Es war nur ein Moment

Riskanter Irrtum Eine ägyptische Schriftstellerin warnt vor der Illusion, bei der Armee sei die Revolution nach dem Sturz Mohammed Mursis in den besten Händen
Es war nur ein Moment

Foto: Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

Seit Militärs und Polizisten auf Menschenleben kaum mehr Rücksicht nehmen, wirken Kairo und andere Städte zweigeteilt: Manche Viertel sind seltsam menschenleer, die Geschäfte geschlossen, die Verkehrsströme unterbrochen. Andernorts geht die bewaffnete Konfrontation weiter, als sei tatsächlich ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Wir müssen mitansehen, wie in Feldlazaretten menschliche Körper nebeneinander gereiht und ihr Gesichter verhüllt werden.

Nichts davon kam unerwartet. Der Weg, der uns zu diesem Inferno geführt hat, wurde bewusst gewählt. Vor einem Monat hat General Fatah al-Sisi ein Mandat gefordert, um mit der „Sicherheitslage“ umzugehen. Er bekam es, als der Staat erklärte, die Enklaven des Widerstandes, in denen sich die Muslim-Brüder eingegraben hatten, müssten aufgelöst werden.

Zuvor schon war die Rhetorik in allen Lagern aggressiv, fast unmenschlich. Es gab nur vereinzelte Stimmen, die Polizei solle so wenig Gewalt wie irgend möglich anwenden, damit elementare Menschenrechte keinen Schaden nähmen, falls die Enklaven des Aufruhrs geräumt würden. Wenn es sich dennoch nicht aufhalten ließe, dürfen sich dann Millionen Menschen ihrer Rechte beraubt fühlen? Zweifellos ist die Bruderschaft davon überzeugt, Recht und Gerechtigkeit auf ihrer Seite zu haben. Zweifellos hat sie das Jahr an der Regierung viele, wenn nicht alle Sympathien der Ägypter gekostet. Und zweifellos wäre es besser gewesen, man hätte sie abgewählt, anstatt der Vertreibung durch einen kollektiven Gewaltakt den Vorzug zu geben.

Unverzeihliche Rhetorik

Gab es die Zeit, bis zu den nächsten Parlamentswahlen zu warten? Die Millionen, die am 30. Juni gegen Mohammed Mursi auf die Straße gingen, bestritten das. Ohnehin waren die meisten Medien bereit, die Armee als Bewahrer der Revolution zu feiern. Jetzt wissen wir, wie die Streitkräfte das ihnen allzu bereitwillig erteilte Mandat auslegen und ausfüllen. So viele sind tot, und die Bruderschaft fragt, wie „das Volk“ so etwas zulassen konnte, und findet Anklang bei der ausländischen Presse und der Weltöffentlichkeit. Dennoch, was die Brüder angesichts dieser nationalen Tragödie jetzt von sich geben und tun, ist infam, polarisierend und von religiösem Hass geprägt. Es war in der vergangenen Woche eine der ersten Reaktionen nach dem Sturm auf ihre Camps in Kairo, dass in den Orten Assiut, Sohag, Minya, Suez und Arish christliche Kirchen angezündet wurden. In Minya traf es außerdem eine Schule der Jesuiten. In ähnlicher Weise angegriffen wurden Geschäfte, Häuser und Wohnungen von Christen. Auf einer Internetseite der Muslim-Brüder wird der Hang zu solcher Aggression mit der Behauptung gerechtfertigt, christliche Schläger hätten – unter dem Schutz der Polizei – versucht, muslimische Demonstranten aufzuhalten und zu misshandeln. Die sektiererische Rhetorik wie die daraus erwachsenden mörderischen Taten sind unverzeihlich.

Aber unter den Hunderttausenden, die sich an Demonstrationen und Sitzblockaden der Islamisten beteiligen, sind auch Freunde, die während der Meetings auf dem Tahrir-Platz gewonnen wurden. Ein vielfach weitergeleiteter Tweet lautet: „Drei Genossen aus Revolutionstagen haben Brüder in der Bruderschaft. Was sollen wir nun fühlen?“ Was kann man darauf antworten? Dass niemals in der Menschheitsgeschichte eine Idee im Gefängnis getötet und eine Zukunft mit Gewalt aufgeschoben werden konnte. Das sagten sich einst alle Aufrührer gegen Mubarak – das sagen sich jetzt die Muslim-Brüder. Was nichts daran ändert, dass ihre Ideologie den Gegner diffamiert und ein Volk polarisiert. Mit dieser Klientel kann man keine Kompromisse schließen. Sie muss in ihre Schranken gewiesen werden, auch wenn klar ist, dass die Massaker der Sicherheitskräfte ein Netzwerk wie die Bruderschaft nicht besiegen können – so sehr auch Armee und Polizei versuchen, sich durch brutale Gewalt Autorität zu verschaffen, die sie durch eine Hängepartie im Kampf um die Macht seit dem Mursi-Sturz am 3. Juli offenbar infrage gestellt sahen.

Ich erinnere gerade jetzt jeden, den ich treffe, daran, dass die Armee nach dem Fall Mubaraks noch ein ganzes Jahr lang auf den Straßen getötet hat. Ich sage, unsere Generalität ist weder der Bewahrer der Revolution noch der Menschenrechte noch irgendeines der Werte, für die sich 2011 Millionen erhoben hatten. Vor zweieinhalb Jahren glaubten wir für einen kurzen Moment, Linke, Liberale und Sympathisanten der Bruderschaft könnten zusammen für einen zivilen Staat arbeiten. Stattdessen machten die Muslim-Brüder, als sie an der Regierung waren, der Armee und Polizei den Hof. Heute zahlen sie wie das ganze Land und die Revolution den Preis dafür.

Ahdaf Soueif schreibt Kurzgeschichten und Romane, u.a. Meine Stadt, unsere Revolution

06:00 05.09.2013
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