Es war einmal

KURZ VOR DEM GIPFEL DER STURZ INS BODENLOSE Am Leipziger Schauspiel fand die Uraufführung der "Akte Böhme" von Eugen Ruge in der Regie von Andreas Dresen statt

Wir reden immer von mir." Für einen winzigen Moment bricht die Realität in das schäbige Zimmer, dessen Wände von einem mächtigen Schreibtisch im Hintergrund niedergedrückt werden - und, so scheint es, in das Bewusstsein seines Bewohners. Doch selbst dieser unscheinbare Satz, gleich zu Beginn des Abends gesprochen, zeugt von einer Verdrängung. Denn auch wenn sich zwei Personen auf der Bühne des Leipziger Schauspiels befinden, ist das "wir" nur sehr bedingt gerechtfertigt - "reden" wird von Manfred Ibrahim Böhme, wie ihn das Programmheft salomonisch nennt, im Laufe dieses eineinhalbstündigen Abends nur einer: Böhme selbst. Das allerdings lang und ausgiebig.

Lediglich einmal, mit einem Wort nur, springt Frau Winterfeld, die sich des Schwerkranken angenommen hat und ihn mit Schnaps und gelegentlichen Streicheleinheiten versorgt, ihm bei: "Neustrelitz", klärt sie Böhme über seinen Aufenthaltsort auf, an den er sich vor der Welt und - weiß er es? - zum Sterben zurückgezogen hat.

Böhme stirbt in Neustrelitz ist dieser Text von Eugen Ruge überschrieben, ein fiktiver Monolog über die sehr reale Biografie eines Mannes, der in Zeiten der "Wende" Ruhm erlangt hat, weil er kurz vor dem Gipfel seiner politischen Karriere ins Bodenlose abstürzte.

Als Manfred Otto in Bad Dürrenberg an der Saale geboren, erhält das Heim- und Waisenkind den Namen Böhme erst durch Adoption. Den Vornamen "Ibrahim" legt sich der Maurer und Lehrer, Kulturfunktionär und Hobby-Poet, Gelegenheitsarbeiter und Dramaturg später ebenso selbst zu wie den Geburtsort Mexico-City - und die Namen "August Drempker" und "Paul Bonkarz", unter denen er jahrzehntelang der Stasi "zuträgt", was er über Freunde und Bekannte weiß, die man dann "Dissidenten" nennen wird.

In deren Kreis aufgenommen zu werden, betreibt Böhme mit ähnlichem Ehrgeiz wie die Kandidatur für die Mitgliedschaft in der SED - um nach der Biermann-Ausbürgerung sein Parteibuch zurückzugeben und später öffentlich Sympathieerklärungen für die "Solidarnosc"-Bewegung abzugeben.

"Schillernd" wird gemeinhin eine solche Persönlichkeit genannt, die gleichwohl längst der Vergessenheit anheim gefallen wäre, handelte es sich nicht um den Vorsitzenden der SPD der DDR und Fast-Ministerpräsidenten, der sich im Wahlkampf gemeinsam mit Willy Brandt den Menschen zeigte, um sich anschließend mit dem "elder statesman" und Friedens-Nobelpreisträger "auf gleicher Augenhöhe" zu betrinken. "Ein großartiges Leben", diktiert Böhme dem Tonband, das Frau Winterfeld herbeigeschafft hat - oder doch "ein böser Traum"?

Das herauszufinden, hat sich die Inszenierung von Andreas Dresen vorgenommen, die im Dezember in der Neuen Szene Premiere hatte. Akte Böhme ist der Abend überschrieben, und schon der Titel gibt die Suchrichtung vor: Es sind ausschließlich "Opfer", zu denen sich heute in der "Gauck-Behörde" jene Unterlagen finden, die einst "Täter" zusammengetragen und in den Kellern der Stasi zwischen den Deckeln eines solchen "Aktes" archiviert haben.

Akte Böhme, so ist auch der zweite Text von Eugen Ruge überschrieben, der an diesem Abend zur Uraufführung gelangt, ein "Doku-Drama", das ausschließlich authentisches Material, wörtliche Zitate aus jenem "Akt" verwendet, der über das "Opfer" Böhme angelegt wurde.

Mit Bedacht hat Ruge das abwegigste Ereignis als Zentrum gewählt: Ende der siebziger Jahre wirft Böhme selbstgefertigte Flugblätter ("Lest Marx, nicht die falschen Propheten!") aus dem Fenster seines Zugabteils, um sich gleich darauf als Urheber zu erkennen zu geben. So banal der Vorgang, so lächerlich die Reaktion der "Organe": Eine langwierige Untersuchung läuft an, in deren Verlauf Kollegen, Behördenvertreter und "unabhängige" Sachverständige gehört werden, bis ein psychiatrisches Gutachten zu dem Ergebnis kommt, dass Böhme zwar harmlos, genau deshalb aber "für eine andauernde Tätigkeit nicht geeignet" ist.

"Wir reden immer von mir", hat Manfred Ibrahim Böhme (Matthias Hummitzsch) eben zu Frau Winterfeld gesagt, und von ihm spricht jetzt auch der Stasi-Offizier (Tobias J. Lehmann), der durch die Öffnung in der Wand aus Glasbausteinen getreten ist und nun mächtig am Schreibtisch hoch über dem kargen Bett in dem schäbigen Neustrelitzer Zimmer thront (Bühne: Matthias Fischer-Dieskau).

Von dort aus vernimmt und beobachtet Böhme ungläubig, wie die bürokratische Maschine in Gang gesetzt und am Laufen gehalten wird. Die Stützen der Gesellschaft (Olaf Burmeister, Jürgen Eilzer und Thorsten Duit in verschiedenen "Funktionen") liefern eilfertig ihre "Einschätzungen" über ihn und seine Tat ab, die akribisch abgestempelt und in Aktendeckeln verwahrt werden, um schließlich - hier öffnet sich überraschend eine Klappe des Schreibtisches, während sich dort eine andere krachend schließt - in den Archiven zu verschwinden.

Mit Bedacht hat der Regisseur Andreas Dresen Ruges eigenständige Texte, die Fiktion und das Dokument, zu einem Gewebe "montiert" (dies ist die erste Theaterarbeit des Filmemachers), und so erfährt der Zuschauer aus dem Mund der Stasi, was Böhme noch angesichts des Todes und selbst dem Tonband gegenüber einzugestehen sich weigert: "harte" Fakten der Biografie eines Mannes, der von sich selbst bis zum Ende sagt: "Ich habe immer nur schöne Märchen erzählt. Mehr nicht."

Tatsächlich klingt "märchenhaft", was sich Frau Winterfeld in einer Mischung aus Ermüdung und Sympathie vom Pflegefall Böhme anhören muss (Ellen Hellwig bewältigt die schwierige Aufgabe der bloßen Zuhörerin mit erfreulicher Präzision), der zunehmend herumdruckst und sich windet und dem die gelegentliche Selbstironie eher zustößt, als dass er zu ihr fähig ist.

Was im gleichen Maße für die Stasi und ihre Zuträger gilt. Deren Phrasendrescherei gibt sie zunehmend der Lächerlichkeit preis, die darin gipfelt, dass ein Major (Bettina Riebesel) schließlich als Zirkus-Dompteurin auftritt - just in jenem Moment, da sich Böhme "inhaltlich voll zur DDR bekennt".

Das Bild, das Dresen für diesen "Dressurakt" gefunden hat, lässt weiteren Theaterarbeiten (demnächst in Berlin) mit Freude entgegen sehen: Indem Böhme die Umrandung der Manege betritt, die eben noch als Mauer die engen Grenzen seines Zimmers beschrieben hat, überschreitet er zugleich die engen Grenzen, die seiner Integrität gesetzt sind. Den Kopf an die Brust der "Gorgo" geschmiegt, nimmt er mit kindlicher Genugtuung zur Kenntnis, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde und er sich fortan gänzlich ungeniert der Spitzeltätigkeit widmen darf - selbst wenn der Psychiater aus Böhmes Zimmer verkündet, dass der "für eine andauernde Tätigkeit nicht geeignet ist".

Vielleicht hat dieser allzu offensichtliche Widerspruch seitens der "Organe" Dresen veranlasst, die Perspektive auf das "Opfer" Böhme nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern zum Schluss der Inszenierung emphatisch zu betonen. Böhme stirbt in Neustrelitz, und bis zu seinem Tod im Bett bleibt er, in aller Widersprüchlichkeit, "intakt" - "menschlich", ist man geneigt zu sagen, denn kaum ist Böhme tot, "menschelt" es arg unter den langsam dunkler werdenden Scheinwerfern der Neuen Szene.

"Es war einmal", übernimmt Frau Winterfeld, die stumm an seiner Seite ausgeharrt hat, die Rolle des Märchenerzählers, um - die Premiere fand kurz vor Weihnachten statt - die Geschichte des kleinen "Mädchens mit den Schwefelhölzern" zu erzählen, das vom Stiefvater gequält wird und auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit ein Schloss findet, in dem "Onkel Lenin" ein Paradies auf Erden unterhält, das allen Mühseligen und Beladenen offen steht.

Doch, ach, so die traurige Moral von der Geschicht, so einfach ist der Sozialismus nicht. In Wirklichkeit war das arme Waisenkind ein Junge, und das Schloss erwies sich bei genauerem Hinsehen als Potemkinsches Dorf, hinter dessen Fassade sich eine Realität verbarg, die zwangsläufig Blessuren und Beschädigungen hinterlassen musste.

Frau Winterfeld mag für ihre naive Sicht auf die Geschichte gute Gründe haben, und wer wollte ihr das zum Vorwurf machen? Anders die Inszenierung. Indem sie der stummen (Zeit-)Zeugin ohne jede dramaturgische Not, allein aus "Mitgefühl", das letzte Wort überlässt, macht sie sich auch deren Geschichtsklitterung zu Eigen.

Damit verbaut sie sich zugleich und in Sekundenschnelle die Möglichkeit, die sie sich über neunzig Minuten in überzeugender Manier erarbeitet hat: Die Möglichkeit nämlich, Blessuren und Beschädigungen des Einzelnen zu benennen, ohne sein Handeln und dessen Folgen daraus erklären zu wollen, um so anhand einer sehr besonderen Biografie die Geschichte zahlloser anderer Biografien mitzuerzählen, die trotz ähnlicher Voraussetzungen zu anderem Handeln mit anderen Folgen geführt haben.

Mit diesem Schluss jedoch gerät die Akte Böhme zu einem privaten Poesie-Album, und es besteht wenig Anlass, sie an anderer Stelle zu einer anderen Zeit wieder aufzuschlagen - schon gar nicht im "Westen", der weiter auf ein zeitgenössisches Theaterstück warten muss, das ihm eine "Ost"-Biografie präsentiert, ohne, in dieser oder jener Richtung, mildernde Umstände für sie geltend zu machen.

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00:00 04.01.2002

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