Ethnic Options

Erziehung nach Auschwitz Wie sich Migrantenkinder der NS-Geschichte stellen

Seitdem Adorno 1966 seine berühmt gewordene Forderung formulierte, eine "Erziehung nach Auschwitz" müsse darauf abzielen, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, hat sich die bundesrepublikanische Gesellschaft grundlegend verändert und die Pädagogik vor neue Herausforderungen gestellt. So sind Lehrer zunehmend mit Schülern konfrontiert, die einen Migrationshintergrund aufweisen und die mit den gängigen Erklärungsmustern der deutschen Geschichte, die auf "deutsche Identität" und der daraus resultierenden Verantwortung gegenüber der "eigenen" Geschichte abzielen, nicht zu erreichen sind. Weshalb sollte sich ein aus dem Kosovo stammender 15-Jähriger mit den Gräueln des Nationalsozialismus auseinandersetzen und sich gar noch dafür verantwortlich fühlen - zumal er von eben der Gesellschaft, um deren Geschichte es geht, nicht voll akzeptiert wird?

Interesse ist bei jugendlichen Migranten sehr wohl vorhanden, wie eine Studie der Erziehungswissenschaftlerin Viola Georgi zeigt. Dabei ist der nationale und kulturelle Hintergrund noch kein Gradmesser für die Motivation, mit der sich nicht-deutsche Schüler der NS-Geschichte stellen. Für die Pädagogen stellt sich vielmehr die Frage, wie deren spezielle Interessen integriert und berücksichtigt werden können. Junge Migranten und Migrantinnen, so die Studie weiter, setzen sich nämlich in eine Beziehung zur NS-Geschichte, die besonders häufig um Fragen kreist, bei denen es um die Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft geht. Ausgrenzung, Unterdrückung, Vertreibung, Rassismus: Es sind die eigenen Alltagserfahrungen, die die Neugierde an der jüngsten deutschen Geschichte bestimmen und die in unterschiedliche Deutungszusammenhänge gebracht werden.

Gängig ist zunächst die Identifizierung mit den Opfern aufgrund des eigenen Minderheitenstatus. Die eigene Familiengeschichte und die Geschichte der Aufnahmegesellschaft werden imaginär verknüpft. "Die waren deutsche Juden und wurden nicht als Deutsche akzeptiert, genau wie bei den Ausländern heute", stellt beispielsweise ein Gymnasiast türkisch-kurdischer Herkunft fest. Eine zweite Gruppe identifiziert sich so stark mit der deutschen Gesellschaft, dass sie die historische Verantwortung und somit die Schuld der Täter auf sich nimmt. Andere Reaktionen der Schüler offenbaren eine selektive Wahrnehmung der deutschen Geschichte: Bei positiven Entwicklungen identifiziert man sich gerne mit der deutschen Gesellschaft, bei negativen greift man lieber auf die eigene ethnische Gruppe als historischen Bezugspunkt zurück - ethnic options nennt man diese Strategie. Andere Schüler wiederum bringen die NS-Geschichte in Verbindung mit gegenwärtigen "Menschheitsproblemen" - nicht selten die der eigenen Gruppe - und universalisieren und relativieren sie somit. Wie werden Menschen zu Tätern, Mitläufern und Opfern? "Weil es in anderen Ländern ja auch möglich ist", so eine 19-jährige Schülerin, die aus Eritrea emigrierte.

Lässt sich Auschwitz vergleichend vermitteln? Während die Bildung von Analogien in vielen anderen Schulfächern ein elementares didaktisches Instrument darstellt, verbietet sie sich in diesem Fall. Sie könnte aber auch eine Chance bieten. Den jugendlichen Migranten geht es in der Regel nicht um historische Relativierung, sie wollen vielmehr mit ihrer eigenen Geschichte wahrgenommen werden und sich einbringen. Daran ließe sich auch die Einzigartigkeit des Holocaust, die Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs, herausarbeiten.

Ein gelungenes Beispiel einer solchen Vermittlung ist das pädagogische Konzept der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Die dortige Ausstellung "Anne Frank. Ein Mädchen aus Deutschland" kreist um Fragen der eigenen Identität und Identitätszuschreibungen, aber auch um Krieg, Verfolgung und Genozid. Die Arbeit an Geschichtsbildern, Trauerarbeit und die didaktischen Anforderungen an die Menschenrechtserziehung werden sensibel miteinander verbunden. Ein anspruchsvolles Projekt, das die bislang getrennten Felder NS-Geschichte und interkulturelle Erziehung integriert. Dass dies nicht immer reibungslos verläuft, liegt auf der Hand. Aber gerade im Diskurs um diese Reibungsflächen könnten sich Perspektiven über eine "Erziehung nach Auschwitz" eröffnen, die über simple Vergleiche hinausweisen.

Sabine Horn ist Lehrbeauftragte an der Universität Bremen und Redakteurin und Herausgeberin der Zeitschrift WERKSTATTGeschichte

Zur Anne-Frank-Ausstellung: www.ein-maedchen-aus-deutschland.de


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00:00 28.01.2005

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