Spielweise" pflegt nicht mehr als das moderne Missverständnis, ein Schauspieler sei nur dann wirklich gut, wenn er nur "sich selbst spielt". Gottseidank habe ich für Alle Anderen noch nicht jene blödsinnige Werbefloskel gelesen, die behauptet: Birgit Minnichmayr ist Gitti, Lars Eidinger ist Chris.

Und der Film dauert. Viel zu lang. Er breitet sich aus wie mein Unbehagen. Gut, ich bin dankbar, dass es keine schnellen Schnitte gibt, dass er keine Musik braucht, dass nicht grimassiert und gebrüllt wird oder alles in hohlem Aktionismus versinkt. Landschaften und Interieurs scheinen wie Kulissen, die das Thema der gelebten Äußerlichkeiten illustrieren. Das ist reizvoll und stimmig. Doch der ebenfalls aufs Authentische zielende Wackelkamera bin ich spätestens nach einer Stunde überdrüssig. Gewiss, der Film behandelt Überdruss, Übersättigung und jene dehnbare Langeweile, die die jungen, ihrer eignen Unreife ausgelieferten Leute empfinden – aber Langeweile durch Langeweile, Stillstand durch Stillstand dargestellt, das ist einfallslos. Spannend wird der Film erst, wenn endlich der Konflikt in Form des versnobten Erfolgspaars auftaucht und es in der Chris-Gitti-Beziehungskiste rappelt.

Weltläufig weltfremd

Burgtheater-Schauspielerin Birgit Minichmayr gibt eine lebendig-deftige Gitti. Selbst wenn mir ihre näselnde Nöligkeit gelegentlich zu viel wird, überzeugt sie. Minichmayr wurde in der Rolle als beste Darstellerin auf der Berlinale ausgezeichnet. Schaubühnenschauspieler Lars Eidinger (dessen begnadetes Talent ich mit dem Preis ausgezeichnet hätte) spielt den Chris: feinsinnig, wandelbar, mit außergewöhnlicher Ausstrahlung. Minichmayr und Eidinger tragen den Film, und der Film trägt sie: Die Kamera hat das Paar unablässig im Fokus, verfolgt sie in jeder Bewegung, in jedem Atemzug. Das ist ästhetisches Prinzip. Für die, die es mögen, funktioniert es. Hans (Hans-Jochen Wagner) und Sana (Nicole Marischka) dürfen leider nur den dramaturgischen Einfall spielen: der Platzhirsch und Erfolgszyniker sowie das dümmlich affektierte Modepüppchen. Sie bleiben Klischee, und das ist schade.

Der Film Alle Anderen ist insofern sehenswert, weil er die Geister scheidet. Weil er aus den Müllhalden der Block-Buster-Industrie und den öden Sumpfgebieten vieler deutscher Film- und Fernsehproduktionen herausragt. Auch wenn er insgesamt zu wenig riskiert. Alle Anderen ist wie seine Figuren: weltläufig und gleichzeitig weltfremd. Dabei hätte der Film das Potenzial, auf diese neurotische, vom Modemacher Zeitgeist geprägte und womöglich in ihren Irrungen verlorene Generation eine Durchblick stiftende Perspektive zu ermöglichen.

Alle AnderenRegie/Drehbuch: Maren Ade, Darsteller: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Nicole Marischka, Hans-Jochen Wagner, 124 Minuten, Kinostart: 18. Juni

Kerstin Hensel, geboren 1961 in Karl-Marx-Stadt, ist Schriftstellerin in Berlin. Dort lehrt sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Zuletzt erschien von ihr der Roman Lärchenau (Luchterhand, 2008)

14:00 17.06.2009
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