Es wird nicht weniger "amerikanisch" zugehen

Der nächste Präsident der USA Wir stehen erst am Anfang der Erfahrung, wie es sich mit einer einzigen Supermacht lebt

Weil Amerika nicht einmal auf die Produktionszeiten des Freitag Rücksicht nimmt, müssen diese Zeilen geschrieben werden, bevor wir wissen, wie der nächste Präsident heißt. Es ist nicht einmal sicher, ob wir Ende der Woche klüger sind, weil Amerika in den vergangenen vier Jahren demokratisch einwandfrei zählen gelernt hat und der Präsident nicht durch eine gerichtliche Entscheidung bestätigt werden muss. Doch angenommen, der mächtigste Mann der Welt wird zweifelsfrei und ohne wesentliche Makel gekürt, ist zu fragen, auf welche Unterschiede die Welt, Europa und Deutschland sich einzustellen haben, wenn George Bush bleibt oder John Kerry ins Weiße Haus zieht.

Zunächst ist vor einer Illusion zu warnen: Beide Männer werden der Tradition ihrer Vorgänger folgen, die unabhängig davon, ob sie von den Demokraten oder den Republikanern getragen wurden, Macht und Stärke der USA gemehrt haben. Beide werden die militärische Uneinholbarkeit pflegen und ausbauen. Kerry könnte die gigantischen Rüstungsprogramme strecken, um Mittel zur Eindämmung des Haushaltsdefizits zu gewinnen. Aber er wird die Linie nicht ändern, die militärische Überlegenheit gegenüber jedem Staat zu sichern und mindestens zwei Kriege gleichzeitig führen zu können. Ich kann auch nur graduelle Unterschiede erkennen, was den zweiten Pfeiler angeht, der die amerikanische Außenpolitik bestimmt: Die tiefe, religiöse Gläubigkeit, dass es Amerikas Mission ist, seine Art des Lebens in der Welt zu verbreiten. Kerry mag da weniger rigoros sein als Bush, aber nicht weniger "amerikanisch".

Die Vereinigten Staaten werden den Schwerpunkt ihres geopolitischen Interesses nicht verändern, die interessanteste, gefährlichste und attraktivste Region mit ihren Bodenschätzen, den Mittleren und Nahen Osten, zu kontrollieren und zu stabilisieren. An der Stabilität dieser Region, die zum Nachbarn der erweiterten EU wird, muss auch Europa gelegen sein.

Kein Präsident kann sich aus der Verantwortung für das Chaos herausstehlen, das der Krieg gegen den Irak angerichtet hat. John Kerry könnte unbefangener als George Bush den Vereinten Nationen eine führende Rolle für die Befriedung und die Herstellung der vollen irakischen Souveränität einräumen und für die Beteiligung der Europäer an diesem Prozess werben, was die Gräben zwischen "alten" und "neuen" Europäern einebnen würde. Es wäre falsch, wenn sich die Gegner des Irak-Krieges dem entziehen wollten.

Damit sind wir bei dem wichtigsten Faktor der Veränderung, die von Kerry zu erwarten wäre. Er wird förmlich oder faktisch die Sicherheitsdoktrin außer Kraft setzen, die Bush 2002 erlassen hat. Er wird das proklamierte Recht auf Interventionen und Angriffskriege ohne Mandat der UN aufgeben. Kerry wird sein Land aus der internationalen Isolierung in das einzig existierende Ordnungssystem zurückführen und damit eine Atmosphäre von Entspannung und weltweiter Erleichterung erreichen.

Es ist nicht auszuschließen, dass ein Präsident Bush seine schmerzhaften Erfahrungen des zurückliegenden Jahres nicht vergessen hat, als er nach der arroganten Verachtung von UNO und NATO öffentlich bekennen musste, dass er auf beide Organisationen nicht verzichten kann. Ich kenne keinen amerikanischen Präsidenten, der seinem Land so geschadet hat wie Bush. Von der fast weltweiten Solidarität nach dem 11. September 2001 in wenigen Monaten zu einer fast weltweiten Ablehnung der amerikanischen Politik: Das war Bushs "Leistung"; Schröder hätte das nie geschafft. Es könnte also sein, dass ein Präsident Bush seine Doktrin zwar nicht beerdigt, aber nicht mehr erwähnt und stattdessen auf Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror setzt. Die Außenpolitik - ob nun von Bush oder Kerry - wird erst abzuschätzen sein, wenn Ende Januar die "Regierungserklärung" zu hören ist.

Von keinem der beiden ist zu erwarten, dass sie auch nur versuchen, die großen Entwicklungen zu verändern: Natürlich wird Washington weiter unipolar denken und ebenso natürlich Paris, Berlin, Moskau, Peking und Neu Delhi multipolar. Der Brennpunkt des amerikanischen Interesses verschiebt sich vom früheren Zentrum Europas nach Südosten, was sich auch auf die Stationierung der US-Streitkräfte auswirken wird: Die Unterschiedlichkeit von Macht und Interessen sind unaufhebbar. Die alte Enge der transatlantischen Beziehungen wird nicht zurückkehren. Wir stehen noch am Beginn der Erfahrungen, wie es sich mit einer einzigen Supermacht lebt.


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00:00 05.11.2004

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