Es lebe die Evolution

Lateinamerika 200 Jahre nach der Unabhängigkeit wächst das Selbstbewusstsein: Die Menschen auf dem Subkontinent lassen sich ihr Schicksal nicht länger diktieren

Lange gab es in Lateinamerika nur einen Staatsmann von Weltformat: Fidel Castro, der kubanische David, der den sich abwechselnden Goliaths in Washington ein halbes Jahrhundert lang die Stirn bot. Ein Revoluzzer, der schon in jungen Jahren während der Raketenkrise im Jahr 1962 die Welt an den Rand eines Atomkriegs führte und der gegen alle Prognosen den Zusammenbruch des Sowjetreichs und seiner Vasallenstaaten überlebte. Außer ihm prägten finstere Gestalten wie Augusto Pinochet in Chile das Bild; Speichellecker wie Napoleón Duarte in El Salvador, der unterwürfig die US-amerikanische Flagge küsste; oder Showmänner wie der Argentinier Carlos Saúl Menem, der im Präsidentenflugzeug einen Friseursalon hatte einrichten lassen, damit man ihm vor dem Aussteigen die Koteletten toupieren und die beginnende Glatze kaschieren konnte. Lateinamerikas Staatsmänner waren zu Hause mächtig, außerhalb aber nicht viel mehr als ein Kuriositäten-Kabinett.

Das hat sich geändert. 200 Jahren nach den ersten Schritten zur Unabhängigkeit wächst auf dem Kontinent ein nie dagewesenes Selbstbewusstsein – und das zu Recht.

Der Präsident, ein Ex-Prolet

Fidel Castro ist seit vier Jahren todkrank und hat schon in den Jahren zuvor langsam die Fähigkeit verloren, sich wechselnden Weltläuften anzupassen. Er ist ein halsstarriger Kauz geworden, ein Mann der Vergangenheit. Doch Lateinamerika hat einen neuen Superstar. Auch bärtig wie Fidel und irgendwie links, und auch ihn nennt man liebevoll mit Vornamen: Lula, mit vollem Namen Luiz Inácio Lula da Silva, im achten Jahr Präsident von Brasilien. Anfang kommenden Jahres wird er aus dem Amt scheiden und das wird nicht nur in Brasilien bedauert. Man hätte ihn gerne weiterhin auf der Weltbühne und kann ihn sich durchaus in hohen internationalen Ämtern wie dem des UNO-Generalsekretärs vorstellen.

Einst war Lula ein Prolet. Ein Gewerkschaftsführer, der Brasilien so polarisierte wie Fidel Castro die Welt. Drei Präsidentschaftswahlen hat er verloren, dann hatte er seine Lektion gelernt: Zum Beginn des dritten Jahrtausends lässt sich die Welt nicht mit Klassenkämpfen verändern. Nicht mit neoliberalen von oben und auch nicht mit sozialistischen von unten. Man muss Allianzen bilden um Ideen und Projekte herum. Lula trat nun mit Anzug und Krawatte auf, redete leise und mit sympathischem Lispeln. Er überzeugte nicht nur die Armen, sondern genauso die Mittelschicht und sogar ein paar Reiche, dass es mit Brasilien so nicht weitergehen könne. Die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich hatte das Land zu einem sozialen Pulverfass gemacht, das sahen auch Unternehmer mit Sorge. Ein domestizierter Lula schien der Ausweg.

Die Linke hat Lula oft vorgeworfen, er bediene die Interessen des Kapitals und schrecke vor echten Reformen zurück. Tatsächlich geht es den Banken Brasiliens gut. Sie wurden von der Finanzkrise weniger durchgeschüttelt als andere. Ist das schlimm? Gleichzeitig haben in den zwei Amtszeiten Lulas 40 Millionen Brasilianer die Armut überwunden.

Außenpolitisch hat Lula von Anfang an das Ziel verfolgt, ein Gegengewicht zu Washington zu schaffen. Ohne viel Aufhebens ist ihm das auch gelungen. Wenn es Konflikte gibt in Lateinamerika, vermittelt Lula diskret. Wenn es darum geht, eine gemeinsame Position zu finden, gibt Lula den Ton an. Auch gegen die Stimme Washingtons, wie im Fall der Verurteilung des Militärputschs vom 28. Juni 2009 in Honduras, den Barack Obama milde durchgehen lassen wollte.

Auch über die Region hinaus ist Lula ein ernst genommenes Gegengewicht der USA. Zuletzt wurde das bei seiner Verhandlungsinitiative zum iranischen Atomprogramm deutlich. Lula steht über den Fronten und sieht den Iran nicht als Gegner, sondern als Teil eines Konflikts. Das macht ihn geduldig. Von US-Außenministerin Hillary Clinton trug es ihm einen ganz undiplomatischen Rüffel ein.

Venezuelas Präsident Hugo Chávez ist an solche Rüffel gewöhnt. Er fordert sie heraus. Sein Selbstbewusstsein braucht sie. Er wäre gerne die zentrale Figur des Kontinents, der Nachfolger Fidel Castros. Doch er verkennt, dass man nach dem Kalten Krieg durch holzschnittartige Polarisierung eher zum Politclown wird als zum anerkannten Staatsmann. Nur wegen seines Öls muss man den Schreihals aus Caracas ernst nehmen.

Geld fürs Nichtstun

Seine beiden wichtigsten Knappen sind da weniger laut und viel geschickter. Evo Morales etwa sitzt in Bolivien auf der weltweit wichtigsten Lagerstätte von Lithium. Vor allem die Automobilindustrie ist scharf auf diesen Stoff. Will sie Elektroautos in Serie bauen, wird sie massenhaft Lithium brauchen. Die interna­tionalen Konzerne stehen Schlange in La Paz. Doch Morales kennt die Geschichte seines Landes. Schon die Spanier hatten ganze Berge von Silber abgetragen und nach Europa verschifft. Bolivien blieb bis heute das ärmste Land Südamerikas. Der erste indigene Präsident will sich nicht mehr mit mickrigen Tantiemen abspeisen lassen: Wer sein Lithium wolle, müsse sich auf Joint Ventures einlassen und die gesamte Wertschöpfungskette im Land installieren. Bolivien will nicht mehr nur Rohstofflieferant sein, es will fertige Batterien liefern für das Auto der Zukunft.

Rafael Correa, der andere enge Verbündete von Chávez, pokert auf andere Weise mit seinen Bodenschätzen: Er werde das Erdöl unter dem Regenwald Ecuadors liegen lassen, wenn ihn die Industriestaaten dafür bezahlen. Man hielt den Vorschlag erst für verrückt: Da will einer Geld haben fürs Nichtstun. Doch Correa hat erkannt, dass Moral in der heutigen Politik ein gewichtiges Argument ist. Als erster Staatsmann der armen Welt wirft er dieses Argument in die Verhandlungen mit der reichen Welt. Die Debatte um den Klimaschutz bot den geeigneten Rahmen. Obwohl ich arm bin, bin ich bereit, auf den Ölreichtum zu verzichten und meinen Regenwald und damit auch euer Klima zu schützen, sagt Correa. Aber ihr müsst mir dabei helfen und wenigstens einen Teil der entgangenen Einnahmen ersetzen. Niemand lacht heute mehr über diesen Vorschlag. Man verhandelt. Zäh zwar und langsam und Ecuador wird immer wieder damit drohen müssen, das Öl doch zu fördern, wenn sich am Verhandlungstisch nichts bewegt. Aber man nimmt Correa ernst.

Lula, Chávez, Morales, Correa und all die anderen mehr oder weniger linken Präsidenten sind nicht gewählt worden, weil die Lateinamerikaner plötzlich entdeckt hätten, dass ihr Herz auf der linken Seite schlägt. Es war mehr die Verzweiflung darüber, dass es der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung mit den traditionellen Parteien der Vergangenheit von Wahl zu Wahl immer schlechter ging. Und weil zwei Jahrzehnte nach dem Kalten Krieg antikommunistischen Angstkampagnen der Konservativen keiner mehr glauben will, gaben die Wähler der Linken ihre Chance.

Doch nicht überall sind die linken Präsidenten so selbstbewusst wie Lula. Je weiter man in Richtung USA vorrückt, desto schwächer wird das Rückgrat der Regenten. In Guatemala etwa regiert mit Álvaro Colom seit über 50 Jahren wieder ein Sozialdemokrat. Der letzte – Jacobo Arbenz – war 1954 bei einem von den USA inszenierten Putsch gestürzt worden. Im benachbarten El Salvador ist zum ersten Mal die Linke an der Macht. Trotzdem hat sich Präsident Mauricio Funes zusammen mit Colom für das Interesse der USA einspannen lassen, auf die Rückkehr von Honduras in die regionalen Gremien zu drängen und damit den dortigen Putsch hoffähig zu machen. Die beiden sind leicht zu erpressen. Millionen von Salvadorianern und Guatemalteken arbeiten illegal in den USA und schicken Monat für Monat Geld nach Hause. Werden sie ausgewiesen, leiden die Wirtschaften ihrer Heimatländer. Funes und Colom geben deshalb noch immer jedem Druck aus ­Wash­ington nach, bevor dieser überhaupt ausgeübt wird. Sie sind die letzten. Und sie haben vergessen, dass sie gewählt wurden, weil die Bürger Lateinamerikas die Angst vor der Macht im Norden verloren haben.

Toni Keppeler war acht Jahre lang Mittelamerika-Korrespondent für die taz und die Weltwoche

Bis zum 11. Oktober beschreiben 20 Autoren und Autorinnen aus Lateinamerika und Deutschland für das Blogprojekt Superdemokraticos, wie sich Politik, Liebe, Arbeit und die Menschen in dem Land verändern, in dem sie gerade leben - einige Texte werden auch im veröffentlicht.

Hier stellen die beiden Gründerinnen Rery Maldonado und Nikola Richter ihr Projekt vor und hier zu


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10:25 10.06.2010

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