Es riecht noch immer nach Frittierfett

Kino Alles neu bei der Berlinale? Unsere Autorin befasst sich mit dem neuen „Leitungsteam“ und muss erkennen: Beim Kampf für eine bessere Welt geht es eher gemächlich zu
Es riecht noch immer nach Frittierfett
Der Hottie und die Selbsternannte: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Heute geht die Berlinale los. Vorbereitungshalber gehe ich auf die Webseite. Da steht, es würde sich mit dem Festivalbeginn, am 20. Februar, um einen „glanzvollen Auftakt“ handeln, mit vielen „internationalen und nationalen Gästen“. Das ist gleich wieder sooo Berlin. Man denkt sofort an SPD und BVG, an Schneeregen, Baustellen und Frittierfett.

Scrollt man nach unten, wird die Sektion „Forum Expanded“ angepriesen: „Forum Expanded 2020: Reflexion einer sprachlosen Gegenwart“. Auch nach Dieter Kosslicks Weggang bleibt die Berlinale hin und hergerissen – zwischen unbeholfenen Versuchen, „Glamour“ zu erzeugen und sich intellektuell zu geben. Berlinale bleibt Berlinale. Gleichzeitig bieder und erratisch. Das muss man erstmal hinkriegen.

Dieter Kosslick ist weg und im Zuge der Anstrengungen um eine gerechtere und bessere Welt gibt es jetzt ein „Leitungsteam“. Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) und Carlo Chatrian (künstlerische Leitung). Eine Frau und ein Mann. Warum denn eigentlich? Hätten es nach jahrtausendelanger Männerherrschaft nicht auch mal zwei Frauen sein dürfen? Haben sie zuerst den Mann ausgesucht und die Frau dann dazugematcht, oder umgekehrt? Durften die beiden sich vorher kennenlernen, oder wurden sie zwangsverheiratet?

Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass Mariette Rissenbeek Mitglied der dreiköpfigen Findungskommission für die neue Berlinale Leitung war (die anderen beiden: der damalige Chef der Senatskanzlei Björn Böhning und Monika Grütters) und dass Rissenbeek sich selbst ernannt hat, also man könnte sagen: Mariette Rissenbeek hat sich selbst gefunden.

Aber muss man das negativ sehen?

Bestimmt ist sie total kompetent, und wer sollte das besser beurteilen können als sie selbst. Eigentlich gefällt mir der Move sogar. Sie wird sich um das Wirtschaftliche kümmern und „Carlo den Rücken freihalten“, wie sie in einem Interview mit der Pforzheimer Zeitung sagte. Den Rücken freihalten, damit er sich ums Künstlerische kümmern kann. Rissenbeek ernannte sich also selbst, kuratierte sich einen jüngeren Hottie (Chatrian) dazu, um dann sofort in die klassische Hausfrauenrolle der patenten Rückenfreihalterin zu schlüpfen. Wer wollte ihr das verdenken. Der menschliche Faktor spielt eben immer mit rein.

Wie im Mittelalter: der rote Teppich

Ich aber glaube erst dann an eine bessere Welt, wenn die Berlinale von zwei asiatischen Transfrauen im Rollstuhl geleitet wird. Oder vielleicht auch nicht. Ich glaube sowieso an gar nichts mehr. Warum sollten die irgendwas besser oder anders machen? Das wären dann ja leider auch wieder nur Menschen.

Vielleicht ist ja auch schon alles gut so, wie es ist. Die Berlinale ist ja noch nicht mal richtig losgegangen, der rote Teppich noch nicht ausgerollt.

Obwohl. Der rote Teppich. Auch schon wieder so ein wunder Punkt. Hinterfragt den doch bitte endlich mal. Frauen auf Hackschuhen mit Dekolletés und Männer in Anzügen steigen aus Limousinen und stellen sich huldvoll lächelnd in Blitzlichtgewitter. Das Volk steht Spalier wie im Mittelalter. Oben und unten. Autogrammjäger und Stars. Ungleichheit, Privilegien, Macht, Geld, Sex.

So lange es den roten Teppich gibt, glaube ich nicht daran, dass die Filmbranche es mit der Weltverbesserung ernst meint. Aber wer tut das schon? Bringt ja nix. Lieber noch ein bisschen Spaß haben, auf dem (roten) Teppich bleiben und in die Kameras sagen, wie wichtig einem Gleichberechtigung sei.

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13:27 20.02.2020

Ausgabe 32/2020

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