Nackte Frauen und ein röhrender BMW: Florentina Holzingers spektakuläre Performance

Kunst Warum bloß nackt? Die österreichische Künstlerin Florentina Holzinger veranstaltet bei der viel beachteten Reihe „Disappearing Berlin“ ein shocking Feuerwerk
Florentina Holzinger „Étude für Disappearing“ in der ehemaligen Gallus Druckerei, Berlin
Florentina Holzinger „Étude für Disappearing“ in der ehemaligen Gallus Druckerei, Berlin

Foto: Silke Briel/©Schinkel Pavillon and the Artist

In Berlin beziehungsweise auf Instagram fand am vergangenen Sonntag ein künstlerisches Ereignis statt, das so shocking war, dass Kindern der Zutritt verwehrt werden musste. Brennende Körper! Blut! Nackte Harfenspielerinnen! Frauen, die sich in die Bäuche treten! Verbrannte Reifen!

Ein Feuerwerk der starken Bilder war das, was die österreichische Choreografin, Performerin, Künstlerin Florentina Holzinger mit Team da auf einem verlassenen Parkplatz abfetzte, zwischen ausgekotzten Parkgaragen und erwürgten Straßen.

Und so sah es aus: fünf Harfen samt Spielerinnen, vier graue Matten – aufgestellt, davor, daneben jeweils zwei Kämpferinnen und Feuerlöscher, in der Mitte die Dirigentin, ebenfalls nackt, bis auf die Trillerpfeife. Alle im Halbkreis. Darunter nur der Asphalt.

Drum herum der Klang. Von Harfen, die Sequenzen spielen, Schreie der sich Schlagenden, klatschende Körper, Vögel und Stadt hier und da. Die Pfeife! Störgeräusche, die zu Beats werden. Und dann ein Röhren, ein Motor, ein BMW-Motor.

Étude für Disappearing. Komposition für acht Körper, fünf Harfen und ein Auto heißt die Performance, und das Auto wird noch Donuts ziehen und pinken Qualm verstrahlen (großer Instagram-Moment natürlich), und das Dach des Autos, dessen Karosse mit einer Spezialfolie versehen wurde, die gestapelte Holzscheite zeigt, wird von Holzinger selbst bestiegen, bezwungen, erobert. Dann brennt’s. Der Boden. Zwei Körper.

Sehen Sie das alles vor sich? Das Spektakel?

Disappearing Berlin

Na ja, jedenfalls findet das Ganze im Rahmen der viel beachteten Reihe Disappearing Berlin statt. Initiiert vom Schinkel Pavillon. Künstlerische Leitung: Marie-Therese Bruglacher. Seit 2019 wird vor vergessener Architektur, an versteckten Orten, schwer erreichbaren Orten, bald abgerissenen Bauten immer wieder aufgespielt. Diesmal die ehemalige Gallus Druckerei in Tiergarten. Beziehungsweise der Parkplatz davor.

Nacktheit und Stunts sind in Holzingers Werk wiederkehrende Mittel. Gerade läuft ein Stück von ihr an der Volksbühne. Warum bloß nackt? Das ist im Falle von Germany’s Next Topmodel natürlich viel einfacher zu beantworten als in der Kunst, auch wenn es dort mehr Antworten gibt. Therapeutische Wirkung habe das, sagte Holzinger mal. Selbstermächtigend sei es. Und es ist ja richtig, wir sollten alle viel mehr nackt sein, diese ganze Egalheit der Körper in Hautrollen und Beindellen in uns reinstopfen.

Und wären nicht alle so nackt gewesen (wo castet man eigentlich Harfenspielerinnen, die einwilligen, nur in Schuhen gekleidet zu musizieren?), vielleicht wären die Kleider der Besucher dann nicht so aufgefallen. So hatte das illustre Publikum ebenfalls Performance-Charakter: große gelbe Brille zu roten Haaren und pinkem Pullover. Leuchtende Hosen, Cowboystiefel, Kappe mit abgeschnittenem Schirm, Architektenstrenge. Das coole Berlin war zusammengekommen. Anne-Imhof-Lookalikes, Menschen, die wie Balenciaga-Models aussehen, manche, die es wohl auch sind, Kunststudentinnen, müde DJs, Künstler, berühmte Autorinnen, Pärchen, die man von Instagram kennt, Chefredakteure. Gucken, gucken, gucken.

Und schön waren nicht nur die Bilder, die wie platzende Blutkapseln ins Auge des Betrachters geworfen wurden. Besonders schön war das begeisterte Publikum, das hinterher vor allem begeistert schien und nicht sagen konnte, was es da nun gesehen hat. Wie sich die nackten Frauen in Sequenzen immer wieder ins Gesicht schlagen, an den Haaren ziehen, in den Bauch treten, in einem Rhythmus, der sedierend wirkt, wie Trommeln, man konnte sehr gut wegdriften in dieser Gewaltdarstellung. Shockingly unshocking.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden