Es war einmal in Zodia

Zypern soll über seine Zukunft selbst entscheiden Doch für viele Griechen auf der Insel ist der UN-Plan "ein Verbrechen"

Geröll bröckelt die kleine Halde hinunter und bleibt kurz vor dem ersten Orangenbaum liegen. Inmitten von rotbraunem Gestein und scharfkantigen Felsen des Troodos-Gebirges hat sich Pambos in den vergangenen zehn Jahren eine blühende Oase geschaffen. "Vier Monate habe ich allein dafür gebraucht, die untere Terrasse zu befestigen."

Der Berg ist kein einfacher Gegner. Aber Pambos (57), der Lehrer aus Nikosia, hat eine eiserne Geduld und das Warten gelernt. 30 Jahre lang. So lange ist es her, dass er sein Heimatdorf verlassen musste. Die Orangenbäume auf seinem Berg können sich noch so sehr anstrengen und mit ihren Blüten den süßesten Duft verströmen - gegen die Orangenhaine seiner Kindheit kommen sie nicht an. "In Zodia habe ich sie einst mit meinem Vater zusammen gepflanzt."

Es war einmal in Zodia... Das Dorf, in dem Pambos aufgewachsen ist, liegt 40 Kilometer vor Nikosia, der geteilten Hauptstadt Zyperns. Doch für Pambos und seine Familie ist es seit dem 14. August 1974, dem Tag ihrer Flucht, unerreichbar weit entfernt - dreifach verriegelt. Abgeschottet durch türkisch-zypriotische Posten, eine Demarkationslinie, in der die Blauhelme des Zypern-Kontingents der UNO patrouillieren, und die eigenen griechisch-zypriotischen Militärs. Ein Drittel der Bevölkerung wurde seinerzeit durch die türkische Invasion vertrieben. 30 lange Jahre durften Pambos und die anderen 200.000 Entwurzelten ihre Heimatorte im Nordteil der Insel nicht besuchen. Die türkische Armee schuf vollendete (politische) Tatsachen. Plötzlich gab es auf der Insel, die mit 9.000 Quadratmetern nur halb so groß ist wie Sachsen, zwei Staaten, die Republik Zypern im Süden und die Türkische Republik Nordzypern im Norden. Letztere ein selbst ernannter Staat, den außer der Türkei niemand anerkannte.

Regelmäßig saßen die Führer der Volksgruppen am Verhandlungstisch und diskutierten eine Lösung, während sich die Vertriebenen in ihre Dörfer zurück träumten.

Im April 2003 öffnete sich überraschend die Grenze für den Besucherverkehr. "In meinem eigenen Land sollte ich meinen Pass vorzeigen, um zu meinem Haus zu kommen", erinnert sich Pambos. Das muss man sich einmal vorstellen." Aber der Familienrat siegte. Großmutter, Schwester und Schwager fuhren nach Zodia. Sogar ihr alter Schlüssel passte noch ins Schloss, doch das Haus war nicht leer. Herzlich baten die Zyperntürken die Großfamilie hinein. Beinahe stumm durchstreifte sie die Räume ihrer Vergangenheit. Aus den Tiefen eines Kleiderschrankes holte der Sohn der türkisch-zypriotischen Bewohner einen verstaubten Schuhkarton hervor und drückte ihn den Besuchern in die Hand. Panayota, die Schwester von Pambos, musste sich setzen. In der Schachtel waren alte Fotos - Hochzeitsbilder, Kinderporträts - all das, was sie 30 Jahre lang vermisst hatten.

Für Pambos verwandelte sich von diesem Tag an der Traum wieder in Realität. "Ich werde unser Haus zurückbekommen, unser Eigentum! Alles andere ist eine riesige Ungerechtigkeit."

Denen kann man nicht trauen

Am 24. April nun sollen die Zyprioten bei einem Referendum über ein wieder geeintes Vaterland entscheiden! Bei weitem nicht das, was sie sich darunter vielleicht vorgestellt haben. Der UN-Generalsekretär will Zypern am 1. Mai politisch besenrein der Europäischen Union übergeben. Diese Absicht hat 9.000 Seiten detaillierte Regelungen für das erstrebte Zusammenleben von Zyperntürken und Zyperngriechen in einem Föderativen Staat mit zwei ethnisch mehr oder weniger homogenen Teilstaaten hervorgebracht. Bis hin zur prozentualen Farbverteilung auf der Flagge ist alles geregelt.

"Ich kenne diesen Plan nicht", erklärt Hilmi (55) und sieht vorsichtig über seine Brille. "Außerdem bin ich Geschäftsmann. Dazu werde ich mich nicht äußern." Entschlossen wendet er sich wieder seiner Nähmaschine zu, sein Stoffgeschäft in der nördlichen (türkischen) Altstadt von Nikosia floriert. Inzwischen schlendern viele Zyperngriechen durch die Basar-Gassen, um sich ihr Haus mit Stoffen - Gardinen, Kissen, Tischdecken - von Hilmi ausstatten zu lassen. Es ist zwar verboten, aber billiger. Obwohl Hilmi sich über das Gebaren mancher Griechen ärgert, die sich nicht einmal einen Gruß abringen, wenn sie seinen Laden betreten, bleibt er freundlich, aber seine Meinung steht fest. "Denen kann man nicht trauen!" Dieser Satz kommt aus seinem Mund, als hätte er sich trotz aller Vorsicht den Weg bahnen müssen.

Die geplante Reduzierung der 40.000 Mann starken türkischen Einheiten auf der Insel weckt bei ihm alte Ängste. "Das Gedächtnis der Zyperngriechen setzt immer erst 1974 mit der Invasion ein, was davor war, davon wollen sie nichts mehr wissen."

Gemeint ist die Zeit ab 1963. Drei Jahre zuvor hatte Zypern als Republik den Status einer britischen Kronkolonie ablegen können. Die ungleiche Machtverteilung zwischen den 80 Prozent Zyperngriechen und der Minderheit türkischer Zyprioten führte jedoch bald zu Spannungen - geschürt durch die Mutterländer. Die Folge: Terror, Verletzte und Tote auf beiden Seiten. Die Zyperntürken zogen sich in Enklaven zurück - zehn Jahre lang wurden sie dort von ihren griechischen Landsleuten belagert. "Unser Stadtteil in Nikosia war wie eine Festung", erzählt Hilmi. "Wenn wir Verwandte in Famagusta besuchen wollten, mussten wir an griechischen Militärposten vorbei, die das Stadttor kontrollierten. Bis zu zwei Stunden ließen sie uns warten. Als wir einmal UN-Soldaten um Hilfe baten, die dort patrouillierten, bekamen wir keine Antwort. Die griechischen Posten triumphierten: ›Das Land gehört uns. Wir machen hier, was wir wollen.‹"

Die Enklaven waren faktisch von der Außenwelt abgeschnitten. "Am schlimmsten waren die Toten und Vermissten", erzählt Hilmi. Er lässt nun doch die Nähmaschine ruhen und blickt die Gasse hinunter zur großen Moschee. "Auf den Straßen in der Umgebung konnte dich jederzeit ein Posten anhalten. Manchmal ließen sie dich weiter fahren, manchmal schossen sie einfach - von manchen, die festgehalten wurden, hat man nie erfahren, was mit ihnen geschehen ist."

Pambos sagt, er habe die Militäraktion der Türken damals vorausgesehen. "Ich kannte viele Zyperntürken, schon aus meiner politischen Arbeit bei der AKEL (Fortschrittspartei des Werktätigen Volkes) und bei den Gewerkschaften. Wir wussten alle, wie sie behandelt werden. Die Linke war sich damals einig darüber, dass es so nicht weitergehen konnte. Aber was sollten wir tun?"

Pambos hatte 1964 bis 1971 in der DDR Chemie studiert. Gerade als er mit seiner jungen Familie beginnen wollte, sich auf der Insel eine Existenz aufzubauen, überschlugen sich die Ereignisse. Der Putsch von 1974 gegen den zypriotischen Präsidenten, Erzbischof Makarios, initiiert von der griechischen Militärjunta, zog eine politische Säuberungswelle nach sich. Als Reaktion auf die Ereignisse ließ die Türkei ihre Truppen einmarschieren - in zwei Phasen besetzten sie zwei Fünftel der Insel.

"Wir flüchteten aus unserem Haus in die Berge nach Kakopetria", sagt Pambos. "Dort haben wir mit unseren zwei kleinen Töchtern, damals sieben und fünf Jahre alt, zwei Wochen unter Bäumen gehaust.

Wir dürfen nicht wohnen, wo wir wollen

Laut Annan-Plan wird Pambos sein Haus zurückbekommen. Das Territorium um Morphou fällt in drei Jahren an den künftigen griechisch-zypriotischen Teilstaat. Vom Land seines Vaters steht ihm nur ein Drittel zu. Für andere Vertriebene ist die Regelung komplizierter. Wenn ihr Besitz im türkisch-zypriotischen Teilstaat liegt, ist die Rückkehr der Zyperngriechen im prozentualen Verhältnis zur türkisch-zypriotischen Einwohnerzahl limitiert. Ein kompliziertes System von Obligationen regelt Rückgabe und Entschädigung. "Der Plan ist ein Verbrechen gegen Zypern", wettert Pambos. "Aber wir haben keine andere Wahl, wenn wir Frieden auf der Insel wollen."

Wie Hilmi am 24. April beim Referendum stimmen wird, will er nicht sagen. Aber wie bei den meisten Zyperntürken überwiegt auch bei ihm eher die Zustimmung. Vergeben bedeute Vereinigung, und Vereinigung bedeute Europa, und Europa bedeute wirtschaftlichen Aufschwung für den international boykottierten Norden.

Im Süden des Landes, der mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 74 Prozent des EU-Durchschnitts seine Prosperität ausstellt, ticken die Uhren anders. Die Menschen fürchten, EU-Bürger zweiter Klasse zu werden. "Die Anwesenheit von türkischem Militär in unserem souveränen Land wird legalisiert", meint Pambos, "aber wir dürfen nicht wohnen, wo wir wollen. Wir bekommen unser verlorenes Land nicht zurück, und unsere Steuern werden ausnahmslos in den Norden fließen, um die Wirtschaft dort anzukurbeln."

Kompromisse haben es in den bisherigen Verhandlungsrunden ermöglicht, dass die Zyprioten am 24. April überhaupt eine Entscheidung fällen können. Niemand weiß, ob seine Wahl richtig sein wird. Auch Hilmi hat Zweifel: "30 Jahre lang war Ruhe. Wer weiß, ob nicht in ein paar Jahren alles von vorn losgeht?"


00:00 09.04.2004

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