Es wird einmal ein Wunder geschehen

Die Währungsunion vor 15 Jahren Wenn historische Vergleiche angebracht sind - das Jahr 1990 und die DM-Einführung im Saarland 1959

Je mehr es während des ersten Halbjahres 1990 zur Gewissheit wurde, dass es eine Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) zwischen beiden deutschen Staaten geben würde, um so öfter war vom zweiten deutschen Wirtschaftswunder zu lesen, das nunmehr im Osten bevorstehe. Die Verknüpfung mit dem historisch aufgeladenen Begriff schien die Währungsunion mit einer Art Erfolgsgarantie auszustatten. Vor allem auf die Westdeutschen wirkte die Versicherung beruhigend, es werde alles so vonstatten gehen wie nach 1948, denn schließlich war es ihre DM, deren Vorteile nun auch den anderen Deutschen zugute kommen sollten. Die Strahlkraft des Wirtschaftswunders der fünfziger Jahre war Ende der Achtziger in der Bundesrepublik ungebrochen.

Insofern schien es nicht verwunderlich, wenn das vom 2. Februar 1990 datierte Papier, das für Helmut Kohls erste öffentliche Verlautbarung über die WWU vorbereitet worden war, den Hinweis enthielt: "Im übrigen: Auch Ludwig Erhard hatte 1948 zunächst mit der Währungsreform und sehr kurz darauf mit der Wirtschaftsreform (z.B. Aufhebung der Bewirtschaftung) begonnen. Gegen massive politische Widerstände schaffte er so den Weg von der Hoffnungslosigkeit zum späteren ›Wirtschaftswunder‹ ".

Von Kohl, der gern davon sprach, ein Enkel Adenauers zu sein, und versprochen hatte, zu dessen (ordo)liberaler Wirtschaftspolitik, für die Ludwig Erhard gestanden hatte, zurückzukehren, dürften die in jenem Papier aufgezählten Gemeinsamkeiten zwischen 1990 und 1948 beifällig aufgenommen worden sein. Ein im März 1990 am Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln angefertigtes Gutachten bestätigte ebenfalls, dass es so kommen würde wie 1948, als die Aufhebung der als Planwirtschaft denunzierten Bewirtschaftung genügt hatte, um eine beachtliche Zunahme des Wirtschaftswachstums im Westen Deutschlands einzuleiten. Der begutachtende Professor Hans Willgerodt versprach für die DDR, dass mit der WWU, beziehungsweise - wie er es formulierte - "nach Öffnung der Grenze für den Freihandel mit der Bundesrepublik zahlreiche bisher die Produktion beeinträchtigende Engpässe aufgesprengt werden". In der DDR würde die "Motivation zur Leistung" wiederbelebt, "sogar bevor irgendeine Hilfe aus der Bundesrepublik oder ein Kapitalbetrag zugeflossen ist". Die "gerade zu Beginn der Reform zu erwartende Produktivitätssteigerung" könne "sehr hoch sein".

Das klang ganz so wie bei Ludwig Erhard, der im Herbst 1953 den Mitgliedern des "Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands" gegenüber erklärte: "Als erste Maßnahme wird sich eine Währungsneuordnung in der Sowjetzone, das heißt, eine Einbeziehung in unser Währungssystem, als unerlässlich erweisen. ... Die Betriebe und Unternehmungen im Osten werden durch den Wettbewerb rascher und erfolgreicher zu höherer Leistungsergiebigkeit gelangen. In politischer, wirtschaftlicher und menschlicher Beziehung wird die Wiedervereinigung Deutschlands Kräfte freimachen, von deren Stärke und Macht sich die Schulweisheit der Planwirtschaftler nichts träumen lässt."

Mit dem Wirtschaftswunderargument beruhigte man sich 1990 nicht nur im Westen, es motivierte auch diejenigen, die das Wirtschaftswunder nur vom Hörensagen kannten, die Deutschen im Osten. In Leipzig und Umgebung durchgeführte demoskopische Recherchen ergaben, dass 61 Prozent der Befragten ein "Wirtschaftswunder Ostdeutschland" erwarteten. Nicht die Ausnahme, die Mehrheit bildeten offenbar jene gern zitierten DDR-Demonstranten, die darum baten: "Helmut, nimm uns in die Hand und führ uns in das Wirtschaftswunderland!"

Zunächst nur begrenzt konvertibel

Bereits in den ersten Wochen nach dem Inkrafttreten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli 1990 wurde erkennbar, "dass Kohls Erwartung eines rasanten zweiten ›Wirtschaftswunders‹ im Stil der fünfziger Jahre auf Sand gebaut war", heißt es rückblickend bei Arnulf Baring und Gregor Schöllgen in Kanzler, Krisen, Koalitionen.

Was war geschehen? Warum folgte in der DDR der Währungsunion nicht das Wirtschaftswunder, sondern eine Wirtschaftskatastrophe?

Gewiss, die DDR-Betriebe befanden sich in ihrer großen Mehrheit nicht auf dem neuesten technologischen Standard - ein Viertel der Anlagen war älter als 20 Jahre (in der BRD lag der vergleichbare Wert bei sechs Prozent). Aber nicht deshalb gingen die ehemaligen VEB nach der Öffnung zum Weltmarkt unter. Keineswegs besser ausgestattete Unternehmen in Polen, Tschechien oder Ungarn überlebten die Marktöffnung mehrheitlich. Die DDR-Betriebe hatten vielmehr dank einer mit der Währungsunion verursachten Explosion ihrer Kosten kaum eine Chance, sich etwa gegenüber westdeutscher Konkurrenz zu behaupten. Der Umtauschsatz von 1:1 für Löhne, Renten und einen Großteil der Spareinlagen begünstigte die ostdeutschen Verbraucher, benachteiligte aber die ostdeutschen Produzenten.

Wilhelm Hankel, der als Spezialist für Währungs- und Entwicklungspolitik in Harvard lehrte und unter Minister Karl Schiller (SPD) die Abteilung Geld und Kredit im Bonner Wirtschaftsressort geleitet hatte, nannte in seinem 1993 erschienenen Buch Die sieben Todsünden der Vereinigung die Währungsunion an erster Stelle: "Nachdem die Bundesregierung bewusst einen Aufwertungsschock herbeigeführt hat, in dem sie die DM nicht zu einem Umtauschsatz von 1 : 4 oder 1 : 5, wie es der Marktbewertung ungefähr entsprochen hätte, einführte, ... darf sie sich nicht wundern, wenn statt des erhofften Wirtschaftswunders das Gegenteil eintritt - eine Wirtschaftskatastrophe." Übrigens wurden 1990 der polnische Zloty und die tschechische Krone nicht auf-, sondern abgewertet.

War der Vergleich der Währungsunion von 1990 mit der Währungsreform von 1948 nur Wunschdenken? Verschiedene Wirtschaftswissenschaftler haben sich seit 1991 gefragt, was man im 1. Halbjahr 1990 beim Vergleich übersehen haben könnte. Die Liste erwies sich als erstaunlich lang. Die Währungsreform von 1948 hatte die Sachvermögensbesitzer und damit auch die Betriebe begünstigt, die Verbraucher dagegen benachteiligt. Die konsequente Marktöffnung - im Willgerodtschen Gutachten für die Währungsunion von 1990 der größte Trumpf - hatte es 1948 gar nicht gegeben. Gegen die freie Wareneinfuhr aus Westeuropa oder den USA - so 1991 in einem Artikel zum ersten Jahrestag der Währungsunion der Wirtschaftsprofessor Elmar Altvater von der FU Berlin - schützten den einheimischen Markt seinerzeit nicht nur Zölle, sondern auch der Umstand, dass die neue D-Mark für zehn Jahre nur begrenzt konvertibel war. Außerdem war die neue Währung 1949 gegenüber dem Dollar um ein Fünftel und gegenüber dem britischen Pfund um fast ein Drittel abgewertet worden. Offenkundig hatte auch Erhard diese Fakten übersehen, als er 1953 für eine sofortige Währungsunion im Wiedervereinigungsfall eintrat.

Die "kleine Wiedervereinigung"

Der Vergleich Währungsreform 1948 und Währungsunion 1990 hinkt also gewaltig, dennoch wäre es 1990 für Kanzler Kohl durchaus möglich gewesen, auf Erfahrungen aus der bundesrepublikanischen Geschichte zurückzugreifen, hätte er sich des 6. Julis 1959 erinnert, als der Saarfranc in die DM umgetauscht wurde. Das Saargebiet, das noch vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland von der Französischen Besatzungszone separiert und zu einem eigenständigen staatlichen Gebilde erklärt worden war, hatte sich im Oktober 1955 mit einer Volksabstimmung für den Beitritt zur Bundesrepublik entschieden. Danach kam die bisherige Schutzmacht Frankreich mit der Regierung Adenauer überein, das Saarland zum 1. Januar 1957 in die Bundesrepublik zu entlassen. Die Währungs- und Wirtschaftsunion des Saarlandes mit Frankreich sollte jedoch für eine längere Übergangszeit noch bestehen bleiben - längstens für vier Jahre.

Das saarländische Beispiel, in der westdeutschen Geschichtsschreibung auch als "kleine Wiedervereinigung" apostrophiert, bot zuviel Ähnlichkeiten mit der Währungsunion vom 1. Juli 1990, um nicht als Vergleichsobjekt ins Auge zu springen. Im März 1990 veröffentlichte Armin Heinen in der Saarbrücker Zeitung einen Beitrag mit dem Titel Ein saarländischer Blick in die deutsche Zukunft und erklärte dem Leser, "warum die Geschichte des Saarlandes ein Lehrstück für die bevorstehende Vereinigung Deutschlands sein kann". Robert Leicht griff die Anregung in der Zeit auf. Als er seine Gedanken über den "Königsweg der Einheit" niederschrieb, wählte er den Untertitel "Das Saarland als Beispiel: Wie ein abgestufter Beitritt zur Bundesrepublik gelang".

Doch nach dem März 1990 war vom Saar-Beispiel kaum noch die Rede. Vermutlich, weil es einen auffälligen "Schönheitsfehler" besaß: Damals, bei der "kleinen Wiedervereinigung", stand die Währungsunion nicht am Anfang, sondern am Ende des Vereinigungsprozesses. Diese Reihenfolge hatten die damaligen Unterhändler für unumgänglich erachtet. Die Ökonomie des Saarlandes benötige die Zeit, um sich an die wirtschaftlichen Gegebenheiten der Bundesrepublik anzupassen, hieß es. Denn nach Expertenmeinung stand außer Frage, dass der Übergang der Saarindustrie von der einen Marktwirtschaft (der französischen) in die andere (die bundesdeutsche) alles andere als ein Spaziergang sein würde. Diejenigen, die gemeint hatten, die Unterschiede in den Wirtschaftssystemen würden überbewertet, sollten eines Besseren belehrt werden. Rückblickend musste die saarländische Landesregierung 1962 bekennen: "Die Anpassung war zweifellos nicht leicht, denn das System der sozialen Marktwirtschaft der Bundesrepublik wich von der stark protektionistisch aufgebauten saarländischen und französischen Wirtschaftsverfassung entschieden ab." Aus dem saarländischen Beispiel ließ sich unschwer schlussfolgern, dass es selbst bei einer schrittweisen Einführung der bundesdeutschen Marktwirtschaft für die DDR zu erheblichen Problemen kommen würde.

Mit anderen Worten: Wer die Konditionen des wirtschaftlichen Anschlusses der Saar an die Bundesrepublik kannte, musste wissen, dass es einem Vabanque-Spiel gleichkam, die deutsche Einheit mit einer Währungsunion einzuleiten. Vermutlich deshalb wurden vereinzelte Anregungen in den Medien, sich des saarländischen Paradigmas anzunehmen, von der bundesdeutschen Politik kaum aufgegriffen. Nur einer nahm Stellung: Oppositionsführer Oskar Lafontaine. In seinem Memoirenband Das Herz schlägt links erinnert sich der SPD-Kanzlerkandidat von 1990 an seine Vereinigungspläne: "Mir schwebte ein ähnlicher Weg vor wie 1955 im Saarland".

Doch in Bonn reagierte man selbst dann nicht, als DDR-Ministerpräsident de Maizière in seiner Regierungserklärung vom 16. April 1990 unter Bezug auf das "Saarland-Modell" ausdrücklich davon sprach, "bei der Übernahme des Wirtschafts- und Sozialrechtssystems der Bundesrepublik darauf zu achten, dass in Übergangszeiten die notwendigen Sonderregelungen getroffen werden." Als Chefunterhändler Wolfgang Schäuble sich für die "kleine Wiedervereinigung" mit dem Saarland interessierte, galt seine Aufmerksamkeit nur juristischen Fragen.

Bei soviel Ignoranz seitens der 1990 in Bonn regierenden Koalition fällt es schwer zu glauben, dass Kohl oder Schäuble Opfer des Wirtschaftswunder-Mythos gewesen sind, als sie die Währungsunion als den allein Erfolg versprechenden Einstieg in die deutsche Einheit priesen. Diese Annahme wird noch dadurch erhärtet, dass der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" vor der Entscheidung des Kabinetts Kohl vom 6. Februar 1990 in punkto Währungsunion für ein abgestuftes Vorgehen plädierte. Die "Wirtschaftsweisen" wandten sich darüber hinaus unmittelbar nach dem Kabinettsbeschluss noch einmal in einem Brief an Helmut Kohl: "Die Währungsunion sollte nach unserer Auffassung nicht am Beginn stehen. ... Eine Währungsunion, die sich nicht im Gleichschritt mit dem grundlegenden Umbau des Wirtschaftssystems in der DDR vollzieht, verursacht lediglich Kosten, ohne die wirtschaftlichen Aussichten für die Menschen auf eine tragfähigere, bessere Basis zu stellen."

Dennoch zitierte man in Bonn gern das historische Beispiel Währungsreform von 1948, die als Katalysator des Wirtschaftswunders galt. Man vermied die Bezugnahme auf die Einführung der DM im Saarland 1959, weil sie nicht ins Konzept passte. Ganz nach dem Motto: Welcher historische Vergleich hinkt, bestimmen wir.


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00:00 17.06.2005

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