Etappensieg

Sportplatz Wir fahren am Fuße der Pyrenäen. Scharfkantig ragen die mit einem grünen Flor überzogenen Bergriesen auf. Ein Linienmuster von Rinnsalen hat sich ...

Wir fahren am Fuße der Pyrenäen. Scharfkantig ragen die mit einem grünen Flor überzogenen Bergriesen auf. Ein Linienmuster von Rinnsalen hat sich tief in den Boden eingegraben. Der Himmel ist blau, die Sonne lacht. Das gesamte Feld liegt vor uns. Die Farben der Teams wetteifern mit dem Zentralgestirn um höchste Leuchtkraft. Uns am nächsten, also am Ende der Kolonne, Magenta. Telekom hat sein Pulver wohl auf den Flachetappen verschossen. Schwamm drüber. Davor die Italiener von Alessio und Lampre. Auch Bonjouor, Lotto und Kelme sind gut im Pulk auszumachen. Die Basken von Euskatel haben sich heute scheinbar vervielfacht. Überall ist das grelle Orange zu sehen. Noch herrscht Ruhe unter der Belegschaft. Wie an einer Schnur aufgereiht rollen die Fahrer über den Asphalt. Plötzlich biegt Mapei ab und verlässt sogar die Strecke. Naja, kein Wunder: Sein Hauptsponsor will aufgeben, ob der Zweitsponsor, Quick Step, die zehn Millionen Euro für eine Fortführung des Rennstalls aufbringen wird, ist noch offen. Weltmeister Oscar Freire und Topsprinter Tom Steels haben schon die Heimreise angetreten. Stefano Garzelli, der bei der Tour de France nicht nur Geburtstag feiern (16.7.), sondern auch Podiumsplätze erringen wollte, durfte wegen Dopings gar nicht erst starten. Wahrscheinlich ist das ganze Team nicht mehr motiviert. Ciao, Mapei! US Postal steht am Straßenrand. Hat Armstrong eine Panne? Wurde er in einen Sturz verwickelt? Nein, kein gelbes Trikot ist zu erkennen. Die Nummer am Fahrgestell allerdings auch nicht. Zu schnell brausten wir vorbei. Mit einem Ruck schert DomoFarm Frites aus, zieht scharf auf die linke Straßenseite und kollidiert fast mit einem deutschen Fahrer. Die spinnen wohl, die Holländer. Ganz vorn scheint sich Kelme abzusetzen. Na klar, die Berge locken. Die Spanier wollen offensichtlich ihre Taktik der vergangenen Jahre wiederholen. Da hatten sie, Minutenabstände voneinander entfernt, einzelne Fahrer vorausgeschickt. Entweder kam einer der Ausreißer bis ins Ziel und sicherte den Etappensieg oder der stärkste Fahrer, der mit den Favoriten die Flüchtlinge einfing, konnte sich ein paar Kilometer lang über Unterstützung freuen. So kommt Leben in die Tour. Bravo, Kelme. Unvermittelt taucht Big Mat auf. Die französische Mannschaft wurde gar nicht zur Tour zugelassen. Was suchen die hier nur? Eindeutig ein Fall für die Rennkommissare. Wir lassen uns nicht aufhalten; setzen die Warnblinkanlage und rasen an der Karawane vorbei. Wir fangen wütende Blicke und ausgestreckte Zeigefinger ein. Ja, gut, das Reglement der UCI hat schon vor bestimmt 15 Jahren verboten, dem Feld so nahe zu kommen. Aber Gelegenheit macht Gesetzesbrecher. Brr, da holt uns schon die Gendarmerie raus. Wir bangen um unsere Akkreditierung. Und stutzen: Erstaunlich freundlich erklärt uns der Flic, "wenn alle so fahren würden, gäbe es ein Chaos." Artig nicken wir. In allem würden wir ihm jetzt Recht geben, wenn er uns nur gehen lässt. Wir haben es verflucht eilig, zum Ziel zu kommen, einen Parkplatz zu finden und schnell unseren Text abzuschicken. Der Redaktionsschluss naht. Glück gehabt: Der Polizist hat ein Einsehen. Er lässt uns weiterfahren. Überholen dürfen wir jetzt nicht. Wenn er außer Sicht ist, werden wir das natürlich doch versuchen. Der Turbodiesel beschleunigt. Wir schaffen es. Freie Strecke vor uns. Bis die grün-weißen Streifen von Kelme näherrücken. Eine Kurve -Kelme zieht nach links. Wir weichen nach rechts aus. Eine Rechtskurve naht und Kelme schneidet uns den Weg ab. Wir nach links, er nach links. Kein Vorbeikommen. Mehrere Kurven geht das so. Endlich überholen wir ihn. Nun hält uns nichts mehr auf.
Zur Beruhigung: Kein Radprofi wurde von uns gefährdet. Die Akteure der geschilderten Ereignisse waren Teamfahrzeuge, die auf dem Weg zum Zielort waren und uns rasende Reporter aufhielten. Mapei verließ frühzeitig die Strecke. Big Mat war ein gewöhnlicher Lieferwagen der Handelskette, die einen Rennstall sponsort. Der Lkw-Fahrer von Domo riskierte tatsächlich mehrmals einen Zusammenstoß, weil er uns zeigen wollte, dass man sich nicht links am zähflüssigen Verkehr vorbeidrängelt. Aber was soll´s. Bei der Tour de France kocht in jedem das Rennfahrerblut hoch.

00:00 26.07.2002

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