Es riecht nach Mensch

Religion Terror im Namen des Glaubens, Gedächtniskitsch um Martin Luther: Wir brauchen keinen Gott, wirklich nicht
Klaus Ungerer | Ausgabe 04/2017 32

Weltweiter Terror durch religiös Benebelte. Lautes Kirchengedöngel jeden Sonntag, wenn man mal ausschlafen oder in Ruhe ein Buch lesen will. Und jetzt auch noch ein Superjahr für Luther, den polternden Boss-Antisemiten. Gott nervt unglaublich. Und im Moment ganz besonders.

Gerne würde man sein Andenken ja in Ehren halten, respektvoll seiner Verdienste als Begleiter der Menschheit gedenken, als faszinierendes kulturelles Phänomen, als großer Gesellschaftsordner. In einer Mischung aus Respekt und Widerwillen könnte man seiner Spur durch die Jahrtausende folgen, bis zurück zu Echnaton, der den Mono-Gott, diesen imaginären Freund, einst erfand. Milliarden von Menschen hat er wirklich viel bedeutet – in der Kindheit der menschlichen Historie, der wir nach schlappen fünf Millionen Jahren immer noch zu entwachsen bemüht sind. Man vergleiche uns mal mit Erfolgsmodellen der Evolution wie Farnen, Asseln oder Spinnen: Dagegen sind wir stolzen Menschenkinder bloß ein Fünkchen im Gewitter.

Das Problem: Gott, der lang schon Tote, hat längst zu stinken begonnen. Seit einigen Jahrhunderten schon kann jeder halbwegs gebildete Mensch die Idee als unhaltbar und beschämend kurios erkennen: Ein allmächtiges Wesen, dessen Ursprung niemals erklärt wurde – lebt es? Ist es unbelebt? Ist es irgendetwas dazwischen? Jenes Wesen habe also das Universum mit all dessen physikalischen Gesetzen, mit der betäubenden Unendlichkeit und Milliarden von Sonnen und Planeten erschaffen.

Löckchen und Lammfleisch

Und das gleiche Wesen soll nun, im Jahr 2017, ein ernsthaftes Interesse daran haben, dass man, um nur einige der bizarren Regeln anzuführen, die ihm zugeschrieben werden, a) Löckchen an den Ohren trage, b) auf gar keinen Fall einen Baconburger bestelle, sondern wenn, dann einen Lammfleischdöner, c) Statuetten von gefolterten, halbnackten Bärtigen in jedes Klassenzimmer jeder Schule hänge, d) homosexuelle Liebe für etwas Schlimmes zu halten habe, etc. pp. Man könnte jetzt seitenlang groteske Vorschriften aufzählen, die nach Borniertheit, Kleinlichkeit, Machtgeilheit, Unterdrückungslust, Narzissmus und Dämlichkeit riechen, kurz: nach Mensch.

Nachdem man hoffte, endlich aufgeklärten Zeiten entgegenzugehen, ist die Religion nun wieder dabei, ihr Haupt zu erheben, genauer gesagt: einige ihrer besonders hässlichen Häupter. Damit sind nicht nur die Gewaltexzesse islamistischer Formationen gemeint, nicht nur die Morde durchgeknallter Pseudochristen an Abtreibungsärzten, nicht nur die Absurdität eines Arche-Noah-Erlebnisparks in den USA. Auch hierzulande fordert die Religion immer noch, sich auf uralte Märchenbücher stützend, was sie für ihr Recht hält. Dass man am Karfreitag nicht tanze und nicht Das Leben des Brian aufführe. Dass man Kleinkindern ohne medizinischen Grund an der Vorhaut herumschnippele. Dass die Kirche ihre diakonischen Jobs je nach Glaubensbekenntnis vergeben dürfe. Und das alles in einer Zeit, da Gott sich allenfalls noch – wenn man unbedingt an der Idee von ihm festhalten wollte – irgendwo hinterm Urknall verorten ließe, von wo aus er vielleicht Gravitationswellen als Gruß sendet, die der menschliche Geist vorhergesagt und nachgewiesen hat. Schon lange ist es ein schlechter Witz, am lieben Gott als einer Vaterfigur, die sich um alles kümmert, festzuhalten. Ein Blick auf die Realitäten der Welt macht es klar: Es kümmert sich keiner. Wir müssen uns selber kümmern.

Dennoch scheint ein allgemeines Einverständnis vorzuherrschen, dass Religionen einen besonderen Schutz zu genießen hätten. Immer noch umgibt sie die Aura des Ehrwürdigen bis Unantastbaren, so wie die hundertjährige Erbtante, die zwar nichts mehr sieht und kaum noch hören kann, dafür aber umso lauter ungefragt reinkrächzt in jedes Gespräch.

Menschen, die sich als religiös bezeichnen, genießen ein sonderbares Vorrecht: jede sinnvolle Debatte unterbinden zu können, wenn sie spüren, dass der argumentative Grund unter ihren Füßen wackelig wird. Es ist bezeichnend, dass wir Satiriker benötigen, um das Offensichtliche zu benennen. Im Nachgang des Charlie-Hebdo-Massakers sprach Oliver Maria Schmitt, ehemaliger Chefredakteur der Titanic, aus, was die Grundlage einer aufgeklärten Gesellschaft zu sein hätte: „Im Zusammenhang mit religionskritischer Satire hört man immer wieder den unsinnigen Vorwurf: ‚Aber damit verletzt ihr doch die religiösen Gefühle anderer.‘ Ich frage mich: Was soll denn das sein, ein ‚religiöses Gefühl‘? (...) Ist das Gefühl eines aufgeklärten Geistes weniger wert als das Gefühl eines religiösen Einfaltspinsels? Es ist aufklärerische Menschenpflicht, jede Religion immer und überall zu kritisieren.“

Das war ein seltenes Licht in überschatteten Zeiten. Überschattet nicht nur vom Irrationalismus des Wachstumsglaubens, sondern auch vom Obskurantismus abergläubischer Weltanschauungen. Glaube ist ein Aberglaube, der über das Hosentaschenformat hinausgewachsen ist, mächtige gesellschaftliche Strukturen ausgebildet hat und, mehr als das Wochenhoroskop, für Hierarchie und Unterwerfung steht: Wer glaubt, ordnet sich unter, gibt Verantwortung ab. Das ist das Gegenteil von einem freiheitlichen, demokratischen Menschenbild, das Gegenteil von Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Immer und überall sind es Männer, die unter viel Brimborium eine quasi magische Macht für sich beanspruchen – basierend auf den Erkenntnissen früherer Kriegsherren wie Mohammed, charismatischer Outcasts wie Jesus oder auch offensichtlicher Scharlatane wie Scientology-Gründer L. Ron Hubbard oder Mormonen-Urvater Joseph Smith.

Gibt es denn tatsächlich noch viele Menschen, die ernsthaft an die Kekswerdung Christi glauben? In Berlin leben aktuellen Studien zufolge drei Viertel der Bevölkerung ohne einen ernsthaften Glauben an Gott, und bohrt man bei denjenigen nach, die sich als „spirituell“ bezeichnen, bleibt meist nicht viel mehr übrig als ein warm waberndes Gefühl der Aufgehobenheit im Universum, das auch ein Atheist problemlos empfinden kann. Überall, wo Menschen der Kontakt mit Bildung vergönnt gewesen ist, spielen Fragen nach Engeln, dem Paradies oder der Hölle keine Rolle. Sondern dringendere und konkretere Probleme: Wie speisen wir die Menschheit, gibt es Zugang zu Wasser für alle? Wie vermeiden wir Kriege, wie schaffen wir Verständnis untereinander? Wie geben wir den Chancenlosen Hoffnung? Doch wohl nicht durch das Gebet zu einem reformierten Tyrannen.

Jesus, begabter Rhetoriker

Die Initiative „Pro Reli“ plakatierte einmal den Slogan „Keine Moral ohne Gott!“ – ein unethischer Akt. Dass religionsfreie Menschen unmoralischer als andere agieren, davon ist jedenfalls nichts mitzubekommen, für Selbstmordanschläge aus angeblichen Glaubensgründen fehlt ihnen schon mal die Motivation. Ganz oft sind „Ungläubige“ liebevolle Partner und Eltern, engagieren sich für die Umwelt, kümmern sich um Geflüchtete, verhindern Nazi-Aufmärsche, geben Bettlern Geld, retten Tiere. Niemand hat dafür einen Gott nötig oder gar dessen phallisch gereckten Zeigefinger. Die meisten Menschen sind von sich aus moralisch – weil Jahrmillionen der Evolution sie zu sozialen Wesen gemacht haben.

Etwas schade ist es ja um Jesus von Nazareth. Um den Philosophen, dessen Vermächtnis von religiösem Brimborium überlagert worden ist. Die Botschaft der Nächstenliebe und Toleranz ist ein Wendepunkt der Geistesgeschichte: Jeder Mensch hat einen Wert, niemand soll sich über andere erheben, niemand andere verletzen: Das ist ein Kurzabriss der Menschenrechte, das ist die Grundlage all dessen, wofür unsere Gesellschaft stehen sollte. Formuliert hat sie ebendieser Jesus von Nazareth. Gott war dabei nur eine rhetorische Formel, die sich problemlos abziehen lässt – wodurch die Botschaft an Überzeugungskraft gewinnt. Denn du sollst nicht gut sein zu anderen, weil es dir jemand befiehlt. Sondern weil du selbst es für richtig hältst und weil es für alle das Beste ist.

Heute brauchen wir keinen Gott. Brauchen uns nicht gemeinzumachen mit irrationalen, Jahrtausende alten Gespinsten. Denn wir haben uns: das Häuflein halbwegs intelligenter, halbwegs liebesfähiger, weit überwiegend friedliebender Zweibeiner auf diesem abgelegenen Planeten auf einer ovalen Umlaufbahn um einen minder bedeutenden Stern.

06:00 22.02.2017

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