Es lag was in der Luft

1917 Ein Studienbuch sträubt sich erfolgreich gegen die Vereinfachung der Russischen Revolution. Es zeichnet über Einzelschicksale den widersprüchlichen Gang der Ereignisse nach

Jahrestage wahrzunehmen ist journalistische Pflichtübung. Doch was bislang alles so geschrieben wurde über die Oktoberrevolution 1917 täuscht nicht über die Tat-sache hinweg, dass der Kommunismus heutzutage wie ein toter Hund behandelt wird. Es spendet kaum Trost, dass das Bürgertum nicht wenig Eifer darein setzt, seine eigenen Revolutionen, und seien es die in der Kunst, in Reaktionen umzudeuten, damit auch nicht der Anflug einer Idee bleibe, es hätte selbst einmal historisch gezündelt. Mit dem Sieg des Kapitalismus im dritten Weltkrieg der Atomraketenrüstung wurde die Grabplatte des Stalinismus, und die wiegt schwer, endgültig auf die Russische Revolution gewälzt. Was sonst noch darunter zu liegen kam - wer fragt heute noch danach?

Fragen an Zwanzigjährige, die hinter der DDR eher einen Internet-Provider vermuten, wer etwa Lenin und was ein Fabrikkomitee waren, laufen ins Leere. Was soll man sich in der Schule noch damit beschäftigen? Wozu muss heute noch jemand wissen, dass es nicht eine, sondern drei Russische Revolutionen gab? Dass es den Ruf "Alle Macht den Räten" ohne den blutig niedergeschlagenen Aufstand von 1905 nicht gegeben hätte? Selbst der Strom von Migranten aus der Tiefe des eurasischen Kontinents entspringt nicht nur Armut und Chaos, sie fliehen immer noch vor dem Kommunismus, zumindest vor der Erinnerung daran.

Potentiale des Anfangs

Wer wollte, konnte kürzlich in der Zeitung lesen, wie die traditionsreiche Osteuropawissenschaft an der Universität Marburg mit einem Federstrich abgeschafft wurde. Aus der Schule des konservativen, in der Sowjetunion wohl geschätzten Historikers Scheibert ging so mancher progressive hochkarätige Osteuropawissenschaftler hervor, darunter auch Heiko Haumann, der Herausgeber des hier besprochenen Buches.

In den siebziger Jahren existierte ein hochproduktives Netzwerk von Russland-Spezialistinnen und -Spezialisten, die den kurzen Sommer der Entspannungspolitik zu nutzen wussten, um ein Füllhorn von Struktur­einsichten in die frühe Sowjetperiode, ihre phantastischen historischen Potentiale und ihre katastrophalen Widersprüche zur Verfügung zu stellen. Wer damals von den Studien etwa zur Realität der frühen Wirtschaftsplanung oder zur Lage der Bauern und zu den Chancen der Neuen Ökonomischen Politik profitieren konnte, war gegen die Produkte der einflussreichen CIA-Wissenschaft ebenso gefeit wie gegen das oberflächliche Revolutionsgeschwätz mancher linker Zirkel.

Heiko Haumann, der an der Universität Basel Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte lehrt, hat einen Kreis von überwiegend jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern versammelt, um die Erinnerung an die Russische Revolution in unserer Gegenwart wach zu halten. Wie kann über jene "zehn Tage, die die Welt erschütterten" (John Reed) heute spannend verhandelt werden? Traditionelle Einzelperspektiven der Geschichte sind begrenzt oder diskreditiert: die Heldengeschichten der Revolutionäre, der Blick über die Schultern der ZK-Mitglieder, die objektivistische Sozialgeschichte.

Die Autoren finden in der "lebensweltlichen Perspektive" der Beteiligten und Betroffenen einen methodischen Knotenpunkt, um den herum sich die anderen Dimensionen der Parteien- und Ideengeschichte, der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte neu anordnen. So wird die Leserschaft in den Kapiteln dieses Buches, ähnlich wie schon in Haumanns einschlägiger Geschichte Russlands (Neuauflage Zürich 2003), immer wieder mit Einzelschicksalen bekannt gemacht, in deren Erfahrungen und Haltungen der widersprüchliche Gang der revolutionären Ereignisse wie in einem Brennglas fassbar und nachvollziehbar wird. Man muss die Nöte des Bauern Zamaraev in der nordrussischen Stadt Tot´ma Anfang 1917 verstehen, man muss den Hunger und die Sorge um die Frühjahrsaussaat vor Augen haben, um die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung und die Delegitimierung der Zarenherrschaft zu begreifen.

Ähnlich stehen etwa die Ereignisse um den Matosenaufstand von Kronstadt im Frühjahr 1921 in ihren langfristigen Auswirkungen plastischer vor Augen, wenn sie nicht nur in den Kategorien von Revolution und Konterrevolution abgebildet, sondern durch das Schicksal des jungen Soldaten Versinin hindurch betrachtet werden, der als ehemaliger Anhänger der Bolschewiki von einem bolschewistischen Gericht als Verräter zum Tode verurteilt und wenig später erschossen wurde (Beitrag von Jörn Happel).

Perspektive der Betroffenen

Der lebensweltliche Ansatz erschöpft sich nicht im Zitieren von Zeitzeugen. Er bestimmt Schwerpunktsetzung und Gliederung des Buches. So liefert ein Blick in das "Exil als Lebenswelt" der wichtigsten politischen Akteure Einsichten in die zwiespältigen Prägungen einer ganzen Generation von Revolutionären, die plötzlich in die Praxis geworfen, von jenem Gepäck an Bildung, an politischen Orientierungen, aber auch an Spaltungen und nicht selten an Sektierertum zehrten, das sie im Jahr 1917 aus ihren täglichen Studien, Begegnungen und Debatten in Zürich, Paris oder London mit nach Russland brachten (Anina Gidkovs Beitrag).

Oder, ein weiteres Beispiel: Nur die rasanten Umbrüche im Alltagsleben unter der frühen Sowjetmacht, von den Arbeitsverhältnissen über die Wohnformen bis zur Stellung der Frau, machen verständlich, wie revolutionärer Enthusiasmus und häufig revolutionäre Ungeduld auf die früher oder später durchschlagenden alten Verhältnisse stießen, so dass Enttäuschungen und vorwärtstreibende Gewalt Widerstand und erneute Gewalt hervorriefen (Beitrag von Carmen Scheide).

In allen Teilen dieser Darstellung ist das Bemühen zu spüren, Ereignisse, Entscheidungen und Entwicklungen aus einer komplexen Lage heraus verständlich zu machen, die sich gegen die Vereinfachung auf einen Nenner sträubt. So müssen Leserinnen und Leser manche Vorurteile hinter sich lassen. Die Revolution wurde nicht vom Zaun gebrochen, sie lag schon lange in der Luft, auch wenn oder gerade weil Russland so ein rückständiges und autokratisch regiertes Land war.

Die Rolle der Bauern

Auch die Oktoberrevolution war kein Aufstand oder gar ein Putsch, sondern sie folgte, selbst für manchen Bolschewiken überraschend, einer weit im Volk verbreiteten Stimmung, welche durch die katastrophale Politik der bürgerlichen Regierung im Sommer 1917 hervorgerufen wurde. Wer sich für die proletarische Revolution interessiert, darf sich nicht nur mit den Proletariern, den Arbeitern beschäftigen, in vielerlei Hinsicht liegt der Schlüssel zum Verständnis beim Bauern und in den ländlichen Verhältnissen.

Das Schicksal der Revolution, so schärfen die hier versammelten Studien mehrfach ein, hing an der Verteilung von Lebensmitteln und Brennstoffen zwischen Stadt und Land. Wie ist es möglich, dass in einem Land, wo nicht einmal dieses Problem gelöst war, zur selben Zeit Intellektuelle über biotechnische Utopien, über einen Menschen ohne Krankheiten oder gar die Abschaffung des Todes nachdachten? Diese Welten zusammenzudenken und wenigstens die wichtigsten Fäden einer vielstimmigen Geschichte aufzunehmen und weiterzugeben, das ist der Einsatz dieses Bandes.

Die Russische Revolution 1917 setzt sich selbst eine Grenze ihres Gegenstandes. Diese historische Grenze liegt bei der Durchsetzung des Stalinismus, mit dem etwas "völlig Neues" entstanden sei. Damit machen die Autoren eine weitreichende Aussage über ihren Gegenstand, dass nämlich der revolutionäre Impuls von 1917 Ende der 20er Jahre zum Stillstand kam und sich eine neue historische Logik entfaltete.

Die Frage, welche Rolle der Bezug auf das Jahr 1917 gleichwohl in der Sowjetunion unter Stalin und danach spielte, ist gewiss interessant, liegt jedoch jenseits des thematischen Rahmens dieser Arbeit. Aber heißt nicht, das Ende der Revolution mit dem Stalinismus zu datieren, auch wiederum, jene als einen "toten Hund" zu behandeln? Der Herausgeber verweist in seinem abschließenden Beitrag über die "Sichtweisen der Russischen Revolution" auf den fortwirkenden Einfluss der Ideen und Erfahrungen von 1917. Er zieht die Parallele zur Französischen Revolution, die den russischen Revolutionären als Bezugspunkt galt und deren historische Kraft mit dem Thermidor, dem Sturz Robespierres, bis heute nicht erschöpft, wohl aber gezügelt ist.

Etwas Gezügeltes hat dieses Buch an sich für denjenigen, der erlebt hat, dass politische Richtungskämpfe der Protestbewegung Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in den Kategorien kontroverser Exegesen des Revolutionskonzepts von Lenin ausgetragen wurden. Ein gutes Zeichen, denn es zeigt nur, dass nach Jahrzehnten eine Summe gezogen werden kann aus Einsichten und Erfahrungen, die damals noch nicht zur Verfügung standen. Schließlich ist dieses Buch mit seinem hervorragenden und differenzierten wissenschaftlichen Apparat als UTB erschienen, also als Studienbuch oder Repetitorium.

Im Arsenal der Diskurse

Doch die Erinnerung an Zeiten, da man der nächsten Folge des Heidelberger Neuen Forum mit der Debatte zwischen Fritz Kramer und Joscha Schmierer über die Russische Revolution entgegenfieberte, besagt noch etwas Weiteres: Jede Umbruchsituation in der Geschichte deutet sich, ohne Sicherheiten und Garantien durch das Neue überfordert, unweigerlich in den selbst umstrittenen Begriffen der vergangenen Umbrüche. Man mag über die Russische Revolution denken, wie man will, dass sie in das Arsenal der Revolutionsdiskurse eingegangen ist und dass die Situation kommt - oder schon da ist? -, in der sich Revolutionäre an sie erinnern und sich mit ihr vergleichen, diese historische Macht nimmt ihr niemand mehr, Parteigänger oder Gegner. Mindestens aus diesem Grund muss man die Russische Revolution studieren.

Das kann heute, wie der vorliegende Band beweist, sine ira et studio geschehen, mit dem methodischen Blick auf die nicht reduzierbare Vielfalt und Gegensätzlichkeit der politischen Positionen, welche die Russische Revolution prägten, als sie noch in Bewegung war. Was für ein Glück, dass es noch Hochschullehrer gibt, denen es gelingt, gegen die Zwänge einer europäischen Rationalisierung des Wissenschaftsbetriebes unter ihren Schülerinnen und Schülern dauerhafte Arbeitszusammenhänge mit solch nützlichen Ergebnissen zu stiften, allein orientiert am Sachinteresse und an den ihm entspringenden wissenschaftlichen Erfordernissen.

Heiko Haumann (Hg.) Die Russische Revolution 1917. Böhlau Verlag (UTB), Köln/Weimar/Wien 2007. 182 S., 12,90 EUR

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00:00 11.12.2008

Ausgabe 39/2020

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