„Es wäre ein großes Glück“

Porträt Frank Rösner will kurz vor der Rente endlich Lehrer werden. Für uns hat er aufgeschrieben, woran sein Traum 30 Jahre scheiterte

Ich wäre gern Lehrer geworden! Durch elterliche Lenkung und Beratung habe ich den falschen Beruf gelernt. Funkmechaniker ist ein elektronischer Beruf, denn mein Vater schwärmte für Elektronik. Heute ähnelt diese Arbeit wohl am ehesten der eines Mechatronikers, an der Schnittstelle von Mechanik, Elektronik und Informationstechnik. Nach einigen Jahren Praxis in dem Beruf und der Ableistung des Militärdienstes schaute ich mich um, was denn noch so für mich infrage käme. Da fand ich das Lehrerstudium, am Ort!

An der Pädagogischen Hochschule Erfurt wurde ein Studium für Polytechniklehrer mit Vorkurs – um das Abitur, also die Hochschulreife zu erreichen – angeboten. Ich stellte kurzerhand einen Antrag auf Immatrikulation. Das Studium bildete Lehrer für die Fächer ESP (Einführung in die sozialistische Produktion), Werken und Technisches Zeichnen aus. Als erstes bekam ich die Einladung zum phoniatrischen Test. Lehrer ist ein Sprecherberuf. Also rein in die schalldichte Telefonzelle des Institutes der medizinischen Akademie Erfurt und so laut wie möglich „Sport frei“ rufen: Schon hatte ich meine Stimmgenehmigung in der Hand.

Als der Bescheid mit der Zulassung zum Studium kam, habe ich dann doch noch mal Fracksausen bekommen und mich um ein Jahr zurückstellen lassen. Es war einfach schon eine Weile her, dass ich auf der Schulbank saß. Es machte mir Angst.

So nahm ich an der Volkshochschule in Erfurt noch einen Auffrischungskurs in Mathematik und Physik, was sich im Nachhinein als äußerst sinnvoll herausstellen sollte. Auch die Tatsache, sich nun in ein Lehrerstudium zu stürzen, hat mir dann etwas weiche Knie erzeugt. Für einen Facharbeiter bedeutete dies ja auch einen nicht unerheblichen finanziellen Einschnitt.

Im Vorkurs war es dann sehr hart. Es wurde uns in nur einem Jahr eine komprimierte Hochschulreife unter Universitätsbedingungen (also Vorlesung und Seminar) eingetrichtert. Das hatte natürlich zur Folge, dass einige bald die Segel strichen. Und obwohl ich mathematisch begabt war, hatte ich ausgesprochene Probleme mit der Infinitesimalrechnung. Meine Devise war von Anfang an: bloß irgendwie durchkommen und zum Studium zugelassen werden! Am Ende des Vorkurses im Sommer 1983 und den anschließenden Prüfungen entfuhr allen, die es zu Ende gebracht hatten: Geschafft!

Die Notlösung

Zu wenige Lehrer und immer mehr Schüler: Nach einer offiziellen Prognose wird die Zahl der Schüler bis 2030 bundesweit um 278.000 auf 11,2 Millionen steigen.Aber es gibt immer weniger Lehrkräfte, dieser Mangel zeigt sich vor allem an Grundschulen. Diese Lücke soll nun vielerorts mit Quereinsteigern geschlossen werden. Doch die sind zum Teil völlig unzureichend vorbereitet.


In Berlin ist die Lage besonders dramatisch: Der Anteil an Lehrern ohne Lehramtsausbildung ist da besonders hoch. Weniger als 40 Prozent der neu eingestellten Lehrer haben in diesem Schuljahr eine reguläre Lehrerausbildung. Der Rest sind Quereinsteiger oder „Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung“, sogenannte LovLs. Politiker bezeichnen sie gern als „Notlösung“. Auch in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wird auf Kante genäht. Zu den sogenannten Mangelfächern zählen Mathematik, Physik, Chemie, Kunst, Musik, Ethik und Latein. Formal wird im Schuldienst zwischen Seiten- und Quereinsteigern unterschieden. Seiteneinsteiger haben weder Lehramt studiert noch ein Referendariat für das Lehramt durchlaufen. Auch Quereinsteiger, die in den Lehrerberuf einsteigen, haben nicht auf Lehramt studiert, im Gegensatz zu Seiteneinsteigern besteht bei ihnen aber die Pflicht auf Abschluss eines Referendariats. Seiteneinsteiger kommen in der Regel direkt aus ihrem Beruf an die Schule.

Gute Einstellungschancen bestehen, wenn sie mehrjährige Berufserfahrung mitbringen, die in manchen Bundesländern auch vorausgesetzt wird. Vielfach werden zusätzlich (pädagogische) Qualifizierungsmaßnahmen angeboten.

Und damit dann auch alle Studenten und Studentinnen merken, was sie hier eigentlich studieren, standen wir schon im ersten Monat des Studiums als Vertretungslehrer vor einer echten 6. Klasse! Ich habe sofort gemerkt, das ist mein Ding. Ich hatte keine Disziplinprobleme mit den Schülern, das Vorbereiten und Unterrichten ging mir von der Hand. Flexibel reagieren konnte ich auch. Kommilitonen hatten da echt wesentlich mehr Probleme. Man sprach mir sogar Talent zum „Kanter“ zu, wie der Mann am Katheder früher umgangssprachlich genannt wurde.

Die fachliche Stoffvermittlung war uns Studenten viel zu tiefgründig, während die pädagogische Ausbildung schwer zu wünschen übrig ließ. Die Kurse zum dialektischen und historischen Materialismus waren zeitraubend, nervend, dafür allumfassend. Mir war von Anfang an die Kinder- und Entwicklungspsychologie sehr nahe, was freilich auch dem hervorragenden Dozenten geschuldet war und mich zu intensiven freiwilligen Selbststudien bewog. Den Überblick über die Pädagogik musste man sich im Lesesaal selbst anlesen, was problemlos möglich war, denn man konnte sich auch reichlich Literatur aus dem kapitalistischen Ausland ausleihen. Ich erinnere mich daran, wie am späten Abend die Lesesaalaufsicht leise neben einen trat und zum Beenden der Studien gemahnte, denn der Saal werde nun geschlossen.

So habe ich in der DDR ein halbes Lehrerstudium absolviert, mich dann aber für die einstweilige Kinderaufziehung (was für ein merkwürdiges Wort) entschieden. Mit dem neuen Wissen, dass die Antibabypille nur ein 97-Prozent-Verhütungsmittel ist, haben wir uns entschlossen: Einer muss arbeiten gehen. Auch in der DDR war es, bei aller Unterstützung, für ein Studentenpaar mit Kind nicht leicht, finanziell über die Runden zu kommen. Da die Mutter in Leipzig studierte und in Erfurt ja die Wohnung zu halten war, reichten die zwei Stipendien hinten und vorn nicht. Das lag weniger an der Miete, die wohl 32 Mark betrug, als an den anderen Kosten, die eben für ein Kind und den Bedarf zweier Studenten anfielen.

So übernahm ich einen Job als Monteur und sicherte damit auch das Studium der Mutter mit ab, immer in dem Glauben, das eigene Studium irgendwann fortzusetzen.

Ich konnte es dann leider nicht wieder aufnehmen, da es, unter anderem, diese Wende gab. So um 1989. Auch wurde im neuen Land meinen ehemaligen Kommilitonen, wohl im Zuge des Einigungsvertrages, das Diplom aberkannt.

Wer im Schuldienst war, durfte berufsbegleitend nachstudieren. Heute sind alle ehemaligen Kommilitonen meiner Seminargruppe in den verschiedensten Lehrersparten, in andere Berufe und auf alle Bundesländer verstreut.

In der Wendezeit leitete ich, mittlerweile 32 und umgezogen ins thüringische Hildburghausen, dort einen Jugendclub. Zuvor hatte die Stadt immer den Jugendclub organisiert, stellte den Leiter und die Mitarbeiter. Diese Stellen wurden abgebaut, und ich musste die Organisation und Leitung selbst übernehmen. Und so war ich Inhaber einer Diskothek (der Tanzsaal des ehemaligen Jugendclubs) und eines Bistros. Ich wollte mit Jugendlichen arbeiten und war nun Kneiper! Für Gastronomie waren die Zeiten sehr hart. Da half auch ein Umzug mit dem Bistro nach Coburg und die Abwicklung der Diskothek nichts.

Nachdem diese Frau mir dann 1994 die Mitarbeit und die Ehe aufgekündigt hatte, stand ich allein im thüringisch-fränkischen Grenzgebiet. Und habe beschlossen, mich wieder aufs „Lehrergernsein“ zu besinnen.

Private Nachhilfe

In den Schuldienst war im fränkisch-bayrischen Coburg natürlich kein Reinkommen, da man die damalige Verbeamtungsaltersgrenze überschritten hatte. Ich war 37.

Während des Reinkommens und Absitzens des Regelinsolvenzverfahrens, das aus der Abwicklung des Bistros resultierte, habe ich wenigstens als privater Nachhilfelehrer gejobbt, vor allem für Mathe, Physik, Chemie. Gelegentliche Einsätze in institutionellen Einrichtungen, in dieser Zeit meist Fördervereine, brachten mehr Erfahrungen als Zählbares für die Haushaltskasse. Seitdem habe ich immer wieder irgendwie und irgendwo in und um Coburg in jedem lehrerähnlichen Job gearbeitet. Ob nun die einfache Nachhilfe oder die wesentlich anspruchsvollere Arbeit als Dyskalkulielehrer (Dyskalkulie ist eine kompensierbare Beeinträchtigung des arithmetischen Denkens) oder auch nur als Hausaufgabenbetreuer. Und nun habe ich, nach langem Betteln beim Jobcenter (mit knapp 60 Jahren) doch noch den Ausbilderschein machen können. Das bedeutet zwar noch nicht, Lehrer zu sein, aber man hat den Nachweis der Befähigung, sich vor Leute zu stellen und etwas erklären zu können. Natürlich war ich in meinem Kurs bei der Industrie- und Handelskammer der älteste Teilnehmer. Sogar älter als der älteste Dozent, was selbst für mich ein bemerkenswertes Gefühl war.

Um erst mal wieder Boden unter die Füße zu bekommen, bin ich als Freiberufler aktiv und bemühe mich, bislang vergeblich, um eine Festanstellung als Ausbilder, Berufsschullehrer oder ähnliches.

Demnächst werde ich mich – aus rein privaten Gründen – im Bundesland Thüringen als Aushilfslehrer (LovL) bewerben. Mal sehen, ob ich mit meinen Qualifikationen eine Chance als Seiteneinsteiger bekomme. Auch in Thüringen existiert der bundesweit bekannte Lehrermangel, vor allem in Naturwissenschaften. Zu dieser bundesdeutschen Lehrermisere habe ich mir über die vielen Jahre eine eigene Meinung gebildet.

Schon während meiner Studienzeit (1981 – ‘84) hatten wir an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt sogenannte Besuchsstudenten. Mit diesen Studenten aus dem NSW (Nicht-Sozialistisches-Wirtschaftsgebiet) sind wir natürlich abends gern auf ein Bier gegangen, auch wenn die Verständigung mit Finnen, Schweden, Japanern, Norwegern und Dänen schwerfiel.

Der Tenor dieser Studenten war: Das Schulsystem in der DDR ist wunderbar! Den sozialistischen Schrott raus und die zweite Kraft ins Klassenzimmer rein und voilà! Und genau das ist es, was diese Länder heute in den Schulen praktizieren. Mit Ausnahme von Japan sind es diese Länder, deren Studenten damals mit uns Bier tranken, welche in allen PISA-Studien weit vor der Bundesrepublik Deutschland liegen.Womöglich sollten die Verantwortlichen für das heutige deutsche Bildungssystem bei ihnen einfach mal hospitieren. Dann werden sie sofort erkennen, was zu tun ist. Eine Variante wäre, den Lehrer in der Regel (egal in welcher Unterrichtsform) mit einem ihm unterstellten Assistenten zu unterstützen. Das schont den Lehrer und hat verschiedene Vorteile für die Schüler. Schwächere bekämen Nachhilfe, und andere, wie Hochbegabte, würden extra beschäftigt.

Überflüssiger N. C.

Dadurch würde sich die für den Lernfortschritt notwendige Disziplin einstellen. Warum sind Polizisten immer mindestens zu zweit unterwegs? Das hat mich damals mal ein Finne gefragt. Mit ein bisschen Überlegung kann da jeder selbst drauf kommen, welchen Sinn das in der Schule machen würde. Wenn sich einer vorn der Tafel zuwendet, kann ich in der Klasse treiben, worauf ich Lust habe? Aber nicht, wenn ich weiß, dass da hinten noch jemand sitzt!

Es gibt also, aus den PISA- Studien geht es hervor, Länder, die ihre Hausaufgaben wohl deutlich besser gemacht haben als wir in der Bundesrepublik. Noch etwas: Numerus Clausus (NC) für das Lehramtsstudium geht gar nicht! Da müssen zwingend andere Testverfahren her. Es sollte sich doch ein wenigstens minimales Talent zum Lehrersein ermitteln lassen. Auch die Verbeamtung halte ich für kontraproduktiv.

Was habe ich hier in Bayern für Lehrer kennen lernen müssen – zum Beispiel beim Tennis und danach bei Bierchen.Solche, die eigentlich nur wegen der Verbeamtung Lehrer geworden sind und wegen der „Halbtagsarbeit“, woraus sie nicht mal einen Hehl machen. Die bekennen, dass sie sich nur so durch ihre Halbjahre schleppen, um der Pensionierung näherzurücken.

Die Ausdrücke, welche von solchen Personen für ihre Schüler gefunden wurden, möchte ich hier nicht weiter ausführen. „Nur blöde Schülerschnösel mit noch blöderen Eltern“ ist da noch einer der gemäßigteren. Aus meiner Sicht sollte der Dienstherr seinen Lehrern erst nach erfolgreich absolvierten 10 Jahren im Schulunterricht die Verbeamtung anbieten! Nur dann hat sich der Lehrer wirklich bewährt.

Ich arbeite mich nun durch die Internetangebote des staatlichen Schulamtes Südthüringen, um irgendeine Möglichkeit zum Seiteneinstieg finden. Bis knapp 66 kann ich arbeiten, das sind noch sechs Jahre. Vor einer Klasse zu stehen und zu unterrichten, wäre für mich ein später Glücksfall.

Info

Dieser Artikel ging aus einem Leserbrief hervor, der uns zum Anfang des Schuljahres als Reaktion auf einen Kommentar im Freitag zum bundesweiten Lehrermangel erreichte

06:00 12.11.2018

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