Ethik in der Medizin

LESERBRIEFE Nicht jenseits von Gut und Böse ...

Nicht jenseits von Gut und Böse

Noch eine Replik auf das Plädoyer von Sabine Paul/Thomas Junker, Freitag, 1. 12. 2000

Zwei Thesen sind es im Wesentlichen, mit denen die Verfechter der Gentechnik eine Bresche in die breite Phalanx der Gegner zu schlagen versuchen. Erstens verweisen sie auf die grandiosen Möglichkeiten, die in absehbarer Zeit den "Traum vieler Eugeniker ... Realität" werden lassen. Zweitens fechten sie "das historische Argument"(Missbrauch der Eugenik in der Vergangenheit, vor allem durch die Nazis) als emotionalisiert, typisch deutsch und einseitig an.

Sabine Paul und Thomas Junker sind offenbar der Meinung, sie hätten mit dem Hinweis auf die traumhaften Aussichten, die mit der Eroberung des Zellkerns sich auftun, etwas vorzuweisen, das fröhlich für sich spricht. Der Parallelfall aus der jüngsten Wissenschaftsgeschichte, die Eroberung des Atomkerns mit ähnlich hochgespannten Erwartungen und tiefen Ängsten, kommt ihnen nicht in den Sinn. Und passt ihnen natürlich nicht in den Kram. Das tapfere Autorenteam versucht derweil zu punkten, indem es die Aufmerksamkeit auf die fast schon greifbaren Erfolge der Medizin lenkt. Dagegen ist Genfood verständlicherweise wieder vollkommen ausgeblendet.

Zwei Unwörter aus der Nazipraxis stehen dem störungsfreien Fortschritt in die "schöne neue Welt" der Gentechnik im Wege: "Eugenik" und "Selektion". Sabine Paul und Thomas Junker setzen alles daran, diese besudelten Vokabeln rein zu waschen. In diesem Zusammenhang von Emotionalisierung zu reden, verrät den Wunsch, endlich in Ruhe gelassen zu werden im Sinne der Walser-Rede und frei forschen zu können im Sinne des Grundgesetzes. Verständnis für die emotional und rational begründeten Vorbehalte verrät das Plädoyer nicht. Aber schließe niemand voreilig daraus, den "Bioethikern" sei nichts heilig! Die Natur, das bekennen sie freimütig und glaubwürdig, natürlich nicht. Sie ist mit ihren "Zufallsspielen" die zu bearbeitende Materie.

Heilig ist den "Bioethikern" die Bearbeitung der Natur, die Gentechnik. Das Bekenntnis, unter den Vertretern der Zunft werde "der Missbrauch der Gentechnik ... nicht als inhärent ... gesehen", ist eindeutig und vielsagend zugleich. Die Gentechnik ist entweder jenseits von Gut und Böse oder rein gut, wenn, ja, wenn jemand es schaffte, die menschengemachte Technik vom Menschen zu abstrahieren. Das Kunststückchen ist den Verfassern des Bekennersatzes gelungen. Doch kein Applaus. Denn wer so absieht von Mensch und Gesellschaft, mag ein tüchtiger Forscher oder Techniker sein, ein Ethiker mitnichten. In seinem Denken ist ja das Inhumane schon angelegt. Dem "Traum vieler Eugeniker" ist das Folgende entgegenzuhalten: Der erste, ganz große Wurf der Biochemie war einschneidend, aber zugleich noch defensiv; er half, unerwünschten Nachwuchs mit der "Pille" zu verhindern.

Der zweite Riesenschritt nach vorn, den wir gerade zu begreifen beginnen, gibt sich gleichfalls eher defensiv; er macht es möglich, einige wenige unerwünschte Gene der künstlich befruchteten Eizelle auszuschließen. Hierzulande zwar noch verboten (Embryonenschutzgesetz), in andern europäischen Ländern aber erlaubt. In absehbarer Zeit wird der nächste große biochemische oder gentechnische Sprung nach vorn es ermöglichen, das Genom der Kinder nach den Wünschen der Eltern offensiv zu gestalten. Dann wird sich die Bedeutung des Wortes "Wunschkind" verschieben. Es wird zum "Designkind" aus dem neuesten Katalog der Kinderkreationen. Natürlich wollen alle Eltern nur das Beste für ihr Kind. Wer aber entscheidet das und schreitet ein, wenn die Kindesmisshandlungen dank Repromedizin um neun Monate vorverlegt werden? In der Konsumgesellschaft ist der Kunde König, und der bestellt und bezahlt demnächst auch den gentechnisch-repromedizinischen Service.

Freilich sagt die Zahlungsfähigkeit noch nichts über die Disziplin, den Sachverstand und die ethische Vertrauenswürdigkeit der bestellenden Eltern. Eine Instanz, die geeignet wäre, über die Unbedenklichkeit der elterlichen Wahl zu entscheiden, ist nirgendwo zu sehen. Auch nicht in absehbarer Zeit. Nach Lage der Dinge bedeutet der weitere Fortschritt der Gentechnik darum die Gewissheit künftigen Missbrauchs.

Jürgen Grosz, Wettringen

Tabubruch

Zu Oliver Tolmein, Wachkoma und Sterbehilfe, Freitag, 8. 12. 2000)

Legalisierung von aktiver Sterbehilfe in den Niederlanden - was geht das mich an? Zugegeben, ich habe keineswegs die Absicht, mich um die niederländische Staatsbürgerschaft zu bewerben. Und doch! Hört man hinein in Fachtagungen, bei denen die neue Euthanasie auf der Tagesordnung steht, so lässt sich zuweilen vernehmen, der niederländische Weg sei paradigmatisch für Deutschland. Und die Akzeptanz der passiven Sterbehilfe habe bereits den Weg bereitet für die Durchsetzung auch der aktiven Sterbehilfe. Sicher wird von Wissenschaftlern, die nach immer weiterer Ausweitung der Euthanasie trachten, die unzweideutige Stellungnahme der Bundesjustizministerin als retardierendes Moment empfunden. Wie soll es weitergehen hierzulande? Es wird höchste Zeit, endlich öffentlich zu thematisieren, was seit Jahren im wissenschaftlichen Sterbehilfe-Diskurs als unumstritten gilt: dass vielfältige Formen von überwiegend unfreiwilliger Euthanasie auch in der Bundesrepublik Deutschland bereits praktiziert werden.

Regina Reichelt, Berlin

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