Es war der Mann im Mond

Quellenschutz für Wolfgang Neskovic Ratz batz ist ein Mikrofon an die Lampe gehängt

Seit dem ungeheuerlichen Anschlag auf die Souveränität der Volksvertreter ist die Demokratie wie gelähmt. Der dräuende Bürgerkrieg in Bayern, Seehofers bevorstehende Vaterschaft - Probleme von gestern! Erstmals seit 1949 stellt sich die Frage, ob der Parlamentarismus noch lebensfähig ist, wo doch die Geheimdienste längst die Richtlinienkompetenz der Politik übernommen haben. Eine Nachtsitzung jagt die nächste. Sondersendungen mit Peter Hahne aus einem abhörsicheren provisorischen Studio in einem Salzstock bei Suhl, das Spiegel-Sonderheft Die Macht der Schlapphüte und ein Spezial der Stiftung Warentest Mikrofone aus dem Bastlerladen - was können sie wirklich? heizen die Debatte an. Seit Tagen belagern Hunderte junge Leute die Baustelle des BND an der Berliner Chausseestraße - ihre Forderung: "Quellenschutz für Neskovic". Dieser wurde inzwischen an einen geheimen Ort in den Karpaten verbracht, denn es besteht die Gefahr, gedungene Schergen könnten ihn mundtot machen. Dagmar Enkelmann hat für ihre Partei Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht.

So hätte es kommen können. Stattdessen sitzt Neskovic allein bei Spaghetti mit Pilzrahmsoße und Apfelgelee in der Bundestagskantine und beugt sich angestrengt über seinen Teller. Er hofft, keiner möge ihn ansprechen. Aber das will auch keiner. Besser ist es, nicht mit ihm gesehen zu werden. Entweder weiß der Mann - Vertreter der Linkspartei im höchst geheimen Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG), das die Dienste kontrollieren soll - zu viel oder er wird als Aufschneider, Wichtigtuer beziehungsweise größter Scherzkeks in der Geschichte des Parlamentarismus in den nächsten Tagen öffentlich aufgegessen (und natürlich wegen Vortäuschung einer Straftat vor den Kadi geladen).

So hatte er vor Tagen schon einmal beim Mittagessen gesessen, doch da genoss er noch heitere Gesellschaft. Aufgeräumt plaudernd erzählte er einer Kollegin (war es die Vizepräsidentin des Hohen Hauses, Frau Pau, persönlich?), wie er in seinem Büro zwei notdürftig verborgene Mikrofone gefunden habe und sich vorsorglich - auch, weil er eigentlich längst nach Hause wollte - nichts dabei gedacht habe. Entdeckt wurden die Dinger - erst das eine, dann, bei einsetzender Nachsuche, das andere - als der Interviewer von Kontraste, weil ihm keine Frage für Neskovic mehr einfallen wollte, suchend-versonnen zur Zimmerdecke blickte.

Die erste Inaugenscheinnahme der Objekte ergab, dass sie erst jüngst angebracht worden sein mussten - sie trugen nichts von dem Staub, der sich in Abgeordnetenbüros für gewöhnlich absetzt. Nachdem Neskovic über seinen Zufallsfund erzählt hatte, setzte schlagartig Bewegung ein und zahlreiche Emotionen wurden frei. Vor allem die Angst, dass die Demokratie verloren sein könnte, wenn nun auch schon Mikrofone ... und so weiter. Der Ältestenrat des Bundestages rüstete sich zu Verhandlungen (Getränke und ein warmer Imbiss wurden geordert), ein Herr Stadler (FDP), der dem PKG vorsitzt, kündigte sehr ernste, bis in frühe Morgenstunden reichende Sitzungen an (Getränke, Imbiss). Wolfgang Thierse (SPD) kommentierte nicht unvorhergesehen, "unvorstellbar Lächerliches oder Bösartiges" müsse geschehen sein, der Vorsitzende des BND-Untersuchungsausschusses, ein Herr Kauder (CDU), schloss launig aus, dass "der Mann im Mond" die Geräte installiert haben könnte und in der Linkspartei spürte man den konspirativen Verfolgungsdruck, dem emanzipatorische Politik hierzulande ausgesetzt ist, abermals drückender werden.

Und heute? Schweigen wir! Oder sagen wir höchstens mit Wolfgang Thierse resümierend, was uns hier heimgesucht hat, sei "ein böser Scherz" gewesen. Für Thierse sind alle Scherze mit der Demokratie böse Scherze, Lausbübereien, gleichsam Leichenschändungen. Vielleicht hat eine Putzfrau gescherzt (die Putzfrauen werden wegen Scherzgefahr inzwischen ausgewechselt). Oder mit Neskovic ist plötzlich der Schalk durchgegangen - war er unterzuckert, gelangweilt, war es ihm peinlich, den Reporter ohne "News" nach Hause schicken zu müssen? Hat einer seiner Mitarbeiter gescherzt, um ein bisschen Ferienlagerstimmung aufkommen zu lassen (Zahnpasta auf Türklinken schmieren, Pyjamabeine zunähen oder manch anderes)? Hat sich der Kontraste-Reporter scherzhafter Weise seine Story selber inszenieren und Peter Hahne zuvorkommen wollen? Oder wollte hier jemand ganz im Gegenteil einmal besonders ernst sein? Und etwa sagen: Lieber Herr Neskovic, sie reden zu viel, zu schnell, zu unbedacht und zu diesem und jenem! Schauen Sie nur, wie leicht das geht - ratz batz ist ein Mikrofon an die Lampe gehängt!

Wie auch immer - der Abgeordnete Neskovic von der Linkspartei wird in die Annalen der Demokratie eingehen als der Abgeordnete, der nicht abgehört wurde. Ruhmloser kann man eine Legislaturperiode nicht hinter sich bringen.


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00:00 02.02.2007

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