Estlands Corona-Insel

Pandemie Saaremaa ist eigentlich Hotspot für Volleyball – doch der Europacup brachte Anfang März das Virus mit
Estlands Corona-Insel
Wegen der Viruskrise herrscht in den Turnhallen Estlands Flaute, so wie hier in Saaremaa

Foto: Scanpix/Imago Images

Die größte estnische Ostsee-Insel Saaremaa war unter der Sowjetmacht aus militärischen Gründen jahrzehntelang isoliert. Zu diesem westlichen Außenposten des Imperiums kamen Esten nur mit ausdrücklicher Erlaubnis. Ein sowjetisches Erbe ist bis heute der Volleyball, ein Verein mit vier Spielern von der 30.000-Einwohner-Insel gewann 1968 die Meisterschaft der 240 Millionen Einwohner zählenden UdSSR.

Im Frühjahr 2020 wiederholte sich die Geschichte. Um Saaremaa zu betreten, brauchte man wieder eine Spezialgenehmigung. Nur 2,5 Prozent der estnischen Bevölkerung leben auf Saaremaa, aber beinahe die Hälfte der 69 estnischen Corona-Toten lebten hier. Das hat mit Volleyball zu tun.

Ich treffe den Manager des „MTÜ Saaremaa Võrkpall“. Zwei-Meter-Mann Hannes Sepp (35) urlaubt gerade mit seiner Patchwork-Familie im einst mondänen estnischen Badeort Võsu. Die Wahl des Sports war für ihn nie eine Frage, Klein Hannes verbrachte die Wochenenden bei seiner Großmutter in Liila-Putla, die Mitte des 15-Seelen-Weilers bildete ein Volleyballfeld auf Gras. Der Verein MTÜ war Sepps Idee. Er arbeitete für eine Werbeagentur in Tallinn, mit den Techniken eines Marketingmanns organisierte er vor fünf Jahren ein Turnier mit den besten Spielern Saaremaas. Der Plan ging auf, estnische Geschäftsleute finanzierten der zuvor nur von Amateuren bespielten Insel einen Profiverein mit fast 700.000 Euro Jahresetat.

„Saaremaa Võrkpall“ dominierte in der Saison 2019/20 – auch dank eines neuen griechischen Trainers – die baltische Liga mit fünf Spielern aus Saaremaa und einem halben Dutzend Ausländern. Der Manager beschreibt die Verhandlungen mit den Agenten der Externen: Geld, Videos und immer wieder Geld. Der Zauber der Insel spielte keine Rolle.

Am 4. und 5. März trat Saaremaa gegen „Power Volley Milano“ aus der Volleyball-Großmacht Italien an. „In der Volleyball-Welt kennt die jeder“, sagt Hannes Sepp. Es war das Viertelfinale des Europacups, wegen der Lage in Italien wurden Hin- und Rückspiel in Estland ausgetragen. Die Gastgeber hatten keine Chance, sie verloren 0:3 und 1:3. Sepp beteuert, er habe im Vorfeld bei der Gesundheitsbehörde und beim Flughafen Tallinn angefragt: „Ist das ein Problem, dass sie aus Mailand kommen?“ Kein Problem, wurde ihm beschieden. Die Halle war ausverkauft, „etwa 30 der 1.500 Zuschauer gingen mit dem Virus raus“. Eine Party habe es nicht gegeben: „Die Italiener ab ins Hotel und ab zum Flughafen.“ Sepp weist selbstbewusst jede Schuld von sich: „Eine Woche vor dem Spiel begannen Schulferien, alle gingen auf Reisen, nach Italien, nach Ischgl. Nach unserem Spiel fand das Champagner-Festival statt. Heute wissen wir, dass auf Saaremaa vier bis fünf Linien des Virus nachgewiesen wurden, eine führte nach Österreich.“

Acht Prozent Durchseuchung

Ein paar Spieler, mehr darf er nicht sagen, hatten Corona. „Auch ich“, erzählt Sepp, „einen Tag lang hatte ich 37,3 Fieber und etwas Druck im Kopf, den ich auf den situationsbedingten Stress schob.“ Das positive Testergebnis habe ihn überrascht.

Dann fahre ich selbst auf die Insel. Laut Sepp ist Saaremaa jetzt „die sauberste Gegend überhaupt“. Antikörpertests bei 140 Personen ergaben eine Durchseuchung von acht Prozent, eine Studie mit über 1.000 Probanden läuft noch. Während der 25-Minuten-Überfahrt wird auf der Fähre die Schiffskantine gestürmt

Ich fahre in den zweitgrößten Ort von Saaremaa, nach Orissaare. Am Strand starten junge Esten ein Open-Air-Festival, aber es ist schwach besucht. Ich will Sepps Aussage überprüfen, dass „uns ein Prozent der Insulaner vorwirft, wir hätten ihnen Corona gebracht, während der Rest stolz auf uns ist“. Nach gut einem Dutzend Kontakten gebe ich auf. Die Isolation der Insel ist offenbar nicht vorbei, jedenfalls sprechen die Jungen beschissenes Englisch und die Alten ein unbrauchbares Russisch.

Ich besuche den „Europäischen Baum des Jahres 2015“, eine Eiche inmitten eines Fußballplatzes, der mit vielen kleinen Toren zugestellt ist – zum Üben für Kinder. Einen Fußballverein hat Orissaare längst nicht mehr. Und wenn ich nach Volleyball frage, ernte ich ein schiefes Grinsen.

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06:00 05.08.2020

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