Es war eine rauschende Saalschlacht

Münchner Theaterfestival SpielArt 2005 Bei den geladenen 22 Produktionen wurde eine Menge Porzellan zerschlagen

Der Papst ist Popstar, Michael Jackson stiftet eine Moschee - wir leben in mystischen Zeiten. Noch rufen die Universitäts-Dekane nach mehr Geld für die Wissenschaft, damit die Pisa-Unken nicht Recht behalten. Schon schließt sich die Phalanx der Verfechter von ungezügelter Leidenschaft und haltlosem Glauben. Wer nur hat die Ironie begraben, wieder Pathos und Obsession ausgerufen? SpielArt 2005 in München bekennt sich schuldig. Das biennale Theaterfestival hat heuer ebenjene Trias "Passion, Obsession, Pathos" auf seine Fahnen geschrieben, gleich unter "internationale Avantgarde". Und siehe da: es entsteht P.O.P.!

P.O.P., das sind "Bayerische Geishas" im Vorprogramm, Marthalers "Ersatzpassion"-Divas im Reifrock mit klassischem Liedgut. Mit Verve wird verkrusteter Alltagsschrott aufgemischt, Kitsch drauf gegossen, mit Multi-Media gedüngt und sich in Gesellschaftskritik gesuhlt. P.O.P. ist Pop. Wie ein Ball der einsamen Herzen von She She Pop und gemixte Soundtracks. Die haben heute alle - von den Fünfzigern bis Suzie Quattro, von Elvis bis Iglesias. A propos, die Kirche gehört selbstverständlich dazu. Von ihrer Inszenierung, siehe oben, kann das Theater lernen.

Oder hat es schon. Eine Ahnung davon gibt die kanadische One-Man-Show Bigger than Jesus: Cruci-Fiction für Anfänger, sozusagen. Willkommen in der "Kirche des Rationalen Denkens"! Schauspieler, Sänger, Autor und Mit-Regisseur Rick Miller reißt hemmungslos die Schamgrenzen nieder. Er ist Fernsehprediger, jüdischer Religionsdozent, Star Wars-Fan und Solo-Gospel-Chor. Der Einfachheit halber: Er ist Jesus. Er spielt im Sandkasten das Letzte Abendmahl nach, und er hat seine eigene Erklärung für die Ungereimtheiten christlicher Geschichtsschreibung, der "cHrISTORY". Er ist verführerisch. Nicht nur wegen Travolta-Hüftschwung, Schmachtstimme oder Brusthaar. Am unwiderstehlichsten ist seine Redeweise. Jedes Wort sitzt. Holy shit!, hier ist einer, der den Billy Grahams dieser Welt zeigt, was eine punch line ist. Unter Gottes dreieckigem Kameraauge wird Rick-Jesus zur Figur von Andrew Lloyd Webber. Wir lernen die Original-Beatles kennen - John, Luke, Mark und Matthew - aus deren Differenzen TNT wurde, The New Testament, welches auch den Antisemitismus begründete. Aber "das ist ein Wahlfach", spricht´s und zieht Bilanz: "Die Welt wäre ein viel sicherer Ort, wenn die Christen ihre Bibel als ... anregende Literatur lesen würden." Doch jeder missbraucht seinen Jesus wie er will, er ist public domain.

Nicht eben ein unumstrittenes Thema, aber das bayerische Publikum hatte Humor. Bei Aalst - A True Story von der Gruppe Victoria ist er uns vergangen. 1999 brachte ein belgisches Ehepaar seine beiden Kinder um. Im folgenden Prozess, aus dessen Protokollen das Stück entstand, trat das ganze Ausmaß der moralischen und emotionalen Verwahrlosung der jungen Leute zum Vorschein. Unglauben ist die gewohnte Reaktion auf derlei Ereignisse. Dem stellt sich die spartanische Inszenierung frontal und, bei aller Einfühlung, schonungslos. Katy (Lies Pauwels) und Kurt (Felix van Groeningen) sitzen auf zwei Stühlen vor Mikrofonen. Aus dem Off nimmt sie die Stimme des Richters ins Kreuzverhör. Tathergang, Vorgeschichte, Motive. Sie antworten höflich. Zwei Eingeschüchterte. Sie apathisch, er zappelig, beide stumpf. Und was schlimmer ist: ahnungslos. Was wirft man ihnen vor? Parasiten zu sein? Mörder und Kindesmisshandler? Bockig wehren sie sich. Die Sozialleistungen stünden ihnen zu, schlagen sei nicht gleich schlagen und den Kindern ginge es jetzt besser. Wohl wahr. "Faction" nennt der Regisseur Pol Heyvaert seine schwer verdauliche Seelengratwanderung. Anstelle der namensgebenden Stadt Aalst könnte man Hamburg setzen oder eine beliebige andere. Die Monster sind unter uns, aber wer hat sie gemacht?

Vielleicht ist es humaner, Konsumgüter abzufackeln als seine Kinder zu vernachlässigen? Nach guten hundert Minuten Bühnenverwüstung hat die spanische Truppe La Carnicería Teatro den Bogen von amerikanischen Cartoons bis zu den brennenden Vorstädten geschlossen. Laut Die Geschichte von Ronald, dem Clown von McDonals (sic!) lassen sich universelle Heimatgefühle am besten durch Markennamen, noch besser durch deren Omnipräsenz im öffentlichen Raum und am privaten Körper herstellen. Die Demonstration damit zusammenhängender Phänomene fällt nicht schüchtern aus. Die Siebziger grüßen die Anti-Globalisierungsbewegung. Einer hat seine Kinder mitgebracht, die scheinen sich dran gewöhnt zu haben. Papa und die anderen Halbnackten müllen den Raum zu und schimpfen auf die USA, die echten Schmerz und - als Vergessenstechnik - brutal lustige Trickfilme exportieren. Das Brachial-Spektakel ist eine Feier der Destruktion vom schönen Schein der kapitalistischen Wohlstandsideologie durch konkrete Lebenszeichen: Abfall, Chaos. Die Spanier üben Selbstkritik und hoffen auf den Umkehrschluss. In etwa: Cogito ergo Kyoto.

Eine auffallende Zahl der diesjährigen SpielArt-Stücke droht an ihrem eigenen Unrat zu ersticken. Bei Charlotte Engelkes´ Sweet ist es der allem beigefügte Zucker, der unsere Gesundheit gefährdet. Marie Brassard kämpft in Peepshow mit verzerrten Stimmen gegen mächtige sexuelle Sehnsüchte und existenzielle Einsamkeit. Grzegorz Jarzynas Risiko-Süchtige nehmen auf ihrem Selbstzerstörungstrip Dekor, Maske, Kostüme und das sprachliche Niveau gleich mit. Denn Konsumterror plus Armut ist gleich Gier und Fast food, in allen Bereichen. Heilig ist da nichts mehr. Das hat die Socìetas Raffaello Sanzio auch festgestellt, anlässlich des G8-Gipfels in Genua zum Beispiel. Damals sorgte die Polizei unter dem demonstrierenden Abschaum für Ordnung. Für Raffaello Sanzio ein Fall für ihre elfteilige Tragedia Endogonidia - und wieder spritzt Theaterblut.

Lauter Geschichten von mutwilliger und argloser Zerstörung. Demaskierungen, melancholische Abgesänge. Im Zentrum tobt die Revolution. Mit großer Geste wird geflucht, geliebt, gesudelt und gestorben. Als wär´s zum letzten Mal. Endzeitstimmung oder moralisch-geistiger Aufbruch? Jedenfalls ist bei den aus zwölf Ländern geladenen 22 Produktionen eine Menge Porzellan zerschlagen worden. Und ein paar Spiegel sind heil geblieben. In denen erkennt, wer mag, den Zeitgeist der Kritik. Oder die Trivialität aller Heiligkeit bei gleichzeitiger Erkenntnis der eigenen, abergläubischen, opportunistischen, sensationslüsternen Normalexistenz. Für all "die Männer, die nie führen gelernt haben, und die Sklavinnen der Fantasie", um She She Pop zu zitieren, war SpielArt 2005 eine voyeuristische Saalschlacht ersten Ranges.


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00:00 09.12.2005

Ausgabe 39/2020

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