Etikettenschwindel

A–Z Wieso brauchen wir – meist vermessene – Vergleiche à la: Toskana des Nordens, oder: das italienische „House of Cards“? Unser Lexikon
Etikettenschwindel

Foto: Paulo Amorim/Picture Alliance/NurPhoto

A

Augustulus Das 475 eingesetzte „Kaiserlein“, ein 15-Jähriger, war schon deshalb eine Lachnummer, weil der Kaiser in Ostrom (Byzanz) ihn als Amtskollegen nicht anerkannte. Sein Vater, der aus Ungarn stammende römische Heerführer Orestes, hatte das Amt usurpiert und seinem Söhnchen überlassen, woran man auch sieht, dass es gar nichts mehr bedeutete. Nachdem Orestes von seiner Truppe, die aus Germanen bestand, ermordet worden war, hatte auch deren Anführer Odoaker keine Lust, den Kaiser zu spielen. Das „Kaiserlein“ schickte er 476 in den sicher sehr angenehmen Ruhestand auf dem Landgut des berühmten Lucullus. Unwichtige Geschehnisse, aber wir brauchen Einschnitte, und so gilt Romulus Augustulus heute als letzter Kaiser von Westrom, über den noch Friedrich Dürrenmatt eine „ungeschichtliche historische Komödie“ schrieb und sie Romulus der Große nannte. Michael Jäger

B

Businessclass Ich gebe es zu: Ich bin der Typ vor dem Vorhang. Wenn Sie sich (vor Corona) in der Economyclass im Flieger quetschten, dann war ich der, der sich auf dem bequemen Leder rekelte. In der Welt der Geschäftsreisenden gelten eigene, überbordend bornierte Regeln. Nicht erst seit dem Film Up in the Air wissen wir, dass Status alles ist. Senatoren-Karten werden wie Reliquien hochgehalten, und die Stimmung kippt, wenn einer die HON-Karte zieht. Doch auch die Etikette hat ein Leistungsvakuum: die Kurzstrecke im Flieger, die zwar Businessclass heißt und auch kostet, aber nicht ist. Es ist ein verschiebbarer Vorhang, der sie zu etwas Besserem machen soll. Ach ja, liebe Airline, da war noch das ach so viel bessere Essen. Ich erinnere an Gummibaguettes und geschmolzenes Konfekt. Aber wie sagte eine Flugbegleiterin: Egal, zahlt ja eh Ihre Firma. Na ja, antwortete ich zerknirscht, die Firma gehört mir aber. Sie brachte mir wortlos Tomatensaft (mit Pfeffer!), die ehrlichste Entschuldigung, seit es Luftfahrt gibt. Jan C. Behmann

F

Freitag Wenn ich Menschen die Zeitung erkläre, für die ich arbeite, dann meistens so: „Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die am Mittwochabend digital und am Donnerstag gedruckt erscheint und die wohl meist samstags sowie sonntags gelesen wird.“ Unser Name ist also ein kleiner – ich will meinen: charmanter – Etikettenschwindel. Wie kam es dazu?

Der Freitag ging im Jahr 1990 mit der Unterzeile „Die Ost-West-Wochenzeitung“ an den Start, als Fusion aus dem Ostberliner Sonntag sowie der in Westdeutschland publizierten Deutschen Volkszeitung. Sonntag, das klingt beinahe so schön wie Freitag; und tatsächlich sollte der ebenso mit dem Wochenende korrespondierende neue Name die Sonntag-Leser aus der DDR (Uckermark) motivieren, den Übergang zur neuen Zeitung zu wagen, was zunächst wohl eher schlecht als recht gelang. Zudem korrespondierte Freitag gut mit dem Titel eines regelmäßig beiliegenden langen Lesestücks: „Robinson“. Ich kann mir keinen schöneren Namen für eine Wochenzeitung vorstellen. Im Moment, da ich dies schreibe, ist es später Freitagnachmittag, draußen scheint die Sonne, die Vögel singen, das Wochenende steht vor der Tür, und der Freitag lag längst im Briefkasten. Sebastian Puschner

G

Greenwashing Shell pflanzt Bäume, Nestlé bekämpft den Hunger, und Coca-Cola bewahrt das Trinkwasser. Es gibt keinen Konzern, der nicht versprechen würde, die Welt zu retten. Greenwashing heißt das, wenn sie ihr schmutziges wie profitables Kerngeschäft unter einem grünen Mäntelchen verstecken und ihren Kund*innen ein gutes Gewissen verkaufen. Jeder weiß: All das sind grüne Fake News. Doch je absurder und durchschaubarer die Lügen sind, desto eher werden sie geglaubt. Ausgerechnet von einer Zielgruppe, die besonders gebildet ist – aber zu einer Schicht gehört, die zwar ein hohes Umweltbewusstsein hat, aber gleichzeitig einen aufwendigen Lebensstandard pflegt. Die an den bestehenden Verhältnissen kaum was ändern möchte. Greenwashing funktioniert. Es verspricht, dass alles anders wird, damit alles bleiben kann, wie es ist. Kathrin Hartmann

I

Italianisierung Elbflorenz, Klein-Venedig und Rom des Nordens: Über die Vorliebe, Städte nördlich der Alpen mit italienischen Orten zu vergleichen, kann man staunen. Schon im 18. Jahrhundert waren die Fahrten ins Land der blühenden Zitronen beliebt, und man brachte seine Seh-Erfahrung mit nach Hause. Es ist rückprojizierte Italienliebe, die zum lokalpatriotischen Labeling von Dresden, Erfurt und Bremen führt. Um als Venedig des Nordens zu gelten, reicht schon das Vorhandensein von ein paar Brücken: Ein Dutzend Städte weiß das. Tobias Prüwer

J

Johnny Cash „Mein bester Kumpel ist und bleibt mein Vater ...“, neulich habe ich das Lied wieder gehört. Sparsames Banjo, eingängige Melodie, sonore Stimme. Der Song von 1987 wurde zum Klassiker. Peter Tschernig war ein Star, der „Johnny Cash des Ostens“: schwarze Lederjacke, Schnauzer, Country. Er sang von Taxifahrern, vom Erwachsenwerden. Nach dem Mauerfall wurde er praktisch vergessen. Einen Auftritt hatte er noch: in Robert Thalheims Film „Netto“ (2004) – als er selbst. Der erfolglose Sicherheitsexperte (Milan Peschel), bisschen traurige Gestalt, hat eine Vorliebe für ihn. Die Filmmusik besteht aus Songs von Peter Tschernig. Er landete zwar nicht, wie Cash, im Olymp der Unsterblichen, dafür in unserer Plattensammlung. Maxi Leinkauf

O

Oregano Das Marihuana der Dorfjugend steht im Gewürzregal. Der Name ist natürlich nicht ganz zutreffend, denn der Ersatzstoff dient allen, die keinen Dealer kennen. Oder jenen, die ihre ahnungslosen Freunde abziehen wollen. Oregano wird wie Gras in die Tüte gedreht, geraucht und soll high machen. Zu empfehlen ist das natürlich nicht. Während viele Kräuter wenigstens halbwegs als Tabakersatz taugen mögen – wenn man schon rauchen muss –, ist Oregano geradezu gefährlich. Es enthält einige toxische Phenole. Zudem entsteht bei der Verbrennung das krebsauslösende Benzol. Daher bleibt es besser als schmackhafte Zutat der Mittelmeerküche vorbehalten, aber nicht nur dieser. Mit Oregano kann man Bohnenkraut ersetzen, und an alles, wo Tomaten im Spiel sind, gehört neben Basilikum auch Oregano. Ab damit ins Tex-Mex-Gericht oder ins Omelett. Man kann damit Speiseeis würzen und dem Gin Tonic eine ungewöhnlich-pikante Note verpassen. Oregano ist das Maggi der Feinschmecker. Tobias Prüwer

P

Paradies Angstverzerrt sind die Gesichter von Adam und Eva auf den Gemälden alter Meister. Vertrieben aus dem Garten Eden, weil sie vom verbotenen Baum der Erkenntnis gekostet hatten, wussten sie fortan nicht nur um Gut und Böse, sondern auch um ihre Zeitlichkeit auf Erden. Diesem Preis der Freiheit können wir Menschen nicht entrinnen, ob wir uns in einem Küchen-Paradies oder Fahrrad-Paradies verstecken oder uns in eine Paradies-Bettdecke hüllen. Werbung will uns bei unseren Sehnsüchten packen. Ein Spar-Paradies, ein Taschen-Paradies, ein Sockenwolle-Paradies sogar – nur, damit wir Konsum mit Glück verwechseln. Wie heuchlerisch das ist, man ist daran gewöhnt. Welche Insel sich auch paradiesisch nennt, das Versprechen vollkommener Harmonie gilt nur dem Augenblick. Dennoch träumen, suchen wir. Der moderne Mensch, entwurzeltes Wesen ohne Auferstehungsglauben, hat sich mit Kulissen der Täuschung (Greenwashing) umgeben. Selbst in der obszönen Erniedrigung zum Schnitzel-Paradies ist der Mythos machtvoll. Irmtraud Gutschke

S

Serie Wenn ich den nächsten Freund davon überzeugen will, dass er unbedingt die Spionage-Serie The Bureau gucken soll, nenne ich sie „das französische Homeland“. Ich selbst habe mich vor Jahren davon überzeugen lassen, Borgen zu schauen, weil es mir als „dänisches House of Cards“ angepriesen wurde. Was mir bei genauerer Betrachtung nicht nur deshalb ungerecht schien, weil Borgen in vielerlei Hinsicht so viel fortschrittlicher daherkommt als die amerikanische Polit-Serie, sondern auch, weil Letztere erst ein paar Jahre nach Borgen in Produktion ging. Außerdem stellte sie selbst nur die Neuauflage des originalen „britischen House of Cards“ dar.

Das französische „House of Cards“ heißt übrigens „Baron Noir“, darin spielt Kad Merad den Bürgermeister einer linken Partei, der nicht überwinden kann, dass man ihn im Zuge von Präsidentschaftswahlen zum Bauernopfer macht. Die Serie lohnt sich – genau wie Suburra, das italienische House of Cards, das seinerseits vielleicht eher ein italienisches Sopranos ist ... Apropos: Ein ganz heißer Tipp ist Brigada (Law of the Lawless), das russische Sopranos, oder eher das russische The Wire? Auch The Wire gibt es gewissermaßen auf Französisch: Engrenages – Im Fadenkreuz der Justiz handelt vom oft fatalen Ineinandergreifen von Gesellschaft und Institutionen in Paris. Wo es für mich aufhört, ist, wenn jemand The Witcher als das neue Game of Thrones bezeichnet – nur weil das beides Fantasy-Romane sind? Barbara Schweizerhof

U

Uckermark Mit Franzosen kennen sie sich hier aus. Mit Italienern nicht. Und jetzt soll das die „Toskana des Nordens“ sein, die Uckermark (Italianisierung). Die Franken verdrängen die Slawen. Später wandern Hugenotten ein. Noch in den 1960ern sprechen hier viele Alte Französisch. 1945 flieht das blaue Blut vor der Roten Armee. Dann kommen die Nordlandfahrer, um die Landwirtschaft zu kollektivieren. Man nennt sie Kaffeesachsen. Wer vor 1961 in den Westen floh und 1975 auf Besuch ist, erkennt die Landschaft nicht wieder. Grenzsteine und Hecken sind verschwunden. Große Maschinen ziehen über riesengroße Felder. Vorwerke werden abgebrochen. Ihre Bewohner leben jetzt in Plattenbauten. Alle haben Arbeit, Krankenversicherung, Rentenanspruch, es gibt den „Erntekindergarten“. Dann verschwindet die Arbeit. Man zieht ihr nach. Die neuesten Uckermärker werden Buletten genannt. Aber die Uckermark-ist-unsere-Toskana-Berliner essen Spätzle oder Veggie-Burger und trinken Streuobstwiesenmost. Michael Suckow

Z

Zucker Die Verbraucherorganisation Foodwatch verleiht seit 2009 den Goldenen Windbeutel. Online wird abgestimmt, welches Produkt als „dreisteste Werbelüge des Jahres“ ausgezeichnet werden soll. Oft sind Zuckerbomben in der engeren Auswahl, die als kindgerecht beworben werden, aber Karies fördern. 2019 etwa gewann Zwergenwiese den Preis für eine „Kinder-Tomatensauce“, die mehr als doppelt so viel Zucker enthält wie die Sauce für Erwachsene. Dreimal in Folge wurde die Babynahrungs-Firma Alete gekührt. Der erste Goldene Windbeutel ging an Danones Actimel, das angeblich „Abwehrkräfte“ stärkt. Naturjoghurt tue das auch, so Foodwatch – bloß günstiger und mit weniger Zucker. Ben Mendelson

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06:00 26.05.2021

Ausgabe 19/2021

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