Es sind nur Sekunden

Zeitgeschichte Der Australier Michael O’Brien wurde vor gut 35 Jahren zum Pionier. Während eines Rugby-Spiels zwischen England und Wales setzte er sich als Stadionflitzer in Szene

Es gibt sie kaum oder nur noch, wenn eine Panne passiert. Als beim Halbfinale der Fußball-EM 2008 zwischen Deutschland und der Türkei die Übertragung zusammenbrach und das ZDF Bilder zeigte, die das Schweizer Fernsehen ohne Zensur der UEFA sendete, da lief plötzlich der Spanier Jaume Marquet i Cot über den Platz. Er trug ein T-Shirt, auf dem Tibet is not China stand. Der Auftritt dauerte so lange, wie Flitzer-Auftritte dauern: wenige Sekunden.

Marquet i Cot ist besser unter seinem Künstlernamen Jimmy Jump bekannt, und nur weil die Sendeanstalten – mit der löblichen Ausnahme des Schweizer Fernsehens – die Auftritte von Jump und seinen Kollegen nicht mehr zeigen, heißt das nicht, dass es keine Flitzer – englisch: Streaker – mehr gäbe. Allein 2010 hat der 34-jährige Jump einige große Auftritte hingelegt: Beim Eurovision Song Contest in Oslo lief er während der Darbierung des spanischen Sängers über die Bühne. Beim Budapester Fußballderby zwischen Ferencváros und Újpest flitzte Jimmy Jump, und auch beim Finale der spanischen Wasserballmeisterschaft zeigte er sich. Der größte Coup des Jahres hat nur fast geklappt: Kurz vor Anpfiff des Fußball-WM-Finales in Südafrika zwischen den Niederlanden und Spanien lief Jimmy Jump über den Rasen, hin zum ausgestellten WM-Pokal, um diesem eine schwarz-rote Baskenmütze aufzusetzen. Doch er schaffte es nicht.

Jimmy Jump betreibt sein Flitzen professionell. Mit dem Finale der French Open im Tennis 2009, dem Endspiel um die Rugby-WM 2007, dem Fußball-Champions-League-Finale 2007 und dem Überqueren der Formel-1-Strecke in Barcelona während des Warm-Up hat er wirkliche Highlights gesetzt. Sieht man von der Mailänder Modemesse ab, wo er dem Anlass angemessen nur mit T-Shirt und Unterhose auftauchte, unterscheidet sich Jimmy Jump von der übrigen Flitzerszene deutlich: Er trägt Kleidung.

Eine Stunde später wieder auf dem Platz

Mark Roberts ist da ganz anders. Der 46-Jährige aus Liverpool trägt lieber nackt, und damit ist er noch erfolgreicher als der Spanier Jump. Roberts begann die Streaker-Karriere 1993 mit einem Weltrekord: Beim Hong Kong Sevens, einem der wichtigsten Profi-Rugby-Turniere weltweit, lief er erstmals. Und weil noch niemand je bei einem Spiel zweimal geflitzt war, wollte Roberts ins Guinnessbuch der Rekorde: „So war ich eine Stunde später wieder auf dem Platz.“ Gemeinerweise verhält sich das Guinnessbuch wie die meisten Fernsehanstalten: Sie schweigen die Streaker tot.

Mark Roberts hat mittlerweile schon Werbespots für Renault und die Unterhosenfirma Unno gedreht. Auch für BMW, Siemens, Sony und Nestlé hat er schon geworben. Ein Profi eben. Den größten Stolz empfindet Mark Roberts, dass er auf dem Cover des Buches The 19th Hole zu sehen ist, das von Zwischenfällen bei Sportereignissen handelt. Er lief einmal bei einem Golfturnier – auf dem Rücken stand Das 19. Loch, dazu ein Pfeil, der zwischen seine Gesäßhälften zeigte.

So etwas ist Juan James Rodriguez fremd. Der Amerikaner hatte mit dem Milliardär Alki David gewettet: eine Million Dollar, wenn er nackt in Sicht- und Hörweite von Präsident Obama flitzt. David hat sein Geld mit Film- und Fernsehproduktionen gemacht, Rodriguez wurde also von etlichen Kameras beobachtet und etwa drei Meter vor Obama festgenommen, streitet aber mit David bis heute über die Auszahlung. Weder Rodriguez noch Roberts noch Jump können von ihren Einnahmen leben. Zu ihren enormen Reisekosten kommen die Straf- und Bußgelder. Mark Roberts darf mittlerweile in ziemlich viele Länder nicht mehr einreisen. Während der letzten Fußball-WM war sein Reisepass eingezogen.

Schon 1799 nackt von Dorf zu Dorf

Als historisch erster Flitzer gilt ein Engländer, der 1799 für eine Summe, die heute etwa 800 Euro bedeutete, nackt von Dorf zu Dorf lief. So wie 1804 in Amerika der wohl berühmteste Sneaker der Geschichte: George William Crump flog zwar von der Universität, später aber wurde er in den US-Kongress gewählt und Botschafter der Vereinigten Staaten in Chile.

In den sechziger und siebziger Jahren gehörte Flitzen zu den vielfältigen Protestformen linker US-Studenten: 1970 riefen Studenten der University of Delaware die erste Maiwoche als die Go Naked Week aus. Das Time-Magazin berichtete schon 1973, es sei „ein rund um Los Angeles anwachsender Fimmel“. Dass der Begriff streaking, der eigentlich nur für jagen steht, fürs Nacktsprinten verwendet wird, geht auf eine Radioreporterin zurück, die 1973 einem Mass Nude Run an der University of Maryland beiwohnte. Live ging ihr „The are streaking me right now!“ – sie rennen an mir vorbei! – über den Sender. Bis heute sehr populär ist an der University of Michigan in Ann Arbor die Naked Mile am ersten Samstag im April.

Auch das Stadionflitzen ist ein Produkt der siebziger Jahre. Der Australier Michael O’Brien gilt 1974 als Pionier. Er nutzte ein Rugby-Länderspiel zwischen England und Wales. Im gleichen Jahr gab es auch die erste Streakerin: Laura Barton nutzte eine Aufführung der Shakespeare-Komödie Maß für Maß an der Universtität von Minnesota, um in blau-weißen Socken, weißen Tennisschuhen und mit einer Skibrille durchs Theater zu flitzen. „Die Dekanin hat mich später zu meinem Geisteszustand befragt“, erinnert sich Barton. „Ich dachte, sie wirft mich raus, aber gratulierte mir zu meinem feinen Streak.“

Der Engländerin Erica Roe gelang 1982 bei einem Rugby-Länderspiel zwischen England und Australien der „vielleicht berühmteste aller Streaks“, wie die BBC formulierte. Ein Bobby, der ihren Busen mit seinem Helm zu verbergen suchte, führte Roe ab. Danach wurde sie durch die Fernsehshows gereicht.

Abgefüllt mit Kannen von Lager

Die Flitzergeschichte ist reich an Höhepunkten: 1975 rannte Michael Angelow, „abgefüllt mit etlichen Kannen australisches Lager“, wie er zugab, völlig nackt über einen Kricket-Platz. 2002 tauchte Geordie Brynn Reed, ebenfalls unbekleidet, neben der Staatskarosse der Queen auf, als die Newcastle besuchte. „Sie war sehr professionell und schaute starr gerade aus“, lobte der Streaker.

Vanessa Richards lief 1997 bei einem Spiel der englischen Premier Division auf den Platz, um einmal ganz nah bei ihrem Idol Paul Gascoigne zu sein: Sie tanzte nackt vor dem Fußballer. Ähnliches unternahm 2000 Jacqui Salmond: Sie lief bei den British Open auf den Platz, um sich dem Golfprofi Tiger Woods nackt zu präsentieren. Was für etwa 15 Sekunden gelang. Ein Jahr zuvor war es Yvonne Robb gelungen, Tiger Woods zu küssen – am 18. Loch. Groß war auch der Auftritt von Melissa Johnson 1996 beim Tennis-Finale zwischen MaliVai Washington und Richard Krajicek: Sie war der erste Streaker auf dem heiligen Rasen von Wimbledon.

Der berühmteste deutsche Flitzer ist Ernst Wilhelm Wittig aus Bielefeld. 2005 bei einem Bundesligaspiel zwischen Borussia Dortmund und Arminia Bielefeld posierte er vor 76.000 Zuschauern am Mittelkreis wie ein Bodybuilder. Auch wenn er wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ schon fünf Monate im Gefängnis saß, wurde sein Foto doch zum Hauptmotiv der Werbekampagne einer Zeitschrift.

Um die historische Würdigung der Streaker-Leistungen kümmert sich die Website www.streakerama.com, die auch eine Hall of Fame – eine Ruhmeshalle der weltbesten Flitzer – eingerichtet hat. Den vielleicht allergrößten Auftritt eines Streakers hatte der berühmte Mark Roberts 2004 bei der Super Bowl des American Football in Houston (Texas). Er lief kurz vor Beginn der zweiten Hälfte auf den Platz, tanzte ein wenig und wurde abgeführt. Doch er wurde im Fernsehen nicht gezeigt. Und – schlimmer noch – kurz zuvor hatte die Sängerin Janet Jackson mehr oder weniger aus Versehen ihren Busen gezeigt. Dieses „Nipplegate“ stahl Mark Roberts die Schau. Medial betrachtet gibt es halt keine Flitzer mehr.

Martin Krauß arbeitet als Sportjournalist in Berlin, bevorzugte Themen sind Boxen, Fußball, Schwimmen und Doping

10:22 25.12.2010

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