„Es mangelt an Ethik“

Interview Der Dresdner Theologe Frank Richter sieht im Neoliberalismus eine Ursache für Pegida
„Es mangelt an Ethik“
Frank Richter: "Wir brauchen das Schweigen und die Nachdenklichkeit."
Foto: Sven Ellger/imago

Dialog oder Distanz? Wie man auf Pegida reagieren soll, sorgte vor allem in der Anfangszeit für politische Kontroversen. Für Frank Richter, der lange die säschsische Landeszentrale für politische Bildung leitete, geht es dabei auch um die Verständigung zwischen West- und Ostdeutschland.

der Freitag: Unter Ihrer Leitung wurde die Landeszentrale zu der Institution in Dresden, wenn es um politische Diskussionen ging. Langweilig dürfte das kaum gewesen sein. Warum der Wechsel zur Frauenkirche?

Frank Richter: Ich bin angesprochen worden und es hat mich gefreut. Meine innere Uhr sagt mir, dass ich jetzt, mit 56, noch mal etwas Neues anfangen kann. Als Theologe freue ich mich, wieder näher an die Theologie zu geraten. Ich habe den Eindruck, dass die Arbeit an den ethisch-geistigen Grundlagen unseres Gemeinwesens aktuell noch wichtiger ist als die politische Bildung.

Viele werfen der Frauenkirche vor, zu still zu sein in dieser Stadt in Zeiten von Pegida.

Ich freue mich in diesen Zeiten über jeden Ort der Stille. Wir brauchen das Schweigen, die Nachdenklichkeit und die Selbstvergewisserung. Orte der Nachdenklichkeit sind auch politische Orte. Erinnern Sie sich zum Beispiel an die Aktion „10.000 Kerzen für Dresden“, als sich am 13. Februar 2005 tausende Dresdner auf dem Theaterplatz versammelten? Das war ein starkes politisches Signal gegen den aufkommenden Rechtsextremismus.

Wie nehmen Sie die politische Diskussion zurzeit wahr?

Die Gesellschaft hat sich in einer Weise politisiert, wie ich es vor 26 Jahren das letzte Mal erlebt habe. Viele Jahre haben wir in der politischen Bildung über politisches Desinteresse geklagt; ich halte die Politisierung per se keineswegs für schlecht. Die Art allerdings, in der sie sich zeigt, ist belastend. Weil sie oft aggressiv ist, wenig argumentativ und manchmal an der Grenze zum Strafrecht entlang schrammt. Es wird deutlich, dass viele Menschen zu Empathie und Perspektivenwechsel nicht in der Lage oder nicht bereit sind. Viele halten sich nur noch in sogenannten Echokammern auf, in politisch-argumentativen Räumen, in denen sie ausschließlich denen begegnen, die ihre Meinung teilen.

Sind das speziell sächsische Echokammern, ohne religiöse Überzeugungen und Werte?

Die Religionsfreiheit gehört zu den Grundrechten. Dazu gehört auch das Recht, keine Religion zu haben. Wenn ein Mensch sich als areligiös definiert, heißt das mitnichten, dass er keine Ethik, keine Moral oder keine Wertvorstellungen hat. Ich erinnere an Immanuel Kant, der begründet hat, warum und wie jeder Mensch vor dem Forum der Vernunft in der Lage ist, zu erkennen, was gut und böse ist. Möglicherweise mangelt es in unserer Gesellschaft an qualifizierter Ethik.

Sie sagen, die Menschen seien in der Lage, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Hatten Sie das Bedürfnis, die Pegida-Anführer Kathrin Oertel und Lutz Bachmann darauf anzusprechen?

Das Bedürfnis, mit Frau Oertel und Herrn Bachmann zu sprechen, habe ich nicht empfun-den. Ich habe den Bedarf gesehen. Den sehe ich auch heute noch, wobei es mir nicht um die Genannten geht, sondern um viele Menschen, die keinen anderen politischen Ort finden als den, an dem öffentlich gehetzt und gehasst wird.

Als Theologe wären Sie ja eigentlich Experte für das christliche Abendland. Hat Sie mal ein Pegida-Anhänger danach gefragt?

Bleiben wir fair: Die Forderung nach der Verteidigung des „christlichen“ Abendlands habe ich nicht gehört, nur die nach dem Abendland. Bei Nachfragen wurde klar, dass 95 Prozent derer, die den Begriff im Mund führen, keine Ahnung haben, was damit gemeint ist.

Gibt es in Ostdeutschland einen Mangel an qualifizierter Ethik?

Für ca. 80 Prozent der Menschen im Osten Deutschlands steht Religion als Ressource für Moral und Ethik nicht zur Verfügung. Das ist keine Bewertung, lediglich eine Feststellung. Die Vernunft steht jedem zur Verfügung. Als die Weltanschauung des Marxismus-Leninismus vor 26 Jahren die Bühne der großen Öffentlichkeit mehr oder weniger klanglos verließ, blieb für viele eine Leerstelle. Sie füllte sich zunächst mit dem Ungeist des Neoliberalismus, der seit den 90er Jahren wie eine Furie durchs Land zog und eine Schneise geistiger Verwüstung hinterließ. Viele Ostdeutsche sprechen von Demütigungs- und Minderwertigkeitserfahrungen. Der Nationalismus bietet sich an, mangelnde Anerkennung und Wertschätzung zu kompensieren.

Sie haben Pegida-Anhänger zu Veranstaltungen der Landeszentrale eingeladen und der Pegida-Führung einen Raum für eine Pressekonferenz zur Verfügung gestellt. Haben Sie da nicht eine Echokammer geschaffen?

Das war sicher nicht beabsichtigt. Im Winter 2014/2015 war ganz und gar nicht klar, von welchen Motiven die vielen tausend Menschen auf die Straße getrieben wurden. Ich konnte allerdings deutlich erkennen, dass das, was Herr Bachmann und andere Redner von sich gaben, nicht identisch mit dem war, was die Demonstranten bewegte. Ab dem Sommer 2015 radikalisierte sich Pegida in Richtung Anti-Asyl und Anti-Islam. Seriöse Gespräche waren ab dem Zeitpunkt kaum mehr möglich.

Wo sind die „Spaziergänger“ heute?

Das weiß ich nicht. Ich kann nicht ausschließen, dass der eine oder andere in einer der Bürgerversammlungen gelandet ist. Mancher hadert grundsätzlich mit der Zeit, in der wir leben. Staaten brechen zusammen. Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Gewalt greift um sich. Viele Menschen sind empört, weil sie den Eindruck haben: Die Politik gaukelt nur vor, die Probleme der Gegenwart lösen zu können.

Erinnert Sie das an die Nachwende-Zeit? Da gab es auch viel Enttäuschung im Osten.

Ein wenig, aber wirklich nur ein wenig. Auch 1989 zeigte sich eine enttäuschte Staatsgläubigkeit. Im November 2014 benutzten viele das gleiche Demonstrationsmuster wie 1989.

Hat Sie das als einer, der die friedliche Revolution vorangetrieben hat, nicht empört?

Nein. Was mich empört hat, war die politische Instrumentalisierung durch Rassisten und Rechtsextremisten. Für das kollektive Bewusstsein der Dresdener spielt der 19. Dezember 1989 eine nicht zu unterschätzende Rolle. Helmut Kohl sprach damals vor 60.000 Menschen, die mit Deutschlandfahnen gekommen waren. Die Leute haben nach Deutschland gerufen, nicht nach der Bundesrepublik. Die Pegida-Demonstranten taten im Winter 2014/15 dasselbe. Dass sie dafür politisch und medial beschimpft wurden, hat viele zunächst irritiert und später verhärtet. Sie brachen westdeutsche Tabus, ohne es zu wissen.

Liegt darin auch eine Chance?

Mittlerweile finden mehr Gespräche. Es schwant langsam allen, dass da auch ein Verständigungsprozess zwischen West- und Ostdeutschland nachgeholt wird.

Was muss getan werden, damit dieser Diskurs fruchtbar wird?

In Sachsen gibt es viele gute Ingenieure, die glauben, man könne eine Gesellschaft technisch organisieren. Was wir brauchen, ist geisteswissenschaftliches Know-How und die Einsicht, dass eine Gesellschaft nicht konstruiert werden kann. Es wundert nicht, dass im Land der Tüftler gute PISA-Ergebnisse erzielt werden. Zugleich mangelt es an humanistischer Bildung, die sich nicht begnügt mit Funktionalitäten oder der Verwertbarkeit der Ressource Mensch. Woran es mangelt, ist Menschlichkeit.

Das Gespräch führte Susanne Kailitz

Frank Richter (56) engagierte sich während der friedlichen DDR-Revolution. Von 2009 bis Ende 2016 leitete er die sächsische Landeszentrale für politische Bildung. Nun ist der Theologe Geschäftsführer der Frauenkirche

06:00 05.01.2017

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