Etwas Geistiges

Weltüberwindung Ein materialistischer Zwischenruf zur Tragik des Kunstsammlers

Die Stadt Zürich erteilte dem Kunstbesitzer Friedrich-Christian Flick eine Abfuhr, der mitten in der Stadt auf eigene Kosten vom Toparchitekten Rem Koolhaas ein Museum bauen lassen wollte. Christoph Marthaler, Jürgen Flimm, Volker Schlöndorff, Günter Grass und andere bohrten in der Vergangenheit des Mäzens und förderten Unrat ans Licht: "Blutgeld" seien die Milliardenwerte, da geerbt vom Großvater Friedrich Flick, der zu Hitlers wichtigsten Waffenlieferanten gehörte. Nicht nur zahlenmäßig mit 2.500 Werken, sondern auch qualitativ soll die Flicksammlung weltweit die bedeutendste Moderne-Kollektion in privater Hand sein. Nun sucht Flick in Berlin. Doch auch hier wurde lange diskutiert, bevor die Museumsverantwortlichen sich jetzt für die Sammlung entschieden.

"Die Kunst, die Herr Flick gesammelt hat, ist eine generell unpolitische," lamentierte Wolfgang Joop. Christoph Stölzl widersprach: "Mäzenatentum, das den Namen verdient, bedarf immer der Schenkung. Nach allem, was wir wissen, geht es aber vorerst um eine Leihgabe." Einen Teil der Exponate im "Hamburger Bahnhof" stellte der Berliner Sammler Erich Marx als Dauerleihgabe zur Verfügung. Warum werden an die Flick-Sammlung andere Maßstäbe gelegt? Anders als bei anderen fragt man: Woher hat er sein Geld? Das Gesamtvermögen Flicks wird auf mindestens sechs Milliarden Euro geschätzt, das auch auf dem Rücken der total entrechteten 40.000 Zwangsarbeiter entstanden ist. Und die anderen?

Der Kunstsammler Otto Gerstenberg (1848-1935), einer der ersten großen Kunstsammler Berlins, Mitbegründer der Victoria Versicherung, die unter anderem durch die bismarckschen Pflichtversicherungen zur größten Lebensversicherung Deutschlands wurde, unterstützte Bismarcks Jagd nach Kolonien mit Geld. Gerstenberg sammelte zunächst Dürer, Rembrandt, Goya, Daumier und Toulouse-Lautrec. Im Todesjahr Nietzsches (1900), der die Kunst als die "eigentlich metaphysische Tätigkeit des Menschen" bezeichnete, die der "Steigerung des Lebens" diene, wechselte der reiche Sammler Gerstenberg zur Moderne, zu den Impressionisten. Anders David Thomson. Er ersteigerte kürzlich für 76,7 Millionen Dollar Rubens Kindermord von Bethlehem. Thomsons kanadische Familie ist seit über einhundert Jahren Besitzer von Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen, Ölplattformen und einem Reisekonzern. Geschätztes Familienvermögen: 30 Milliarden Dollar. Sollte das Gemälde als Dauerleihgabe in einem staatlichen Museum in Toronto landen, ist die kanadische Regierung zu einem gewaltigen Steuernachlass per Gesetz verpflichtet. Der Verdacht liegt im Falle Thomson also nahe, dass er nicht zu jenen Sammlern gehört, die aus Leidenschaft sammeln. Denn zur Leidenschaft der reichen Sammler gehört die Orientierung auf die Moderne.

Als das Arbeiterkind Erich Marx, heute Besitzer vieler Rehakliniken, eine Grafik von Friedrich Mecksepers entdeckte, war es um ihn geschehen: "Und plötzlich war da eine Faszination, die mich nicht mehr losgelassen hat." Er wurde Kunstsammler. "Der ideale Käufer investiert nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Mühe. Er setzt sich wirklich mit dem Werk auseinander, weil er die Fragen, die der Künstler aufwirft, als die seinen erkennt" (Jörg Immendorff). Doch "angesichts schwieriger Börsenzeiten suchen Anleger zunehmend beständige Werte, der Kunstmarkt ist in den Spitzenbereichen langfristig renditestärker als die Wertpapiermärkte" sagt Wolfgang Wilke, Kunstmarktexperte der Dresdner Bank. Am begehrtesten bei Sammlern sind Gemälde der Moderne. Sie machen 1/3 der Umsätze aus, (Rendite zwischen 1970-2000: 8-20 Prozent), gefolgt von europäischen Möbeln (11,3 Prozent), Gemälde alter Meister und Schmuck (je 10 Prozent). Sowie es aufgeblähte Aktien gibt, hinter denen keinerlei produzierte Werte stecken, so gibt es auf dem Kunstmarkt viele Fälschungen. Von Dali oder Miro sind mehr falsche als echte Werke im Handel.

Anders als im alltäglichen Warenaustausch, wo die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit den Wert eines Produktes bildet, gibt es diese objektive Größe auf dem Kunstmarkt nicht. Der Preis der modernen Kunst steigt durch die Deutungen, die Kritiker formulieren. Echte Kunst, also "das Hier und Jetzt des Originals" (Walter Benjamin) ist eine Luxusware geworden, deren Besitz nur wenigen vorbehalten bleibt. Diese Luxusware wird nicht konsumiert, wie ein Rolls oder Porsche, sondern ihr Preis, bei richtiger Anlage, steigt sogar und mit ihm das Ansehen seiner Besitzer. "Der eine baut ein Unternehmen auf, der andere baut eine Sammlung auf, möchte aber natürlich auch Ansehen dafür, Bestätigung. Der Öffentlichkeit kommt hier eine wichtige Rolle zu" (Frieder Burda). Das "echte Kunstwerk", worunter die Sammler stets das Original verstehen, wird zu einem Fetisch. Die Beziehung zur Kunst wird verdinglicht, wodurch sie an menschlicher Bezogenheit verliert. Mit jedem neuen Original nimmt die Wichtigkeit der eigenen Person zu. Fast jeder Museumsstifter wird irgendwann Ehrenbürger oder erhält das Bundesverdienstkreuz.

Dabei sind die modernen Produktionsmittel heute längst in der Lage, jedes Kunstwerk millionenfach zu reproduzieren. Diese Reproduktionsmöglichkeiten lassen den Fetischcharakter der Originalsammler erst richtig deutlich werden. Die Kunst hat sich objektiv längst aus dem Banne der Magie und Religion befreit. "An die Stelle ihrer Fundierung aufs Ritual tritt ihre Fundierung auf eine andere Praxis: nämlich ihre Fundierung auf Politik", so urteilte einst Walter Benjamin. Damit ist keine angeordnete Parteien- oder Staatskunst gemeint, sondern Defetischisierung.

Was ist nun das Material heutiger Kunst? Die Menschen tragen mittels ihrer Ideologie gesellschaftliche Konflikte in ihrem Bewusstsein aus, die im wesentlichen in den ökonomischen Kategorien des gesellschaftlichen Seins ihre Wurzeln haben. Der Kunstmarkt "bringt seine eigenen Führer hervor, die befehlen, die Gutachten anfertigen, den Geschmack auferlegen, die Sachverständigen stellen, gefälschte Werke in echte verwandeln und die echten in gefälschte, die um ein Bild eine Atmosphäre aufbauen, die die Sammler anzieht" (Manuel Vicent). Das ist die Arbeitsgrundlage für einen relativ neuen Intellektuellen-Typ: den Art Consultanter. Bei der Schweizer UBS Bank beschäftigen sich 28 Mitarbeiter mit Art Banking. Die Experten verfügen über ausgezeichnete Kontakte zum internationalen Kunsthandel und verwandeln auf Wunsch für den solventen Kunden eine ererbte Sammlung Alter Meister in eine der Klassischen Moderne. Auch Hitler und Göring ließen durch ihre Kunsthändler (unter anderen Andreas Hofer) manchen Sammlungstausch einfädeln. 1936 erwarb die Ludwigsgalerie München für Hitlers Reichskanzlei Böcklins dritte Fassung der "Toteninsel" von den Erben Eduard Sturzeneggers, St. Gallen. Der Kaufpreis von 66.000 Reichsmark wurde partiell durch nicht mehr genehme impressionistische Gemälde der Sammlung der Nationalgalerie Berlin abgegolten. Die Ideologen Hitlers sprachen von einem anbrechenden "plastischen Zeitalter" allgemeinverbindlicher und überindividueller Prinzipien, das die vorangehende individualistische Kunst überwinden sollte. Die Vollkommenheit einer überindividuellen Schönheit des "soldatischen Körpers" sollte als Leitbild suggeriert werden.

Bilder der Kunst sind Bilder des Zeitgeistes, der von Sammlern geprägt wird. Intellektuelle verschiedenster Sparten bannen dieses Leitbild in Worte. Frieder Burda (Burda-Verlag, 3,5 Milliarden Mark Vermögen) änderte die Wahl der Objekte seiner Kunstsammlung 1968 in Baden-Baden, als er Bilder von Gerhard Richter sah. Er setzte die Sammlung von Expressionisten, die sein Vater begonnen hatte, nicht mehr fort. "Die Hinwendung zu Sigmar Polke kam dann fast zur gleichen Zeit."

Bedingt durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung liefert dann der Stab an Intellektuellen den Künstlern-Sammlern das geistige "Material". In seiner Weltanschauung Giacometti verwandt, beschäftigte sich zum Beispiel Francis Bacon in seinem Frühwerk mit den Gedanken von Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Doch die Philosophie prägt selbst solche Maler, die nie ein philosophisches Buch zur Hand genommen haben. Dafür sorgen schon die Reden auf den Ausstellungseröffnungen. Wenn im BBK-Ortsverein dem ältesten Mitglied, das sich noch immer an Gegenständlichkeiten in der Natur orientiert, von den jungen Kollegen freundschaftlich gesagt wird, es solle sich "frei malen", "mehr aus sich herauskommen", so treffen hier zwei philosophische Richtungen aufeinander. Der alte Maler, der in jungen Jahren noch intensiv Perspektive und Anatomie an lebenden Modellen studierte, um dem Leben auf der Leinwand annähernd entsprechen zu können, ist einem philosophischen Materialismus verbunden, der sich an den Gegenständen der objektiven Welt orientiert, deren Augenblick er zweidimensional festzuhalten gedenkt. Anders die jungen Maler. Nicht die Gegenständlichkeit, sondern die "Intuition" soll zum Ausdruck gelangen, deren Quelle ins Reich des Mythischen führt. "Höhere Wesen befahlen mir, Flamingos zu malen", fabuliert Sigmar Polke, auf dessen Haus sicher ein Blitzableiter und nicht Jupiter verhindern soll, dass es in Flammen aufgeht. Diese Vorstellung entspricht einem philosophischen Idealismus, für den das Subjekt alles und die Gegenstände der äußeren Welt nicht viel bedeuten. Da der Idealismus seit über hundert Jahren zur herrschenden Ideologie geworden ist, werden es jene Maler schwer haben, die am Materialismus (Naturalismus) festhalten.

Nietzsche ist der geistige Ziehvater des modernen Idealismus in der Kunst, was nicht nur an den häufigen Darstellungen dieses Mannes deutlich wird. Der Theoretiker des Expressionismus, Wilhelm Worringer, setzte Nietzsches Philosophie für die Kunst um: Der Expressionismus sei ein Mittel, sich zu "emanzipieren von jenem Rationalismus des Sehens, der dem gebildeten Europa als das natürliche Sehen erscheint." Man begann vor der Wirklichkeit in eine abstrakte Opposition gegen die "Bürgerlichkeit" oder das "Spießige" zu flüchten, ohne sich dabei der historischen und gesellschaftlichen Bedeutung dieser Begriffe im klaren zu sein. Die Wirklichkeit wird einfach wegabstrahiert, um sich in einer selbsterdachten "Un-Wirklichkeit" (Kurt Pinthus) mit allen Mitteln und Möglichkeiten austoben zu können.

"Die Vielfalt und Wirklichkeit verschwinden doch beinahe," behauptet Anselm Kiefer, "vor den unendlichen Kolonnen der bloßen Möglichkeit". Dass es die Möglichkeiten des Menschen, demzufolge auch der Kunst, nur geben kann in einer menschlich konkreten Wirklichkeit, verschwindet im mythischen Reich dessen, was alles noch "Ungeboren" ist, also noch nicht zur Wirklichkeit wurde. Der Künstler wird so, wie Paul Klee sich selbst einmal bezeichnete, ein "Neutralgeschöpf" außerhalb jeder "sozialen Verbindlichkeiten". Für Marc war die Kunst "Symbol für die Altäre des kommenden Geistigen," das in Alfred Rosenberg seinen Vollstrecker fand. Die Kunst war für Rosenberg eine "Religion an sich" die als "Medium der Weltüberwindung" dienen sollte. Bei der Realisierung des Willens zur Sammlung gehe es nicht "um irgendwelche materiellen Dinge", sagt Frieder Burda, "sondern um etwas Geistiges. Auch dem Zusammentragen von Kunst liegt ein gewisser kreativer Prozeß zugrunde. Bei dem Sammler Erich Marx ist mir kürzlich aufgefallen, dass seine bedeutende Sammlung auch sein Lebenswerk ist, das er ganz alleine geschaffen hat. Dies gilt auch für meine Sammlung."

Kunst soll Frieder Burda als "Medium der Weltüberwindung" dienen. Er ist zwar reich, aber nur durch die Kunstsammlung glaubt er sein Lebenswerk finden zu können, das ihm auf der Ebene des Alltagsmenschen nicht zu gelingen scheint. Gerhard Richter und Sigmar Polke eignen sich für diese Art der Wirklichkeitsflucht aus dem goldenen Käfig besonders gut, wurden sie doch nach einer gemeinsamen Aktion in Düsseldorf 1963 ironisch in die Kunstrubrik "kapitalistischer Realismus" eingeordnet. Ganz im Sinne Kandinskys, der die Entkopplung der Kunst von jeglicher äußerer Sinnbestimmung forderte, sagt Gerhard Richter: "Bilder, die deutbar sind und die Sinn enthalten, sind schlechte Bilder." Sind Richters Bilder also sinnlos? Nein! Sie geben Burda, Marx, Flick eine Grundlage für ein Lebenswerk, das öffentliche Bewunderung erzielt.

00:00 27.12.2002

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare