Es war kein böser Traum

Gedächtnisprotokoll einer Gefangenennahme Spießrutenlauf und Hochrufe auf den Duce

Vor wenigen Tagen erreichte uns ein Gedächtnisprotokoll unseres Autors Ulrich Brand, der am 21. Juli in Genua ohne erkennbaren Grund verhaftet, misshandelt und 72 Stunden festgehalten wurde. Brand hatte für den Freitag zuletzt aus Mexiko berichtet. Angesichts der Tatsache, dass immer noch Globalisierungsgegner verschwunden sind (s. Dokumentation aus der Weltwoche) und Premier Berlusconi versucht, mit der Absetzung von drei höheren Polizeikadern, der Öffentlichkeit Bauernopfern zu servieren, um von den wahren Absichten eines staatlich sanktionierten Polzeiterrors abzulenken, haben wir uns entschieden, den Augenzeugenbericht Ulrich Brands zu veröffentlichen - auch wenn die Ereignisse inzwischen drei Wochen zurückliegen.

Zu siebt nahmen wir am 21. Juli an der großen Demonstration in Genua während des G 8-Treffens teil - besser, wir wollten teilnehmen.

Gegen 15.30 Uhr - der Zug nähert sich dem Zentrum der Stadt - detonieren nicht weit von uns Rauchbomben, während gleichzeitig Tränengasgranaten in die Menge geschossen werden. Unter den Demonstranten bricht Panik aus, wir wollen zuerst zurückweichen, entdecken dann aber eine geöffnete Haustür und suchen im Inneren des Gebäudes zusammen mit etwa 100 Personen Schutz. Alle sind damit beschäftigt, die Augen auszuwaschen, als die Nachricht kursiert, unten stehe Polizei und wolle uns passieren lassen. Ich laufe also mit den anderen hinunter ins Erdgeschoss und werde dort unvermittelt von einem aufgebrachten Polizisten an meinem schwarzen T-Shirt zur Seite gerissen, er weist auf das darauf abgebildete Porträt von Subcomandante Marcos (Sprecher der Zapatisten in Mexiko - die Red.) und schreit »Terrorista, Terrorista ...« Ich versuchte weiter zu gehen, werde aber festgehalten und muss meinen Ausweis zeigen, der sofort eingezogen wird. Mein Rucksack fliegt auf den Boden - die Fotoausrüstung, eine Uhr, den Rucksack selbst, soll ich nie wieder sehen.

Zusammen mit einem Italiener, von dem ich später erfahre, dass er Massimo heißt, werde ich mit Handriemen gefesselt und muss zunächst vor einem Polizeiwagen auf dem Boden knien, bevor es zu einem Gebäude in der Innenstadt geht. Man spürt die Wut und den Hass der Carabinieri. Im Polizeiwagen gibt mir einer zu verstehen, sollte ich fliehen, würde er mich umbringen : »I will kill you«, schreit er immer wieder. Dazu summt einer der Polizisten ein Lied, woraufhin der neben mir fragt: »Do you know this song? No? No? It´s a fascist song.«

Auf der Polizeiwache angekommen, werden wir in einen schmutzigen, leeren Raum mit gekacheltem Boden gestoßen, um uns herum etwa zehn Polizisten, sie kommen nacheinander an mich heran und treten zu: Kopf, Gesicht, Rücken, Beine. Gleich zu Anfang wird mir die Brille abgenommen, neben mich gelegt, jemand tritt zu, Glas knirscht auf glattem Boden. Danach müssen wir - Massimo und ich - weiter gefesselt liegen bleiben, während uns auch noch die letzten Sachen abgenommen werden: Geld, Notizbuch, Gürtel - sogar die Schuhe, so dass ich die nächsten Stunden nur auf Socken laufen kann. Irgendwann wechseln die Leute im Raum, jetzt erscheinen Polizisten mit schwarzen Handschuhen: die zweite Runde. Diesmal wird mir das T-Shirt zerrissen. Ich empfinde in diesem Augenblick eine furchtbar Angst, weil die Polizisten imstande scheinen, alles mit uns zu machen - Niedertracht und Verachtung sind kaum zu glauben.

Plötzlich werden wir hoch gerissen, auf dem Weg zurück zum Auto nochmals geprügelt, mein Kopf schlägt gegen eine Wand. Dann geht es mit hoher Geschwindigkeit durch Genua, über die Autobahn, eine Abfahrt, Halt vor einem Sammelgefängnis - die Strafanstalt Bolzaneto, wie ich später höre. Dort wieder im Dauerlauf durch eine Gasse schlagender Carabinieri, bis zu einer Zelle (6 mal 6 Meter), in der bereits acht Personen stehen, alle mit dem Gesicht zur Wand, die Nase gegen den Beton gedrückt, die Hände nach oben. Die Aufseher schreien dauernd »alto gli mani!« (die Hände hoch), durchwandern die Zelle und zwingen die Gefangenen, die Hände noch höher zu strecken. Hämische Rufe, wenn jemand stöhnt: »Comunista«, »Bastardi«, »Manu Chao«. Das Lieblingswort der Polizisten ist »Cazzo« (Schwanz).

Nach etwa zwei Stunden werde ich gerufen. Nochmals etwa 30 Minuten Warten. Dann Vorführung zur erkennungsdienstlichen Behandlung. Elektronischer Fingerabdruck, normale Fingerabdrücke, Fotos, Daten, Computereingaben; ein irischer Gefangener erzählt mir anschließend, er konnte in seiner Datei auf dem Bildschirm lesen, dass er vor einem halben Jahr die Zeitung The Internationalist abonniert habe.

Beim Rausgehen will ich mir endlich die Hände auf dem Gefängnishof waschen, als plötzlich ein Polizist neben mir steht, etwas vor mein Gesicht hält und abdrückt: Tränengas; glücklicherweise kann ich mich wegdrehen und die Augen schließen. Abwaschen lässt sich nichts, weil schon ein zweiter Beamter die gleiche Attacke andeutet. Ich habe in den nächsten Stunden höllische Schmerzen.

In meiner Zelle stehen mittlerweile nicht mehr acht, sondern über dreißig Leute, neben mir ein Deutscher aus Stuttgart und ein Italiener. Wir können uns leise verständigen. Der Italiener wird irgendwann geholt und kommt nach 15 Minuten stöhnend zurück. In den kommenden Stunden werden immer wieder einzelne Gefangene heraus zitiert, um sich anzuhören, weshalb sie verhaftet wurden.

Schließlich stehe ich mit Massimo ebenfalls in einen Verhörraum, ohne verhört zu werden. Stattdessen muss Massimo mehrmals laut »Viva il Duce!« skandieren. Wieder in der Zelle dürfen wir uns nach Stunden zum ersten Mal auf den Boden setzen, nach zehn Minuten allerdings heißt es wieder aufstehen, zur Wand drehen, die Arme hoch halten. Zwischenzeitlich leert sich der Raum, offenbar werden Gefangene entweder frei gelassen oder weg gebracht. Wer bleibt, muss aufrecht auf den Knien hocken, was nach einiger Zeit extrem schmerzhaft ist. Etwa gegen Mitternacht habe ich dann im Gefängnisbüro alles Mögliche zu unterschreiben. Als ich versuche, die Papiere zu lesen, werde ich zur Eile angetrieben. Ich nehme an, unterschrieben zu haben, dass mich die Polizei durchweg gut behandelt hat. Dann zum Gefängnisarzt, der nur mitteilt, ich würde nicht freigelassen, sondern in eine andere Anstalt verlegt. So verlasse ich Bolzaneto ohne Verhör, ohne Anklage.

Nach etwa 30 bis 40 Minuten Fahrt Ankunft im Gefängnis von Alessandria. Wieder die gleiche Prozedur: einen Meter von der Wand stehen, erlaubtes Abstützen nur mit zwei, später mit einem Finger. Auf dem Weg zur Registratur erneut Prügel, wieder Erkennungsdienst, diesmal zwei Vernehmer, einer schiebt eine Liste der deutschen Botschaft mit der Aufforderung über den Tisch, darauf einen Anwalt anzukreuzen.

Warum ich in Genua sei? Antwort: Weil ich am friedlichen Protest gegen das G 8-Treffen teilnehmen wollte; ich sei Mitglied einer Dritte-Welt-Gruppe in Frankfurt/Main. Dann: »Stop talking, please«. Danach ist nicht etwa von einem Untersuchungsrichter die Rede, sondern von mindestens fünf Tagen Gefängnis. Eine für einen Rechtsstaat absurde Situation, es wird noch nicht einmal der Anschein eines geordneten Verfahrens erweckt.

Schließlich Doppelzelle wieder mit einem Römer, der festgenommen wurde, weil er die Polizei fotografiert hat. Wir können duschen, erhalten Essen, werden mit Bettwäsche und Geschirr eingedeckt, können uns ein Buch ausleihen: Man darf wählen zwischen Hofspaziergang und Lektüre. Der Tag vergeht, ich schlafe unruhig, spreche mit meinem Mitgefangenen, gegen Abend gibt ein Wärter auf Italienisch die Auskunft, ich sei frei. Zusammenpacken, Auschecken.

Dieselben Leute, die mich Stunden zuvor noch beschimpft haben, sind nun ganz freundlich, Zigaretten werden angeboten, umtriebige, lockere Stimmung. Meinen Ausweis finden sie nicht gleich, dann doch, ein Polizist sagt: »Forget all. It was a bad dream«. Zusammen mit sechs anderen Verhafteten und Polizeieskorte zum Ausgang, einer muss plötzlich zurück, weil noch Sachen fehlen. Man hört, dass er oben wieder geschlagen wird.

Aufgeschrieben am 31.7.2001.

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00:00 10.08.2001

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